Erfahrungsbericht

Mit der U-Bahn zur Arbeit: Was unsere Autorin erlebte

Täglich Kreuzberg - Charlottenburg und zurück: per U-Bahn statt Auto. Ob unsere Autorin das bereut hat? Ein Erfahrungsbericht.

Genervt in der U-Bahn unterwegs: Uta Keseling.

Genervt in der U-Bahn unterwegs: Uta Keseling.

Foto: Reto Klar

Berlin. Es war vielleicht eine naive Idee. Weil in Kreuzberg Parkplätze knapper werden, fahre ich seit vier Wochen mit der U-Bahn zur Arbeit. Täglich Kreuzberg–Charlottenburg und zurück, kein Problem, Zigtausende andere machen das ja auch. Dachte ich. Seit vier Wochen bin ich Teil einer neuen, manchmal lehrreichen, zumeist aber ziemlich unterirdischen Welt.

Das Zuverlässigste an dem „Weil-wir-euch-lieben“-Angebot der BVG fand ich schnell heraus: Es ist die Ansage „Der Zugverkehr auf der Linie X ist unregelmäßig.“ Wie ein Echo verfolgt einen das. Bei der Anzeige „Kurzzug hält hinten“, habe ich gelernt, sollte man lieber losrennen, wahrscheinlich hält er ganz vorne. Überhaupt scheinen die U-Bahnen, seit ich dabei bin, immer kürzer zu werden, immer dreckiger und beschmierter. Und sie sind zu den seltsamsten Zeiten überfüllt.

Im Untergrund fast eine familiäre Vertrautheit

Was ich jetzt noch weiß: „Meine“ Linie U7 hat sich beim „Bus der Hölle“ M29 mit der „Rudelbildung“ angesteckt: Entweder es kommt gar keine Bahn oder es kommen gleich fünf Bahnen nacheinander. Auch die BVG-Minuten kenne ich jetzt, eine besondere, unterirdische Zeitzählung, die offenbar mehr mit Psychologie zu tun hat als mit der tatsächlich „durchgetakteten“ Tagwelt.

Schuld an allem sind die Menschen. Also die Leute, die beim Ein- und Aussteigen viel zu lange brauchen, die Zugtüren durch mutwilliges Aufhalten beschädigen, die andauernd die Notbremse ziehen, nachts komplette Züge neu „lackieren“, beim Pinkeln auf die Gleise laufen und offenbar immer wieder so massenhaft an Bahnsteigen auftauchen, dass an der Anzeige abwehrbereit steht: „Do not enter!“

Das alles nervt, andererseits gibt es unter Berlins Oberfläche eine seltsame, fast familiäre Vertrautheit. Nicht nur durch die Wärme und den Muff in den Zügen, in denen es oft riecht wie in einer Schule oder auch bei der Essensausgabe in der Suppenküche. Die BVG als Zuhause: Immer wieder sieht man Menschen mit der U-Bahn umziehen. Mitsamt Möbeln, so wie in den Werbespots des Unternehmens, nur nicht so lustig.

Schminken in der Bahn und Notfall-Stopp

Einmal verstellte ein Mann mit einem Unterschrank eine Zugtür, um sie aufzuhalten, während er den gläsernen Oberschrank in den Waggon bugsierte. Von den Sitzen schauten die Fahrgäste zu wie eine verschüchterte Familie. Es fehlte nur, dass er draußen Namensschild und Klingel anbrachte.

An einem anderen Morgen saß ich einer jungen Frau gegenüber, die sich schminkte. Also, nicht nur schnell Lipgloss nachziehen, sondern das volle Make-up. Geschickt zog sie mit einer Hand aus ihrer Tasche unablässig Wattepads, Grundierungen, Döschen und Mascara, malte sich mit einem Stift entlang der Nase zwei schwarze Striche, die sie danach routiniert verrieb, während sie mit der anderen Hand das Handy im Selfiemodus balancierte. Es war die Live-Performance eines Youtube-Schminktutorials, zum Glück ohne Kommentare.

Dann kam der Tag, als jemand am Mehringdamm die Notbremse zog. Bahnhöfe haben rote Notschalter, um den Strom abzuschalten. Danach sieht der Bahnhof aus wie ein willkürlich angehaltener Film, nichts geht mehr, nur die genervten Passagiere sind leider echt. Notschalter zu ziehen ist offenbar ein beliebter Sport, weswegen die BVG, die ja für alles Verbotsschilder, Piktogramme, Erklärtexte oder Entschuldigungen hat, lieber auf den Appell verzichtet, diese Schalter wirklich nur im Notfall zu ziehen. Man fürchtet wohl Nachahmer.

Muss man sich das täglich geben?

Wegen der Notbremsung stoppte der Zug im Bahnhof Gneisenaustraße. Durch die offenen Türen hatte man einen Blick nach draußen. Der Bahnsteig als Bühne: Hier wird täglich dasselbe Stück gegeben. Darsteller sind Männer auf einer Bank, die sitzen, reden, trinken, lärmen und, nun ja, eben sehr intensiv anwesend sind. Der Tag beginnt mit Bier oder Kaffee, mit kraftvollem Schulterklopfen und „Ey, Atze, wie geht’s“. Abends ist die Anrede eher „Du Arschloch“, es fliegen auch Flaschen. Als sich die Frühstücksrunde an der Tür zum U-Bahnwaggon die ersten Zigaretten anzündete, fuhr die Bahn zum Glück wieder weiter.

Muss man sich das täglich geben? Manchmal brauche ich 15 Minuten zur Arbeit, an anderen Tagen eine Stunde „wegen Verzögerungen“, „schadhaften Zügen“, weil der Zugverkehr „unregelmäßig“ ist oder weil alle anderen auch irgendwo hin wollen. Aber ich hatte geglaubt, keine Alternative zur BVG zu haben – in meinem Kreuzberger Nachbarkiez wird die Parkraumbewirtschaftung eingeführt. Was nun erstmal nicht passiert, wegen „Verzögerung durch Schwierigkeiten bei der Erstellung der Pläne“, vom Bezirksamt kann selbst die BVG sprachlich noch lernen, aber das ist eine andere Geschichte.

Jedenfalls habe ich deswegen die Umweltkarte der BVG abonniert. Ein Jahr fahren so viel man will. Es klang nach Freiheit und unendlicher Liebe in BVG-Gelb. Nach drei Wochen des Wartens kam tatsächlich die Umweltkarte bei mir an. Bedruckt mit BVG-gelbem Herzchen und einem Spruch, als hätten sie genau gewusst, was mich erwartet: „Card aber fair“.

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