Terroranschlag

Attentäter vom Breitscheidplatz hatte offenbar Mitwisser

Eine V-Person berichtete, dass ein weiterer Islamist den Anschlagsplan kannte. Die Berliner Polizei führte drei informelle Zuträger.

Welche Rolle spielte der Verfassungsschutz im Fall Amri?

Der Verfassungsschutz behauptet, er sei in den Fall Amri nicht involviert gewesen. Unser Redakteur Ulrich Kraetzer kennt Unterlagen, die das Gegenteil belegen.

Welche Rolle spielte der Verfassungsschutz im Fall Amri?

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Berlin. Der Generalbundesanwalt hatte sich früh festgelegt: Bei der Todesfahrt auf dem Breitscheidplatz am 19. Dezember 2016 handele es sich um die „Tat des Einzeltäters Anis Amri“, teilte die oberste deutsche Ermittlungs- und Anklagebehörde bereits im April 2017 mit. Belastbare Hinweise auf Mittäter oder Helfer gebe es nicht, sagte einer der Bundesanwälte auch im Juli 2017 im Innenausschuss des Abgeordnetenhauses.

Wenige Tage vor dem zweiten Jahrestag des Anschlags gerät die Einzeltäterthese nun jedoch ins Wanken. Denn nach Informationen der Berliner Morgenpost und des Rundfunks Berlin-Brandenburg (RBB) hatte der Tunesier Anis Amri offenbar mindestens einen weiteren Islamisten in seinen Terrorplan eingeweiht.

Der Untersuchungsausschuss des Berliner Abgeordnetenhauses am Freitag vergangener Woche: Als Zeuge geladen ist der Leiter des Berliner Landeskriminalamtes (LKA), Christian Steiof. Die Abgeordneten haben hohe Erwartungen an die Vernehmung. Denn Morgenpost und RBB hatten berichtet, dass das LKA im Umfeld des späteren Attentäters einen informellen Zuträger, eine sogenannte Vertrauensperson, platziert hatten. Damit stand die Frage im Raum, ob das LKA Amris Gefährlichkeit mithilfe der Quelle womöglich besser hätte einschätzen können.

Das LKA führte drei V-Personen, die Amri kannten

Nach Angaben von Teilnehmern bestätigte Steiof den Medienbericht in der nicht öffentlichen Sitzung. Das LKA habe sogar drei V-Personen geführt, die zu dem späteren Attentäter Kontakt hatten, soll Steiof eingeräumt haben. Zwei seien auf Verdächtige im Drogenmilieu, der dritte auf Mitglieder der Dschihadisten­szene angesetzt gewesen. Dass sie Amri kannten, hätten alle drei aber erst nach dem Anschlag mitgeteilt.

Aufgehorcht haben dürften die Abgeordneten, als Steiof über die Erkenntnisse einer der V-Personen aus dem Drogenmilieu berichtete. Die Quelle habe dem LKA mitgeteilt, neben Amri auch den Islamisten Feysal H. gekannt zu haben. Dieser habe ihm gesagt, dass Amri ihn in seine Anschlagspläne eingeweiht habe. Die Abgeordneten nahmen also mit: Anis Amri hatte einen Mitwisser, nämlich den Islamisten Feysal H. Und dieser Mitwisser teilte seine Kenntnis von Amris Terrorplänen mit einer V-Person des LKA – womit die Frage, ob das LKA Amri nicht hätte stoppen können, umso dringlicher erschien.

Nach Angaben von Sitzungsteilnehmern versicherte Steiof allerdings, dass die V-Person das LKA erst nach dem Anschlag über ihr Wissen über Amris Terrorplan informierte. Hätte das LKA die V-Person vor dem Anschlag gezielter befragen können? Diese Frage blieb nach Angaben von Sitzungsteilnehmern auch nach der Vernehmung offen.

Wer aber ist der Mann, der laut eigener Aussage von Amri ins Vertrauen gezogen wurde? Laut behördeninternen Unterlagen, die Morgenpost und RBB einsehen konnten, ist Feysal H. als islamistischer „Gefährder“ eingestuft, mehrfach vorbestraft und zurzeit wegen einer psychischen Erkrankung in Behandlung. Den späteren Attentäter Amri kannte H. offenbar aus mehreren Milieus. Zum einen verkehrten beide in der Dealerszene. Wie Amri war Feysal H. aber auch Stammgast in der mittlerweile geschlossenen dschihadistischen Fus­silet-Moschee. Bemerkenswert erscheint, dass er dort auch am Tag des Anschlags weilte. Aufnahmen einer Überwachungskamera belegen, dass er den Radikalentreff nur wenige Stunden vor dem Anschlag aufsuchte – zur gleichen Zeit, als sich dort auch Anis Amri aufhielt.

Ob die Islamisten bei dem Treffen womöglich über die unmittelbar bevorstehende Lkw-Todesfahrt sprachen, ist unklar. Offen ist auch, wann Feysal H. der V-Person mitteilte, von Amris Anschlagsplänen gewusst zu haben. Klar scheint dagegen: Das Umfeld von Anis Amri wusste offenbar mehr von den Absichten des Tunesiers als bisher angenommen. Für die Vermutung, dass der Mörder neben dem bereits bekannten „Mentor“ der Terrormiliz „Islamischer Staat“ auch Helfer in Deutschland gehabt könnte, gibt es dagegen bisher keine konkreten Anhaltspunkte.

Die Bundesanwaltschaft wollte sich am Montag nicht äußern. Die Grünen fordern unterdessen weitere Aufklärung. „Die Einzeltäterthese ist jetzt noch weniger haltbar als zuvor. Wir wollen den V-Mann-Führer dazu hören“, sagte der Grünen-Abgeordnete Benedikt Lux.

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