Allergien

Wie Forscher die gefährliche Ambrosia-Pflanze bekämpfen

Die Ambrosia-Pflanzen breiten sich aus. Ein Bündnis von FU und Senat hat ihnen den Kampf angesagt.

Marius Kühnapfel, der eine Ausbildung zum Landschaftsgärtner macht, beseitigt Ambrosia-Pflanzen in Adlershof.

Marius Kühnapfel, der eine Ausbildung zum Landschaftsgärtner macht, beseitigt Ambrosia-Pflanzen in Adlershof.

Foto: jörg Krauthöfer /Funke MedienGruppe

Berlin. Das Blau der großen Müllbeutel ist der einzige Farbklecks an diesem Herbstmorgen im November. Es ist trübe, diesig und feucht in Adlershof. Nur eine kleine Gruppe Menschen läuft auf dem Gehweg der Karl-Ziegler-Straße hin und her. Regelmäßig gehen sie in die Hocke, reißen kleine Pflanzen aus dem Boden und stopfen sie in die Plastiksäcke. Die sind bereits nach kurzer Zeit gefüllt. Hier geht es dem gefährlichen Unkraut, der Ambrosia psilostachya beziehungsweise der Ambrosia coronopifolia an die Wurzel. Ein Bündnis der Freien Universität Berlin (FU) und der Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz hat der hochallergenen Ambrosia-Pflanze den Kampf angesagt. Einer der Ambrosia-Brennpunkte in Berlin befindet sich in der Nähe des Campus Adlershof der Humboldt-Universität.

„Die Ambrosia ist eine gebietsfremde und hoch allergene Pflanze, die in ihrem Wachstum durch den Klimawandel begünstigt wird“, sagt Diplom-Meteorologe Thomas Dümmel von der FU, der an diesem Morgen die Gruppe einer Garten- und Landschaftsbaufirma begleitet. „Es ist der Mensch, der diese Pflanze durch seine Aktivitäten verbreitet.“ Es seien besonders Erdtransporte bei Bauarbeiten, die die mehrjährigen Pflanzen stadtweit verteilen. Die Meteorologen der FU beobachten und messen seit den 80er-Jahren Jahren den Pollenflug und die Entwicklung. Mit der täglich gemessenen Pollenbelastung wird auch eine Pollenflugvorhersage für Allergiker veröffentlicht. Nach dem Hitzesommer 2006 wurde die Ausbreitung und das Vorkommen auch größerer Populationen beobachtet. Zwei Jahre später startete die FU ein erstes Aktionsprogramm, als die Gefährlichkeit dieser Pflanze erkannt wurde.

Ambrosia-Plantagen mit mehr als 100.000 Pflanzen

Überwiegend im Osten der Stadt, in den Bezirken Lichtenberg und Treptow-Köpenick, wuchert ein Großteil der mehrjährigen Stauden-Ambrosia. Als im Juni dieses Jahres das Pilotprojekt startete, wurden die Flächen in der Nähe des Campus Adlershof systematisch durchkämmt. Im Auftrag des Pflanzenschutzamtes der Senatsverwaltung für Klima und Umweltschutz wurden die Flächen westlich der Bundesstraße 96a, die an Johannisthal angrenzt, unter die Lupe genommen. Dabei wurden zunächst die Baumscheiben und der Grünstreifen an der Straße untersucht und kartiert.

„Es wurden 327 befallenen Flächen mit einer Gesamtgröße von etwa 8400 Quadratmetern gefunden“, sagt Dümmel. „Die Funde wurden in den Ambrosia-Atlas eingepflegt. Noch in diesem Monat soll ein großer Teil der Flächen bearbeitet und die Pflanzen ausgerissen werden.“ In Adlershof gebe es regelrechte Ambrosia-Plantagen mit mehr als 100.000 Pflanzen.

Die Verbreitung der einjährigen Pflanzen habe man weitgehend im Griff, aber der mehrjährigen Staudenpflanzen werde man nur Herr, wenn man sie mitsamt der Wurzel entfernt. Im kommenden Jahr will man dann die großen Brachflächen bearbeiten. „Wir werden jetzt bis Ende November die Flächen in Adlershof gründlich von den Pflanzen befreien“, sagt Marius Kühnapfel, Auszubildender einer Garten- und Landschaftsbaufirma. „Die Ambrosia bringen wir dann mit den Wurzeln zur BSR, die die Pflanzen verbrennt.“

Als wahrscheinlichen Grund für die Häufigkeit der Pflanze in Adlershof nennt Dümmel die rege Bautätigkeit. „Samen und Wurzeln der Pflanze werden mit dem Transport von Erde über die ganze Stadt verteilt“, sagte der Diplom-Meteorologe. „Seit einigen Jahren gelangt Ambrosia so auch zunehmend in den Westen Berlins.“ Neben der Kartierung der betroffenen Flächen sollen auch Methoden erprobt werden, wie der Pflanze am besten beizukommen ist. Das Pilotprojekt wird vom Senat mit 300.000 Euro für zwei Jahre gefördert und vom Pflanzenschutzamt durchgeführt, das auch eine Koordinierungsstelle für alle Aktivitäten erhalten hat. „Wenn die Beseitigung in Adlershof gelingt, dann wird sich das Pflanzenschutzamt auch um die anderen Bezirke kümmern“, sagt Dümmel.

Neben der kurzfristigen Maßnahme, der Kartierung, soll das Abmähen der Flächen auch an das Blühverhalten angepasst werden, damit der Pollenflug minimiert wird. In Zusammenarbeit mit der Humboldt-Universität und einem Kindergarten in Adlershof werden Messungen der lokalen Pollenbelastungen durchgeführt.

Chemische Behandlung kommt nicht infrage

„In der Zukunft werden wir verschiedene Bekämpfungsstrategien testen und konkrete Maßnahmen zur Verhinderung der Verschleppung von Pflanzenmaterial und Samen durch Erdtransporte bei Bauarbeiten entwickeln“, sagt Dümmel. Dazu wolle man im Winter versuchen, in Zusammenarbeit mit der Baubranche und den öffentlichen und privaten Bauauftraggebern ein praktikables Erdmanagement zu entwickeln. Das sei das Wichtigste, um die weitere Verbreitung der Ambrosia in Berlin einzudämmen. Hier hofft Dümmel auch auf Mithilfe der Baubranche, um einen Weg zur Vermeidung der unkontrollierten Verbreitung verunreinigter Erde zu finden. Was genau mit der von Ambrosia-Wurzeln und Samen durchsetzten Erde geschehen soll, ist aber unklar.

Nach Angaben Ehlerts käme eine chemische Behandlung des Erdreiches nicht infrage. Und eine Hitzebehandlung sei zwar ebenfalls sehr effektiv, aber auch sehr teuer. Zudem versuche man sich an verschiedenen Mähtechniken. „Noch suchen wir die effektivste Methode“, sagt Derk Ehlert vom Pflanzenschutzamt. „So wie es aktuell aussieht, ist das Herausreißen der Pflanze mitsamt der Wurzel die gründlichste Methode.“ Außerdem bietet das Pflanzenschutzamt den Mitarbeitern der Bezirksämter Schulungen zu diesem Thema an. „Dabei geht es um das Erkennen und den richtigen Umgang mit den Pflanzen“, sagt Ehlert.

Dümmel strebt auch nach einer engeren Zusammenarbeit mit Brandenburg. Man wolle die Zusammenarbeit besonders auf dem Gebiet der Meldung von Funden durch die Bevölkerung verstärken. „Wir wollen die Ambrosia-App der Brandenburger auf die besondere Situation in Berlin erweitern“, erklärt er die Absicht. „Damit können Spaziergänger gesichtete Pflanzen besser erkennen und online melden.“ In der Schweiz beispielsweise gilt Ambrosia als besonders gefährliches Unkraut. Es gilt deshalb eine Melde- und für Grundstückseigentümer außerdem eine Bekämpfungspflicht.

Pollen zählen zu den stärksten Allergieauslösern

„Wie bei allen anderen Pollen auch gibt es bei der Ambrosia anfangs die Symptome eines Heuschnupfens“, sagt Christian Bergmann, Lungenarzt und Allergologe an der Charité Campus Klinik in Mitte. „Die Pollen von Ambrosia haben aber ein hohes allergenes Potenzial. Es reichen bereits acht bis zehn Pollen pro Kubikmeter Luft, um eine Allergie oder Asthma auszulösen.“ Zum Vergleich: Bei Birkenpollen muss die Konzentration etwa 30 bis 40 Pollen pro Kubikmeter Luft betragen, um allergische Reaktionen auszulösen.

„Wenn Ambrosia-Pollen Husten auslösen, sollte aber sofort etwas unternommen werden“, betont der Professor, „bevor es im schlimmsten Fall zu einer Asthmaerkrankung führt.“ Nach seinen Angaben können Betroffene etwa drei Monate vor dem Pollenflug auch mit einer Immuntherapie in Form von Tropfen, Tabletten oder regelmäßigen Spritzen beginnen.