Spitzenforschung

Ein neues Verständnis von Literatur

„Nation“ und „Epoche“ sind die zentralen Kategorien der Literaturgeschichte. Sie werden durch eine globale Perspektive ersetzt.

 Andrew James Johnston und Anita Traninger sind Professoren für Literaturwissenschaft an der FU.

Andrew James Johnston und Anita Traninger sind Professoren für Literaturwissenschaft an der FU.

Foto: FU / Miriam Klingl / x

Ziel des literaturwissenschaftlichen Clusters „Temporal Communities“ der Freien Universität ist es, ein neues Verständnis von Literatur über Zeiträume, Kulturgrenzen und Medien hinweg zu entwickeln. Die westlichen Gesellschaften der Moderne begreifen „Nation“ und „Epoche“ als zentrale Kategorien der Literaturgeschichte. Doch diese Auffassung verengt den Blick auf Literatur, sagen die Clustersprecher Andrew James Johnston und Anita Traninger, Professoren für Literaturwissenschaft an der FU. Sie ersetzen diese Kategorien durch eine globale Perspektive.

Wie kommen Menschen dazu, etwas als Literatur anzusehen? In anderen Kulturen ist Dichtung zum Beispiel Teil religiöser Rituale oder Feste. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Clusters folgen der Einsicht, dass Literatur nur existiert, weil Menschen erzählen, schreiben, lesen, etwas vorlesen, aufführen, illustrieren und Bilder und Töne produzieren.

Literatur steht immer im Austausch mit anderen Künsten

Als globales Phänomen stehe Literatur immer im Austausch mit anderen Künsten, kulturellen Praktiken und gesellschaftlichen Phänomenen. Sie berühre und verbinde unterschiedliche Medien und beschränke sich nicht allein auf gedruckte Texte, erläutern Johnston und Traninger. Vielmehr umfasse Literatur zum Beispiel auch Theater- und Opernaufführungen, Popsongs und Filme, Fankultur und Rollenspiel-Conventions.

Daher stehen die vielfachen Verflechtungen – besonders die zeitlichen Verflechtungen –, durch die Literatur global wird, im Mittelpunkt des Forschungsprogramms dieses Clusters. Es geht nicht mehr um das traditionelle Bild der großen Dichter und der richtungweisenden Werke, sondern um die Fähigkeit von Literatur, Gemeinschaften (Communities) und komplexe Netzwerke über Epochen hinweg zu stiften.

Damit verändert sich auch der Blick auf unsere Literatur, sie erfährt eine Neubewertung. „Was in den westlichen Gesellschaften des 19. Jahrhunderts als Literatur festgelegte wurde, ist die Ausnahme, nicht die Regel“, sagt Andrew James Johnston. Ein prägnantes Beispiel für die epochenübergreifende Wirkung von Literatur ist das antike Epos . So tauchen zentrale Motive aus Vergils „Aeneis“ in der italienischen Oper des 17. Jahrhunderts auf und treten damit in einen völlig neuen kulturellen Zusammenhang ein.

Einer der wenigen geisteswissenschaftlichen Exzellenzcluster

Der Cluster ist einer der wenigen geisteswissenschaftlichen und der einzige literaturwissenschaftliche Cluster, dessen Förderung im September im Rahmen der Exzellenzinitiative beschlossen wurde. Zu den beteiligten Wissenschaftlern gehören nicht nur Vertreter der alten und modernen Philologien sondern auch Kunst-, Theater- und Filmwissenschaftler sowie eine Arabistin und ein Sinologe.

„Temporal Communities“ will nicht nur weltweit als Forschungsprojekt wirken, sondern auch ein breites nicht-wissenschaftliches Publikum erreichen und einen aktiven Beitrag zum Berliner literarischen Leben leisten. Der Cluster geht neben internationalen Kooperationen zahlreiche Kooperationen mit der Berliner Kultur- und Literaturszene ein, zu den Partnern gehören unter anderem die Akademie der Künste, das Museum für Gegenwart im Hamburger Bahnhof, die Schaubühne und das Internationale Literaturfestival Berlin. „Unsere Forschung soll erlebbar sein“, sagt Anita Traninger.

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