Berlin historisch

„Wir stellen einen ganzen Berg unter Denkmalschutz“

Berlins neuer Landeskonservator Christoph Rauhut über den Erhalt von historischen Gebäuden in Zeiten des Bauboom.

Berlins oberster Denkmalschützer Christoph Rauhut in seiner Behörde in der Klosterstraße

Berlins oberster Denkmalschützer Christoph Rauhut in seiner Behörde in der Klosterstraße

Foto: Reto Klar

Sein Büro im Alten Stadthaus an der Klosterstraße ist riesengroß, die Möblierung jedoch wirkt seltsam zusammengewürfelt. Hinter dem Schreibtisch stehen noch Umzugskartons. Christoph Rauhut ist Berlins neuer oberster Denkmalpfleger, das Amt des Berliner Landeskonservators hat der 34-Jährige am 1. Oktober angetreten. Zeit, sich einzurichten, habe er noch nicht gefunden, sagt er entschuldigend.

Die barocke Sitzgruppe, die ursprünglich im Schloss Bellevue stand, und den runden Konferenztisch aus dem Staatsratsgebäude der DDR habe er von seinem Vorgänger übernommen. Im Interview mit der Berliner Morgenpost verrät er, wie er Berlins Baudenkmale künftig besser schützen will.

Als letzte Amtshandlung hat Ihr Vorgänger Jörg Haspel den Checkpoint Charlie unter Schutz stellen lassen. Was war denn Ihre erste Amtshandlung?

Christoph Rauhut: Wir haben die ehemalige Abhörstation der West-Alliierten auf dem Teufelsberg unter Denkmalschutz gestellt – und zwar den gesamten Berg. Seit dem 31. Oktober steht das Ensemble offiziell auf der Denkmalliste. Ich will mich aber nicht mit fremden Federn schmücken: Vorausgegangen sind viele Vorarbeiten, schließlich muss der Denkmalwert eines Gebäudes ausführlich geprüft werden. Diese Vorarbeiten wurden natürlich noch in der Zeit meines Vorgängers geleistet.

Und warum gleich ein ganzer Berg unter Denkmalschutz?

Der Teufelsberg ist eine künstlich geschaffene Erhebung, die aus drei Schichten besteht: Zuunterst die Fundamente und Reste der Wehrtechnischen Universität aus der NS-Zeit, darauf dann die Trümmer des Zweiten Weltkriegs als gestaltete, durch Gartenarchitekten geschaffene Landschaft. Und als oberste Schicht dann die Abhörstation als wichtiges Denkmal Berlins als Hauptstadt des Kalten Krieges.

Kommt der Denkmalschutz nicht reichlich spät? Inzwischen ist ja die Abhöranlage im Zustand einer Ruine.

Natürlich ist es eine Herausforderung, ein technisches Denkmal zu bewahren, bei dem wesentliche Teile schon verschwunden sind. Dennoch stellt die Abhöranlage auf dem Teufelsberg auch in diesem Stadium des Verfalls noch eine markante städtebauliche Situation dar, die unbedingt schützenswert ist. Und der Denkmalschutz für das Gebäude stellt ja keinen Schlusspunkt dar. Im Gegenteil: Jetzt beginnt die Diskussion, wie man diesen Ort gemeinsam mit den privaten Eigentümern so entwickeln kann, dass er auch als Erinnerungsort funktioniert. Natürlich sind Nutzungen wie Gastronomie und Kultur nicht ausgeschlossen. Und im Wald kann ich mir auch eine sportliche Nutzung vorstellen, wenn es denn mit dem Naturschutz vereinbar ist. Schließlich wurde der Berg früher als Ski- und Rodelpiste genutzt.

Welche Gebäude wollen Sie noch auf die Denkmalliste setzen?

Wir prüfen eine ganze Reihe größerer und auch kleinerer Objekte. Und, das wird viele Berliner vielleicht überraschen, zahlreiche Gebäude sind noch gar nicht mal so alt.

Was genau prüfen Sie?

Beispielsweise das Internationale Congress Centrum ICC. Das ist als das futuristisches Wahrzeichen für eine moderne Stadt in Berlin zwar im Grunde ein anerkanntes Denkmal, aber eben noch nicht auf der Liste eingetragen.

Das ist aber sehr kulant von Ihnen – so viel Rücksichtnahme wünschen sich andere Bauherren und Eigentümer sicher auch.

Mit Kulanz hat das nichts zu tun. Wir bestehen seit Jahren darauf, dass das Gebäude so unterhalten wird, dass das Ziel, es möglichst umfassend in seiner jetzigen äußeren und auch inneren Form unter Schutz zu stellen, nicht unterlaufen wird. Beim ICC fehlt derzeit leider noch die Vorstellung, wie und durch wen das Gebäude weiterentwickelt werden kann. Das zukünftige Denkmal braucht auch eine zukünftige Nutzung.

Welche Bauwerke würden Sie am liebsten so schnell wie möglich unter Schutz stellen?

Die Bauten, die für die Internationale Bauausstellung, die IBA 1987 in West-Berlin, errichtet wurden.

Von denen einige schon wieder abgerissen wurden …

Genau. Einige dieser Gebäude wurden aber auch schon unter Schutz gestellt, derzeit schauen wir uns sukzessive in den Bezirken um, welche weiteren Bauten aus diesem Programm noch geeignet sind, um sie auf die Denkmalliste zu setzen. Dabei soll es nicht nur um die Gebäude selbst gehen, sondern auch um die Frage, wie die Freiraumgestaltung zu bewerten ist.

Weil der Druck angesichts der Wohnungsnot groß ist und die Stadt am liebsten in jede Lücke einen Neubau setzen würde?

Das ist schon der zweite Schritt, nämlich die Frage, wie sich diese Freiräume weiterentwickeln lassen. Erst einmal geht es nur um die Bewertung, also ob überhaupt eine schützenswerte Freiraumgestaltung vorliegt. Im zweiten Schritt schauen wir dann Gebäude und Freiräume an und prüfen, inwieweit zum Beispiel zeitgemäße Wohnstandards hergestellt werden können. Dazu gehört die Barrierefreiheit oder, auf Belange des Brandschutzes- und Klimaschutzes zu reagieren.

Berlins Einwohnerzahl wächst, überall soll gebaut werden. Vielen erscheint der Denkmalschutz da als ärgerliches Hemmnis.

Wir merken sehr deutlich, dass sich das Rad der Erneuerung immer schneller dreht, der Zeitdruck, rechtzeitig zu reagieren, enorm zunimmt. Es ist für ein Amt, das jahrelang personell zusammengeschrumpft ist, eine echte Herausforderung. Wir haben 35 Mitarbeiter …

… Anfang der 2000er-Jahre waren es 75 …

… wir brauchen also mehr Personal, um diese Aufgabe zu erfüllen. Wir müssen künftig auch mehr Zeit aufwenden, um den Menschen zu vermitteln, warum Gebäude schützenswert sind, auch wenn sie möglicherweise gerade nicht dem aktuellen Zeitgeschmack entsprechen.

Wie soll das geschehen?

Indem wir die Menschen dazu einladen, unsere Arbeit zu beobachten und zu begleiten. So bereiten wir gerade eine große archäologische Grabung in einem der ältesten Teile Berlins vor, von dem wir uns viele neue Erkenntnisse über die Keimzelle Alt-Berlins erhoffen. Diese Grabung ist übrigens ein gutes Beispiel dafür, dass wir durchaus auch froh sind über die dynamische Entwicklung Berlins, denn die geplante Stadtentwicklung in diesem Bereich macht unsere Grabungen überhaupt erst möglich.

Sie sprechen vom Klosterviertel, dem Bereich zwischen Rotem Rathaus und Stadthaus, der von der Grunerstraße durchschnitten wird?

Genau. Ab Frühjahr 2019 werden wir mit den Grabungsarbeiten auf dem Molkenmarkt, dem ältesten Marktplatz Berlins, beginnen. In den kommenden fünf Jahren werden wir eine Fläche von rund 20.000 Quadratmetern untersuchen. Das entspricht fast 20 Prozent der Fläche der historischen Stadt Berlin. Eine einmalige Chance, in die Geschichte der Stadt einzutauchen.

Das treibt den Tausenden Autofahrern, die diese Strecke täglich nutzen, den Angstschweiß auf die Stirn.

Braucht es nicht. Wir haben die Arbeit in vier Baufelder aufgeteilt und werden so vorgehen, dass immer dort gegraben wird, wo die Straßenführung gerade nicht betroffen ist. Denn für die Neuorganisation des Quartiers wird die Grunerstraße ja ohnehin umgelegt. Beginnen werden wir auf dem Platz vor dem Stadthaus. Dann folgen die Grabungen entlang der Straßen, also zum Beispiel auf Flächen, die jetzt als Parkplatz genutzt werden. Das Areal, über das derzeit noch die Grunerstraße verläuft, wird dann das letzte sein, das wir erforschen. Der genaue Ablauf wird derzeit mit den Senatsverwaltungen für Stadtentwicklung und Verkehr abgestimmt.

Was erhoffen Sie sich von der Grabung für neue Erkenntnisse?

Ich erinnere nur an die Grabungen auf der anderen Seite des Roten Rathauses vor einigen Jahren, die dem Bau des U-Bahnhofs für die Linie U5 vorausgegangen sind. Damals haben wir nicht nur die mittelalterlichen Fundamente des alten Rathauses freigelegt, sondern völlig überraschend auch noch die von zwei kleineren Vorgängerbauten. Die gut erhaltenen Außenwände, Pfeiler und Gewölbeansätze der unteren Halle sollen über ein archäologisches Fenster im Eingangsbereich des neuen U-Bahnhofs künftig zu sehen sein.

Zudem haben Sie in den Kellern der Wohn- und Geschäftshäuser ein Dutzend Skulpturen gefunden.

Letztlich weiß man vorher nie genau, was man findet, das macht es spannend. Wir erwarten, auf Fundamentreste städtischer Quartiere von der mittelalterlichen Stadtgründung vor etwa 800 Jahren bis zum 19. Jahrhundert zu stoßen – und wie auch bei den Grabungen vor dem Roten Rathaus in den Kellern der alten Häuser auf Gegenstände, die dort aus den verschiedensten Gründen zurückgelassen wurden. Wir haben in der Littenstraße unweit der Ruine des Grauen Klosters schon erste Sondierungsgrabungen im Bereich der historischen Berliner Stadtmauer vorgenommen. Ein Teil der Mauer ist ja wenige Meter weiter noch obertägig sichtbar.

Haben Sie genügend Personal und Finanzmittel für diese Grabung bekommen?

Die Kosten sind für den Moment gesichert. Ab 2019 und bis einschließlich 2021 bekommen wir jährlich rund 2,5 Millionen Euro. Je nachdem, ob darüber hinaus noch weitere Arbeiten erforderlich sind, brauchen wir noch weitere Mittel. Wir sind zudem gerade dabei, zusätzlich zu unseren Archäologen weitere temporäre Stellen in diesem Bereich zu besetzen. Etwa zwölf bis 15 Mitarbeiter werden dann bei den Grabungen beschäftigt sein. Die hohen Kosten werden übrigens nicht durch die Mittel für das Personal verursacht, sondern für die Sicherung der Baustelle, den Einsatz von technischem Gerät wie etwa Bagger.

Kommen wir zu aktuellen Problemfällen der Berliner Denkmalpflege. Was sagen Sie zu den Plänen, ein neues Fußballstadion im Olympiapark zu errichten?

Ich würde es sehr begrüßen, wenn
Hertha weiter im Olympiastadion spielt. Und falls der Verein das wirklich nicht mehr will, sich einen Alternativstandort sucht, der den Freiraum des Olympiaparks nicht beeinträchtigt und insbesondere die Sichtachsen nicht verstellt. Eine Lösung könnte ein Standort am Rande des Geländes sein, der zum allergrößten Teil nicht Bestandteil des denkmalgeschützten Olympiaparks ist. Hertha prüft derzeit diese Variante. Der Denkmalschutz ist übrigens nur eine zu lösende Aufgabe für Hertha. Es gibt ja auch andere Belange, etwa Lärm- und Verkehrsbelastung für die Anwohner.

Was halten Sie davon, dass der Umbau der St- Hedwigs-Kathedrale genehmigt wurde?

Natürlich bedauere ich, genauso wie mein Vorgänger, die weitgehende Zerstörung des in den 1960er-Jahren gestalteten Innenraums, die wir leider nicht verhindern konnten. Damit geht nun eine Zeitschicht unwiederbringlich verloren. Als Denkmalfachbehörde haben wir die beabsichtigten baulichen Maßnahmen abgelehnt. Der Dissens wurde durch die Senatsverwaltung für Kultur und Europa als oberste Denkmalschutzbehörde zugunsten eines Umbaus der Kathedrale entschieden. Die oberste Denkmalschutzbehörde ist der Auffassung, dass in diesem Fall ein Erhaltungsgebot wegen der verfassungsrechtlich gesicherten Religionsfreiheit nicht auferlegt werden kann.

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