Berlin. Chaos im Berufsverkehr: Nach den Streckensperrungen am Ostkreuz konnte der Verkehr am Dienstagmorgen nicht wie geplant anlaufen.
So etwas erleben auch lang gediente U-Bahnfahrer nicht oft. „Das war wirklich brutal“, sagte ein U-Bahnfahrer der Linie U5, als er am Morgen seinen Dienst versah. Am schlimmsten sei es am Bahnhof Lichtenberg gewesen. „Eigentlich hätte ich da gleich durchfahren können.“ In seinen Zug habe da längst niemand mehr hineingepasst. Gleichzeitig war auch der Bahnsteig voll mit Passagieren.
Ein Softwarefehler der S-Bahn hatte am Dienstagmorgen zu einem Verkehrschaos in der Innenstadt geführt. Wer in die City fahren musste, der benötigte vor allem gute Nerven. Stellwerksstörungen bei der S-Bahn zwischen Alexanderplatz und Ostkreuz, überfüllte U-Bahnen, falsche Anzeigen und Schienenersatzverkehr auf der U-Bahnlinie 1 führten zu langen Wartezeiten für Fahrgäste. Wer auf das Auto umstieg, fand sich in der Innenstadt meist im Stau wieder. Vor allem der Weg aus den östlichen Bezirken in die City wurde zum Geduldsspiel. Autofahrer klagten darüber, zwei Stunden für den Weg von Köpenick bis zum Kudamm gebraucht zu haben.
Mal wieder ist es die S-Bahn, die für Probleme sorgt. Seit Jahren spielt die lange vernachlässigte Technik der DB-Tochter einen Streich nach dem anderen. Eigentlich sollte der S-Bahnverkehr nach den umfangreichen Bauarbeiten in der östlichen Stadtmitte an diesem Morgen wieder regulär aufgenommen werden, aber die technischen Probleme machten das unmöglich. Der Zugverkehr der Linien S3, S5, S7, S75 und S9 blieb stundenlang unregelmäßig.
Am Mittag teilte das Unternehmen mit, dass es bei der Wiederaufnahme des S-Bahnbetriebes einen Softwarefehler an der Schnittstelle zwischen zwei Stellwerken unterschiedlicher Bauarten gegeben habe. Noch in der Nacht sei die IT getestet worden, dieser Fehler wurde laut S-Bahn aber nicht angezeigt. Erst am frühen Morgen, bei der versuchten Inbetriebnahme, sei die Störung aufgetreten. „Wir entschuldigen uns bei unseren Fahrgästen für die Unannehmlichkeiten“, schrieb die S-Bahn und teilte es den Wartenden auf den Bahnsteigen per Durchsage mit.
Wirkliche Besserung ist erst in mehreren Jahren in Sicht
Das S-Bahnchaos führte zu einer Kettenreaktion. Durch die ausgefallenen S-Bahnverbindungen waren die U-Bahnen stadteinwärts schon ab den Bahnhöfen Tierpark und Wuhletal überfüllt, viele Fahrgäste konnten nicht mehr in die Waggons einsteigen. Die BVG hatte bereits für die vergangenen Tage den Takt der Linie verdichtet und einen Zug mehr eingesetzt. Diesen Zug ließ sie am Dienstag spontan weiterhin fahren, um wegen der erneuten Probleme bei der S-Bahn für Entlastung zu sorgen. Der Zusatzzug verkehrte zwischen Friedrichsfelde und Alexanderplatz. „Das war jedoch nur ein Tropfen auf den heißen Stein“, sagte der gestresste U-Bahnfahrer.
Ab Mittag hatte die S-Bahn dann einen Notfahrplan etabliert, die Strecken der S7, S9 und S75 verkehrten wieder. „Wir setzen alles daran, diesen Plan aufrechtzuerhalten“, sagte S-Bahnsprecher Burkhard Ahlert. Denn der Softwarefehler bestand auch am Nachmittag weiter. Wann er behoben werden kann, ist unklar. S-Bahnkunden müssen sich auch am heutigen Mittwoch auf Verspätungen und Ausfälle einstellen.
Die S-Bahn empfiehlt, die U-Bahnlinie U5, die Ringbahn S41/S42 und die Züge des Regionalverkehrs (RE1, RE2, RE7, RB 14, RB 21/22) zu nutzen. Der Ersatzverkehr mit Bussen für die Linie S3 zwischen Karlshorst und Ostkreuz verkehrt gemäß Fahrplan – allerdings stehen die Busse auf dem Weg von Köpenick zum Ostkreuz häufig im Stau.
Im Senat war das aktuelle Chaos zwar nicht Thema, aber es ging um die Zukunft des Berliner Nahverkehrs. Mit der Entscheidung, bis zu 1380 neue Wagen anzuschaffen, dürfte sich das Problem der Materialknappheit langfristig erledigen. Die neuen Wagen werden aber erst in zehn Jahren die Lage wirklich entspannen. Und auch auf die Netzinfrastruktur, die am Dienstag die Probleme auslöste, könnte ein neuer S-Bahnbetreiber positiven Einfluss haben, hofft man in der Koalition.
Denn für Stellwerke und dortige IT-Pannen ist die Bahn-Tochter DB Netz verantwortlich. Sollte ein anderer Anbieter als die Bahn die S-Bahnausschreibung für die Stadtbahn und die Nord-Süd-Linien gewinnen, dann dürfte dieses Unternehmen gegen die Bahn-Tochter womöglich höhere Ansprüche stellen als die S-Bahn-Berlin GmbH, die ebenfalls dem Bahn-Konzern gehört. Aber kurzfristig wird sich an der Lage für Berlins S-Bahnkunden kaum etwas ändern. Das ließ der Dienstag mit einer weiteren Panne erahnen.
Am späten Vormittag kam es auch am Potsdamer Hauptbahnhof zu Problemen, wie die S-Bahn mitteilte. Aus diesem Grund verkehrten die Züge der Linie S7 nach Ahrensfelde nur von einem Gleis. Am frühen Nachmittag fuhren die S-Bahnen dann auch wieder planmäßig von einem zweiten Gleis. Hier müssen sich Reisende auch in den kommenden Wochen auf Probleme einstellen. Wegen der Verlegung eines zweiten Gleises und anstehender Brückensanierungen wird die Strecke der S7 an mehreren Wochenenden verkürzt. Züge verkehren dann entweder nur bis Babelsberg, Wannsee oder Westkreuz. Nach Abschluss der Arbeiten soll die S-Bahn dann schneller von Potsdam bis zum Zoologischen Garten fahren.
U-Bahnlinie 5 wegen des S-Bahnausfalls überfüllt
Schon seit vergangener Woche müssen sich Fahrgäste der Berliner S-Bahn mit erheblichen Einschränkungen herumplagen. Seit Freitagfrüh sind einige Strecken auf der Ost-West-Strecke unterbrochen und werden es noch in den nächsten Tagen bleiben. Grund dafür sind unter anderem „Prüf- und Abnahmehandlungen zur Inbetriebnahme der Viergleisigkeit im Bereich Ostkreuz“, wie die Bahn mitteilte.
Das Chaos komplett machten am Dienstag defekte Anzeigen an den U-Bahnlinien U1 und U3. BVG-Mitarbeiter versuchten mit Durchsagen, die Fahrgäste auf das Problem hinzuweisen. Teilweise wurden die Anzeigentafeln an den Bahnsteigen auf „Bitte Ansagen beachten“ umgestellt. Einzelne Tafeln wiesen aber weiterhin sowohl falsche Fahrtziele als auch Zugabfahrten in „23 Minuten“ aus.
Betroffen von Problemen auf den Anzeigern waren sämtliche Kleinprofil-Linien, also U1, U2, U3 und U4, wie BVG-Sprecher Markus Falkner der Berliner Morgenpost sagte: „Der Rechner musste neu durchgestartet werden.“
Bis zum Mittag hatte sich der Betrieb dann auf der Stadtbahnlinie halbwegs normalisiert. Die meisten Linien fuhren wieder nach Plan. Die Züge waren nicht allzu voll. Doch selbst am frühen Nachmittag lief noch nicht alles rund bei der S-Bahn. Die Züge der S5 endeten stadteinwärts immer noch am S-Bahnhof Lichtenberg. Die S75 verkehrte nur im 20-Minutentakt. Das S-Bahnchaos geht also weiter – und der Winter hat noch nicht einmal begonnen.
So fahren derzeit die betroffenen Linien:
S3: Ersatzverkehr mit Bussen zwischen Erkner und Ostkreuz gemäß Baufahrplan
S5: Strausberg Nord / Hoppegarten <> Ostkreuz
S7: Ahrensfelde <> Potsdam Hbf im 10-Minuten-Takt
S75: Wartenberg <> Spandau im 20-Minuten-Takt
S9: Flughafen Schönefeld <> Spandau
Fahrgäste der Linie S5 nutzen zur Umfahrung zwischen Wuhletal <> Lichtenberg <> Frankfurter Allee <> Alexanderplatz die U-Bahnlinie U5.
Reisende können auch folgende Umfahrungsmöglichkeiten nehmen:
Zwischen Ostkreuz und Westkreuz die Ringbahnlinien S41 und S42
Zwischen Ostkreuz <> Ostbahnhof <> Alexanderplatz <> Friedrichstraße <> Hauptbahnhof <> Zoologischer Garten <> Charlottenburg <> Spandau/ Wannsee/ Potsdam Hbf. die Züge des Regionalverkehrs (RE1, RE2, RE7, RB 14, RB 21/22)
Ost-West-Linien der S-Bahn unterbrochen
Sperrungen ums Ostkreuz: Das reinste Chaos?
Rechner-Ausfall - Verwirrung bei U-Bahn-Fahrgästen
Neukölln und Schönefeld wollen U7 bis Brandenburg verlängern
Berlin kauft für bis zu 3,2 Milliarden Euro neue S-Bahnen
Jens Anker, Joachim Fahrun und Christian Latz