Tatort Disco

Mehr Straftaten: Berlins Nachtleben wird krimineller

Die Polizei registriert deutlich mehr Straftaten in Diskotheken. Die Berliner Clubcommission sieht allerdings keinen Grund zur Sorge.

Nachtleben in Berlin (Symbolbild)

Nachtleben in Berlin (Symbolbild)

Foto: ullstein bild

Berlin. Diebstahl, Raub, Gewaltdelikte: Berlins Discotheken und Clubs werden immer unsicherer. Die Polizei hat im vergangenen Jahr 24,4 Prozent mehr Straftaten in den neun bekanntesten Lokalitäten der Hauptstadt registriert als 2016. Besonders gestiegen sind dabei zuletzt Diebstähle und zur Anzeige gebrachte Körperverletzungen. Das geht aus einer Senatsantwort auf eine parlamentarische Anfrage des FDP-Innenpolitikers Marcel Luthe hervor, die der Berliner Morgenpost vorliegt. Insgesamt wurden im vergangenen Jahr 586 Delikte in den Clubs und Discos „Berghain“, „Kater Blau“, „Wilde Renate“, „Sisyphos“, „The Pearl“, „Vagabund“, „Watergate“ sowie im Umfeld des „Ipse“ angezeigt, 2016 waren es noch 471.

Zahl der Straftaten im „Golden Gate“ vervierfacht

Die meisten Straftaten ereigneten sich 2017 demnach im Umfeld des „Ipse“ und des "Club der Visionäre" nahe dem Treptower Park. Hier verzeichneten die Beamten 133 Straftaten, auch im Vorjahr lag der Club mit 124 Anzeigen an der Spitze. Am wenigsten kriminell ging es im „Vagabund“ zu, einem kleineren Tanzschuppen, der an der Knesebeckstraße in der Charlottenburger City West liegt. Die Veränderungen zwischen den Jahren fallen je Club sehr unterschiedlich aus. Während sich die Zahl der Kriminalfälle im „Golden Gate“ an der Jannowitzbrücke in Mitte von fünf (2016) auf 21 (2017) mehr als vervierfachte, ging die Zahl der Straftaten im „Berghain“ im selben Zeitraum von 49 auf 36 zurück.

Auffällig ist in der Statistik der generell starke Anstieg von Gewalttaten, die die Polizei an den Adressen der jeweiligen Lokale festgestellt hat. Von 69 Körperverletzungen in 2016 erhöhte sich die Zahl um knapp 44 Prozent auf insgesamt 100 Fälle im Jahr 2017. Die Zahl der Taschendiebstähle legte um 13,9 Prozent zu, die der einfachen Diebstähle um 17,7 Prozent. Summiert man die letzten beiden Delikte ergibt sich so ein Anstieg von 15,9 Prozent bei allen Diebstählen.

„Ein Anstieg der Gewalttaten kann mit einem erhöhten Publikumsaufkommen zusammenhängen oder damit, dass es öfter Konflikte mit Türstehern gab“, sagte Polizeisprecher Thomas Neuendorf. Häufig komme es auch vor, dass Opfer eine Straftat erst in den folgenden Tagen anzeigen, etwa wenn sie am nächsten Morgen bemerken, dass ihnen etwas gestohlen wurde. „In solchen Fällen wird die Berliner Polizei auch gar nicht zum Tatort gerufen“, so Neuendorf. „Das erklärt auch, warum sich die Anzahl gefahrener Einsätze nicht mit der der registrierten Delikte deckt.“ Tatsächlich hat sich allerdings auch diese Zahl erhöht. Insgesamt rückten die Beamten 245-mal im Jahr 2017 zu den neun besagten Discotheken und Clubs aus, 2016 waren es 182 Einsätze.

Lutz Leichsenring, Pressesprecher der Berliner Clubcommission, deutet die Zahlen anders. Für ihn bergen sie per se keinen Grund zur Sorge, dass es innerhalb der Clubs und Discotheken deutlich unsicherer geworden ist. „Wir haben aus der Szene keine Rückmeldung, dass es vermehrt zu Schlägereien oder Ähnlichem kommt“, sagt er. Seine Vermutung: Viele Delikte ereigneten sich auch außerhalb vor den Türen der Einrichtungen und fließen so in die Statistik der Polizei ein, die Straftaten an den Adressen der Lokale registriert. „Gerade in der Gegend um das Schlesische Tor, wo das Watergate ist, merken wir seit einigen Jahren, dass immer mehr organisierte Banden vor Ort sind, die berauschte Gäste des Clubs als leichte Beute ansehen.“ Auch könnte eine Rolle spielen, dass wegen der höheren Besucherzahlen mehr Gäste von den Türstehern abgelehnt werden und deshalb aggressiv werden. „Am beunruhigendsten finde ich die Zunahme der Diebstähle“, so Leichsenring. „Ein Schluss daraus ist, dass sich die Gäste innerhalb des Clubs gegenseitig bestehlen. Da müssen wir verstärkt für Sensibilität sorgen und die Besucher gezielt ansprechen.“

Luthe: Berliner zeigen nur Verlust von Wertvollem an

FDP-Politiker Marcel Luthe zieht ähnliche Schlüsse, geht mit Blick auf die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) aber noch einen Schritt weiter. „Laut PKS gibt es in Berlin einen Rückgang der Kriminalität“, sagt er. „Gerade die Zahlen der Diebstähle in den Clubs aber zeigen, dass dem womöglich gar nicht so ist.“ Der Rückgang aller erfassten Delikte von 568.860 (2016) auf 520.437 (2017) geht nämlich hauptsächlich auf weniger angezeigte Diebstähle zurück. „Offenbar zeigen die Berliner Diebstähle nur noch dann an, wenn es sich um wertvolle Dinge handelt.“ Also Dinge wie Handys oder Geldbörsen, die oft in Discos gestohlen werden. Luthe: „Bei anderen Sachen denken sie wohl zu recht: Das bringt ja eh nichts.“

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