Berliner Universitäten

Semesterstart: Von der Schulbank in den Hörsaal

| Lesedauer: 11 Minuten
Yannick Höppner und Katrin Lange
Die Studentin Pia Melissa Schreiber vor dem Gebäude der Juristischen Fakultät der Humboldt-Universität.

Die Studentin Pia Melissa Schreiber vor dem Gebäude der Juristischen Fakultät der Humboldt-Universität.

Foto: David Heerde

195.000 Studenten starten ins Wintersemester, 25.000 sind neu an Berlins Hochschulen. Die Morgenpost begleitet einige von ihnen.

Berlin ist ein gefragter und beliebter Studienort. Die Zahl der Studenten stieg an den elf staatlichen, zwei konfessionellen und 30 privaten Hochschulen in diesem Wintersemester im Vergleich zum Vorjahr um 7000 auf jetzt insgesamt 195.000 an. 25.000 Studenten sind neu eingeschrieben, mehr als 10.000 nehmen ein Masterstudium auf.

Seit drei Jahren begleitet die Berliner Morgenpost Studierende von ihrem ersten Semester an. Alle halbe Jahre erzählen sie uns, wie das Studium läuft, ob sie sich anders orientiert haben und was in der Zwischenzeit alles passiert ist. Pia Melissa Schreiber und Anna Friederitz sind von Anfang an dabei und jetzt bald am Ende ihres Bachelorstudiums beziehungsweise Examens angelangt. Neu dazugekommen sind vier Studenten, die gerade angefangen haben und die wir ebenfalls in den kommenden Semestern begleiten wollen.

„Der Akku ist leer“

Pia Melissa Schreiber, aus Hamburg, 22 Jahre, studiert Jura an der Humboldt-Universität: „Das letzte Jahr ist sehr schnell vergangen. Vielleicht auch, weil es bislang das beste Jahr meines Studiums war. Ich habe viel gelesen und meinen Schwerpunkt abgeschlossen: Zeitgeschichte des Rechts. Und jetzt ist der Akku leer. Deshalb habe ich mir ein Urlaubssemester genommen. Ich wollte schließlich gerne noch einmal ins Ausland, und genau das mache ich jetzt.

Als Erstes geht es für zwei Monate für ein Praktikum im Deutschen Generalkonsulat des Auswärtigen Amtes nach New York. Das war ein Riesenglück, dass ich den Platz bekommen habe. Für ein Wohnheimzimmer zahle ich dort 1580 Dollar im Monat. Aber ich hoffe, dass es das wert sein wird und ich mit mehr Selbstbewusstsein im Fachbereich zurückkomme. Anschließend mache ich noch für sechs Monate ein Erasmus-Programm in Dänemark. Aber das dicke Ende kommt dann erst: Repetitorium und Staatsexamen.

Wenn ich auf die drei Jahre Studium bisher zurückblicke, dann waren diese absurd. Ich saß überwiegend in der Bibliothek und am Schreibtisch. Ich bin zwar schon sehr ehrgeizig, aber ich habe mit der Zeit gelernt, geduldiger und entspannter zu sein. Nach dem Staatsexamen möchte ich gerne im Ausland einen Master draufsetzen. Und danach noch ein Volontariat machen, denn in den Journalismus will ich noch immer. Ich habe nur das eine Leben. Und ich will die Welt nicht erklären, sondern sie verstehen. Und es gibt wirklich so viel, was ich noch nicht verstehe.“

„Ich bin definitiv erwachsener geworden“

Anna Friederitz, aus Hamburg, 23 Jahre alt, studiert Nachhaltiges Management an der Technischen Universität: „Bis vor einem halben Jahr war ich in Peru, ein superschönes Land mit dem Regenwald, den Küsten und den Bergen. Ich war dort bei der Alumni Alemania tätig. Der Verein unterstützt Peruaner, die in Deutschland studiert haben, dabei sich zu vernetzen. Die Hoffnung ist, dass sie das Land mit ihrem Wissen weiterbringen.

Mir hat das Spaß gemacht, Entwicklungshilfe und soziale Nachhaltigkeit, ich will schon in diese Richtung gehen. Nur war ich danach erst einmal komplett raus aus dem Uni-Rhythmus. Daran musste ich mich in Berlin erst wieder gewöhnen. Dieses Semester fange ich mit meiner Bachelorarbeit an – und ich finde es ganz gut, danach einen Schnitt zu machen.

Es könnte auch sein, dass ich noch einmal ins Ausland gehe. Aber an einer südamerikanischen Universitäten zu studieren ist einfach zu teuer. Skandinavien ist bei den Politikwissenschaften und Internationalen Beziehungen super weit, ich könnte mir gut vorstellen, dort einen Master zu machen. Hier wird das Studium, das ich machen will, nicht angeboten. Ich muss also weggehen aus Berlin, und das ist auch ganz okay. Ich freue mich auch auf eine kleinere Stadt, mit einer kleineren Uni, wo nicht alles so anonym ist. Am Ende bin aber schon stolz darauf, das Studium an der TU so gut gemeistert zu haben. Und ich bin in diesen Jahren definitiv erwachsener geworden. Auch das zählt, die Noten allein sind nicht das Ausschlusskriterium.“

„Ich will Männerdomänen aufbrechen“

Lena Rost, aus Magdeburg, 21 Jahre alt, studiert Maschinenbau an der Technischen Universität: „Vor einem Jahr habe ich überlegt, was ich machen möchte, und konnte diese Frage nicht genau beantworten. Deshalb habe ich mich entschieden, erst einmal ein Orientierungsjahr an der TU zu machen. Auch danach habe ich mich erst sehr kurzfristig für Maschinenbau entschieden, eigentlich hatte ich mich schon auf Energietechnik festgelegt. Gerade als Frau hatte ich Angst davor, ob Maschinenbau der richtige Studiengang ist. Ich hatte da großen Respekt vor.

So geht es auch vielen anderen Frauen, mit denen ich darüber gesprochen habe. Ich sehe es schon auch als Aufgabe, dieses Bild der Männerdomäne aufzubrechen. Ich hatte so viele Zweifel und Selbstzweifel – und habe es dann einfach gemacht. Es war die richtige Entscheidung. Das Klima unter den Kommilitonen ist gut, egal bei welchem Geschlecht. Mache es einfach, das würde ich am liebsten jeder Anfängerin sagen.

Ich selbst möchte jetzt so unbefangen wie möglich herangehen. Konstruktionen, Mathematik – das ist schon mein Ding. Mal gucken, wohin es mich treibt. Momentan ist der Plan noch so, nach dem Bachelor auch einen Master zu machen. Vielleicht in Medizintechnik oder Raumfahrttechnik. Das sind interessante Aufgaben. Und ich denke, sie sind wichtig.“

„Die Mathematik ist so wichtig wie nie“

Benjamin Kurtovic, aus Berlin, 19 Jahre alt, studiert Mathematik an der Technischen Universität: „Die Mathematik fand ich schon damals in der Schule toll. Sie ist ein bisschen wie die Philosophie. Das Problem bei der ist bloß: Sie ist brotlos. Da hat die Mathematik mehr zu bieten. Und sie ist so wichtig wie noch nie. Vom Handy bis zum Kühlschrank beruht alles auf Mathematik.

Vieles wird heutzutage automatisiert, Maschinen übernehme Berufe, die bislang von Menschen ausgeübt wurden. Aber wir machen diese Maschinen. Trotzdem bleiben Mathematiker eher im Hintergrund. Es ist an anderen, ihre Errungenschaften auch umzusetzen. Meine Begeisterung rührt auch daher, dass nichts so sehr auf Lösungen basiert. In der Politik wird gestritten um die eine richtige Lösung, in der Mathematik gibt es sie, und das ist schön.

Die TU habe ich mir auch ausgesucht, weil ich gerne in Berlin bleiben wollte. Diese Stadt ist wie eine Zusammenfassung der ganzen Welt, man findet jede Kultur. Und mit der Entscheidung bin ich glücklich, auch wenn die Abbruchquote höher ist als in anderen Studiengängen. Mehr als die Hälfte der Studenten ziehen das Studium nicht durch. Trotzdem denke ich, dass die Zeit an der Uni eine der schönsten im Leben ist. Danach möchte ich in die deutsche Mathematiker-Vereinigung.“

„Ich will wissen, was die Welt bewegt“

Konstantin Rek, aus Berlin, 17 Jahre, studiert Politikwissenschaft an der Freien Universität: „Aktiv sein, mitdenken, mitreden, eine eigene Meinung vertreten, das war mir schon immer wichtig. Ich will wissen, was die Welt bewegt. Deshalb habe ich mich für Politikwissenschaft an der FU entschieden. Die meiste Zeit verbringe ich jetzt im Henry-Ford-Bau auf dem Dahlemer Campus.

Erstsemester schon mit 17 Jahren – davon gibt es nicht viele. Das hat aber auch Vorteile. In meinem Studiengang liegt der Numerus clausus (NC) bei 1,1, für 17-Jährige allerdings gilt ein Notendurchschnitt von 2,0. Diese Hürde konnte ich mit Leichtigkeit nehmen. Ich bin in Charlottenburg aufgewachsen und wollte unbedingt in Berlin bleiben, denn ich habe hier alles und liebe diese Stadt.

Außerdem kann ich weiterhin bei meinen Eltern in Charlottenburg wohnen und meinem Hobby nachgehen. Seit ich fünf Jahre alt bin, singe ich im Staats- und Domchor Berlin. Ich mag die besondere Atmosphäre, die Chorfahrten, die Konzerte. Das Singen soll aber mein Hobby bleiben. Mein Ziel ist der Master­abschluss. Kürzlich habe ich ein Praktikum in der Sportredaktion der Berliner Morgenpost gemacht und gemerkt, dass Journalismus auch etwas für mich wäre. Während des Studiums will ich noch einige Praktika beim Fernsehen, Radio oder bei der Zeitung machen und mich ausprobieren. Ich bin offen für alles.“

„Es gibt kein Ziel“

Lasse Siemer, aus Klein-Machnow, 19 Jahre alt, studiert Physik an der Technischen Universität: „Nach dem Abitur habe ich ein Jahr lang erst einmal etwas anderes gemacht. Sieben Monate lang bin ich gereist, war länger in China und habe eine Kung-Fu-Schule besucht. Dann bin ich weiter nach Südostasien und letztlich Kirgistan. Da habe ich mir ein Fahrrad gekauft und damit das Land erkundet. Ich wollte neue Dinge kennenlernen.

Aber danach hatte ich schon auch Lust, wieder etwas zu lernen. Mathematik und Physik haben mir immer gelegen. Ich finde, Zahlen und Formeln geben der Welt Strukturen. Eigentlich wollte ich Maschinenbau studieren, habe mich jetzt aber dazu entschieden, erst ein Semester Physik zu machen und danach zu wechseln. Ich mache das, was mir Spaß macht – und da verspüre ich auch keinen Druck von irgendeiner Seite.

Beruflich gibt es kein konkretes Ziel, aber einen guten Abschluss will ich schon haben, um danach mehr Möglichkeiten zu haben. Ich gucke mal, was kommt. Erst einmal muss ich ein WG-Zimmer finden. Es ist ein Wahnsinn, wie die Situation in Berlin ist. Damit kommt die Selbstständigkeit und die Verantwortung. Ich kann endlich alleine entscheiden, was wichtig ist. Auch im Studium.“

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