Neue Unruhe

Viele Berliner Polizei-Schüler fallen durch Zwischenprüfung

Filme statt Unterricht und viele ausfallende Stunden. Ein Sonderermittler übt ebenfalls Kritik.

Junge Polizisten sitzen bei der Ernennungsfeier des Bachelorstudiengangs für den gehobenen Polizeivollzugsdienst in der Hochschule für Wirtschaft und Recht. Nach dem erfolgreichen Abschluss des dreijährigen Bachelorstudiums starten rund 170 Absolventen als Polizei- und Kriminalkommissarinnen und -kommissare im gehobenen Dienst der Polizei. (Symbolfoto)

Junge Polizisten sitzen bei der Ernennungsfeier des Bachelorstudiengangs für den gehobenen Polizeivollzugsdienst in der Hochschule für Wirtschaft und Recht. Nach dem erfolgreichen Abschluss des dreijährigen Bachelorstudiums starten rund 170 Absolventen als Polizei- und Kriminalkommissarinnen und -kommissare im gehobenen Dienst der Polizei. (Symbolfoto)

Foto: Bernd von Jutrczenka / dpa

Berlin. An der Berliner Polizeischule in Ruhleben gibt es neue Probleme. Sie war im Herbst 2017 wegen Respekt- und Disziplinlosigkeit sowie mangelnder Deutschkenntnisse von Polizeianwärtern in die Schlagzeilen geraten. Nun geht es um eine hohe Zahl von Auszubildenden, die durch die Zwischenprüfung gefallen sind. So klagen Schüler der Akademie gegen ihre Entlassung aus dem Beamtenverhältnis. Das erfuhr die Berliner Morgenpost aus Behördenkreisen. Diese Auszubildenden gehören offenbar zu einem Jahrgang, in dem besonders viele Polizeianwärter die Zwischenprüfung nicht schafften. Die Polizei bestätigte die juristischen Auseinandersetzungen, spricht aber von Einzelfällen.

Im Ausbildungsjahrgang Frühjahr 2017 des mittleren Dienstes der Schutzpolizei sind deutlich mehr Schüler durch die Zwischenprüfung gefallen als üblich. Von 205 Anwärtern schafften 47 Schülerinnen und Schüler laut Polizei die Leistungsüberprüfung demnach nicht. 31 fielen auch durch den Wiederholungstest. Schüler, die gar nicht erst zugelassen waren oder zuvor selbst aufhörten, sind in dieser Statistik nicht mit eingerechnet. Zum Vergleich: Im Frühjahr 2016 war für fünf Polizeianwärter nach der Zwischenprüfung Schluss, im Jahr davor mussten gerade einmal zwei Schüler die Akademie verlassen.

Auffällig viele Polizeianwärter fallen durch die Zwischenprüfung

Warum statistisch auffällig so viele Polizeianwärter durch die Zwischenprüfung fielen, war bislang unklar. Recherchen der Morgenpost legen aber den Verdacht nahe, dass das mit einer neuen Ausbildungsverordnung zu tun hat. Neu daran ist, dass alle Anwärter des mittleren Dienstes, die ab Herbst 2017 eingestellt wurden, gar keine Zwischenprüfung mehr ablegen müssen. Die Anwärter des Ausbildungsjahrgangs Frühjahr 2017 bekamen jedoch zum Wiederholen ihrer Zwischenprüfung im Gegensatz zu früheren Jahren nur wenige Wochen Zeit für die Vorbereitung.

Schüler früherer Jahrgänge konnten sich in speziellen Wiederholungsklassen bis zu einem halben Jahr auf die erneute Prüfung vorbereiten. Auf Nachfrage teilte die Akademieleitung mit, dass dieses Vorgehen zwar von der bisherigen Vorgehensweise abweiche, aber zulässig sei. Zudem hätten die Schüler Förderunterricht bekommen und hätten im Gegensatz zu früheren Jahrgängen nicht die komplette Prüfung wiederholen müssen, sondern nur die Teile, die nicht bestanden wurden.

Die Morgenpost konnte mit Polizeischülern sprechen und Unterlagen einsehen. Im Gespräch mit dieser Zeitung berichteten die Schüler von regelmäßigem Unterrichtsausfall, zum Teil schlecht vorbereiteten Lehrern und unterschiedlichen Standards in der Ausbildung. Sie schilderten beispielsweise einen Fachbereich, in dem eine Klasse in eine A- und in eine B-Klausur unterteilt wurde. Für einen Teil der Klausur kursierten allerdings bereits die Lösungen im Netz. Ein anderer Polizeianwärter erzählte von weiteren Musterlösungen, die in Chat-Gruppen herumgereicht wurden und von Klassen, die während der Prüfungen Lösungen auf der Toilette deponierten. Wieder andere Schüler berichteten von Prüfungsfragen, die im Unterricht nicht behandelt worden seien und von Lehrern, die für sie fachfremden Unterricht geben würden.

Die Behördenleitung bestätigte, dass neue Fächerkombinationen gebildet wurden. Lehrkräfte, die früher etwa politische Bildung unterrichteten, müssen heute Verkehrsrecht und Öffentliches Recht lehren. Darin müssten sich die Lehrkräfte auch erst einarbeiten, heißt es. Die Akademieleitung verweist aber auf den statistisch sehr geringen Unterrichtsausfall von einem Prozent, widerspricht damit der Darstellung ihrer Schüler. Allerdings weisen viele Klassenbucheinträge nach Informationen dieser Zeitung Vertretungsstunden und Selbststudium aus, die sich nicht in der Statistik wiederfinden. Teilweise würden Lehrer auch mehrere Klassen parallel beaufsichtigen, lautet ein Vorwurf.

Ein Polizei-Schüler wendet sich an die Zeitung

Mario Schmidt (25) wollte schon immer Polizist werden. „Das ist mein Traumberuf“, sagt er. Obwohl er auch Zusagen aus anderen Bundesländern hatte, wollte er in Berlin seine Ausbildung machen. Weil er Beamter auf Widerruf ist, kann er in dieser Geschichte nicht mit seinem wahren Namen erscheinen. Wie alle anderen Polizeischüler, mit denen die Berliner Morgenpost in den vergangenen Wochen sprechen konnte. Denn die Polizeianwärter haben zugesichert, sich nicht öffentlich über die Polizeibehörde zu äußern. Falls sie es doch tun, drohen ihnen Konsequenzen.

Auf der Toilette sollen sich Spickzettel befunden haben

Schmidt hat sich an die Zeitung gewandt, weil er sich ungerecht behandelt fühlt und er das Gefühl hat, dass es an der Polizeiakademie nach wie vor keine Fehlerkultur gebe. „Ich habe gewusst, dass es in Berlin chaotischer ist als in anderen Bundesländern. Aber das habe ich dann doch nicht erwartet“, sagt er. Schmidt hat Abitur, ist sehr sportlich. Zum Gespräch kommt er gut vorbereitet.

Er hat Dokumente dabei, um seine Aussagen zu belegen. Nicht alles kann man schreiben, weil Schmidt und andere Polizeianwärter sonst identifizierbar wären. Zu den Gesprächen hat Schmidt etwa zahlreiche Musterlösungen von Prüfungsaufgaben mitgebracht, die in Chatgruppen der Polizeiakademie kursieren. Seitenweise sind da korrekte Lösungen von Zwischenprüfungen abfotografiert worden. Mario Schmidt beschreibt, wie Schüler in einzelnen Prüfungen bis zu sieben Mal den Unterricht verlassen hätten, um auf die Toilette zu gehen. Auf der Toilette seien Spickzettel deponiert worden.

Mehrere Schüler kritisieren auch, dass der Unterricht willkürlich sei. So würden in Prüfungen Dinge abgefragt, die nicht im Unterricht behandelt worden seien. Beweisen lässt sich das nicht. Aber Einträge aus Klassenbüchern, in denen der Unterrichtsstoff vermerkt ist, sollen den Verdacht stützen. „In der Akademie will das aber niemand hören“, sagt Schmidt. „Wir hatten auch nicht eine Stunde Deutsch und Geschichte.“ Verkehrslehre, Eingriffsrecht und politische Bildung seien oft ausgefallen oder andere Lehrer hätten Vertretung gehalten. Manche Lehrer zeigten im Unterricht nur Filme. „Draußen auf der Straße sind nicht die besten Polizisten, sondern jene, die bei der Ausbildung das größte Glück hatten“, so Schmidt.

In Antworten auf einen umfangreichen Fragenkatalog der Berliner Morgenpost bestreitet die Akademieleitung die Vorwürfe der Schüler. Der Unterrichtsausfall sei gering, geprüft werde nur, was vorher behandelt worden sei und Probleme können offen angesprochen werden.

Unterrichtsausfall und schlechte Deutschkenntnisse

Für die Polizeiakademie kommen die Vorwürfe dennoch in einer Zeit des Umbruchs. Seit Anfang Juli 2018 leitet Tanja Knapp die Polizeischule. Knapp wurde persönlich von Polizeipräsidentin Barbara Slowik auf dem Akademiegelände in Ruhleben vorgestellt. Slowik will mit Knapp die Ausbildung komplett umkrempeln. Beraten werden sie dabei von Sonderermittler Josef Strobl.

Strobl hatte die Zustände an der Polizeiakademie untersucht, nachdem im vergangenen Jahr Vorwürfe über eine angebliche Unterwanderung der Akademie durch arabische Clans im Raum standen, von Strobl aber ausgeräumt werden konnten. Dennoch machte Strobl in der Polizeischule auf zahlreiche Missstände aufmerksam. Er kritisierte regelmäßigen Unterrichtsausfall, die schlechten Deutschkenntnisse der Schüler und eine aufgeblähte Führungsstruktur. „Daran hat sich noch nichts geändert“, sagt Schmidt.