20 Jahre Neugestaltung

Deshalb wurde der Potsdamer Platz genau so gebaut

| Lesedauer: 10 Minuten
Isabell Jürgens
Der frühere Senatsbaudirektor Hans Stimmann am Potsdamer Platz

Der frühere Senatsbaudirektor Hans Stimmann am Potsdamer Platz

Foto: Maurizio Gambarini

Ex-Senatsbaudirektor Hans Stimmann hält den neuen Potsdamer Platz für ein gelungenes Stück Berlin.

Berlin. Hans Stimmann hat als Senatsbaudirektor maßgeblich das gebaute Bild der Stadt nach dem Fall der Mauer geprägt. Im Interview mit der Berliner Morgenpost erklärt Stimmann, warum er am Potsdamer Platz so hartnäckig für die Vorstellung einer lebendigen Stadt nach europäischem Vorbild gekämpft hat – und warum der in den Feuilletons als „Posemuckel“ oder gar als „Neuteutonia“ diffamierte Platz ein gelungenes Stück Berlin ist.

Gefällt Ihnen der Potsdamer Platz, so wie er heute dasteht?

Hans Stimmann: Ja, mit einigen Einschränkungen. Natürlich hat er auch Mängel, ist aber typisch berlinisch im Werden zum Besseren.

Welcher Art sind denn die Mängel?

Tatsächlich solche, die ich als Senatsbaudirektor damals auch schon gesehen habe, aber nicht verhindern konnte.

Warum nicht?

Um das zu erklären, muss man gut drei Jahrzehnte zurückschauen, als es in Berlin noch eine geteilte Regierung mit zwei Bürgermeistern gab – in West-Berlin war das Walter Momper. Er verkaufte Anfang 1990 Teile der in West-Berlin liegenden Grundstücke am alten Potsdamer Platz an die Daimler Benz AG mit dem damaligen Vorstandsvorsitzenden Edzard Reuter, Sohn von Ernst Reuter ...

Dem berühmten Oberbürgermeister, der im Kalten Krieg die Völker der Welt aufrief: „Schaut auf diese Stadt!“

... genau. Denn der hatte schon vor dem Fall der Mauer, im Mai 1989 beschließen lassen, die Dienstleistungszentrale des Konzerns nach Berlin zu verlegen. Als kurz darauf die Mauer fiel und ein Jahr später die Wiedervereinigung gefeiert wurde, waren das hochemotionale Momente. Dazu passte Edzard Reuters Standortentscheidung perfekt.

Und da hat man ihm den roten Teppich ausgerollt und erlaubt zu bauen, wie er will?

Nicht ganz. Daimler-Benz wollte ursprünglich nur einen Architektur-Wettbewerb für sein eigenes Areal.

Und dann?

Hat der erste Gesamtberliner Senat beschlossen, dass der Wettbewerb nicht nur das Daimler-Areal umfassen soll und 1991 einen internationalen städtebaulichen Ideenwettbewerb für ein Gebiet ausgelobt, das den Potsdamer und Leipziger Platz sowie Nachbargebiete umfasste – insgesamt 480.000 Quadratmeter groß. Knapp 70.000 davon entfielen auf das Daimler-Areal. Ein Wettbewerb, der weltweit für Aufsehen sorgte, weil mitten in einer Großstadt und an der Nahtstelle von Ost und West nun ein neues Quartier entstehen sollte, das sowohl Ausdruck der Geschichte sein als auch eine Vision des Städtebaus im 21. Jahrhundert liefern sollte.

Gewonnen hat den Wettbewerb das Büro von Hilmer & Sattler – eine Entscheidung ganz in Ihrem Sinne, die aber schließlich für einen erbitterten Architekturstreit sorgte.

Richtig, die meisten Kritiker und auch die Großinvestoren – neben Daimler-Benz waren das ABB, Sony und der
Metro-Gründer Otto Beisheim – hatten sich etwas Spektakuläreres gewünscht
à la Daniel Libeskind, Frank O. Gehry oder Zaha Hadid. Hilmer & Sattler dagegen legten ihrem Leitbild die kompakte, europäische Stadt zugrunde, mit öffentlichen Straßen, Plätzen und privaten Häusern mit begrenzter Traufhöhe. Das wurde dann in den überregionalen Feuilletons als „Posemuckel“ oder gar als „Neuteutonia“ diffamiert.

Der Wettbewerb war also ein Affront gegen Investoren und Stararchitekten?

So wurde es jedenfalls damals interpretiert. Und Daimler-Benz hat das Wettbewerbsergebnis ja auch nur zum Teil akzeptiert und kurz darauf einen neuen städtebaulichen Wettbewerb allein für sein Areal durchgeführt, den Renzo Piano gewonnen hat. Aber immerhin hat der Konzern seinen Wettbewerb auf Grundlage des Hilmer & Sattler-Entwurfs durchgeführt. Genauso wie Sony es dann mit dem von Helmut Jahn entworfenen Sony Center gemacht hat. Aus heutiger Sicht ist die damals so unversöhnlich geführte kulturpolitische Debatte allerdings nur noch schwer nachzuvollziehen. Heute ist die dichte europäische Stadt als Leitbild Standard.

Dann kommen wir doch wieder zu den Mängeln, die Sie, als der damals maßgebliche Entscheider, ja auch selbst eingeräumt haben.

Einen der berechtigten Kritikpunkte am neuen Potsdamer Platz hat der Investor Daimler-Benz selbst verschuldet, der sich nämlich dazu entschied, das auch von Renzo Piano entworfene öffentliche Straßensystem durch eine nach innen gekehrte Shoppingmall nach amerikanischem Vorbild zu ersetzen. Ein Bruch mit den Regeln europäischen Städtebaus, der mitten in der Stadt einfach so tut, als wäre er irgendwo auf der grünen Wiese. Zum öffentlichen Raum hin, gerade zur Seite der Grünanlage, zeigt die Mall eine abweisende Front ohne Geschäfte, Cafés und Restaurants. Darüber hinaus gibt es aber auch Fehler, die der Senat gemacht hat.

Welche?

Neben dem bereits ganz am Anfang gemachten Fehler, an Großinvestoren nicht Hausgrundstücke, sondern riesige Areale mitten in der Stadt zu verkaufen, kam später das Wettbewerbsverfahren für die öffentliche Parkanlage des Tilla-Durieux-Parks. Aus dem ging dann eine sogenannte Rasenskulptur als Gewinnerentwurf hervor, die die historische Trennung des Areals durch Bahngleise als gartenarchitektonisches Kunstwerk inszenieren sollte.

Die Trennung ist ja gelungen ...

Ja, leider. Diese „Deichanlage“, wie ich sie als gebürtiger Norddeutscher mal bezeichnen möchte, lässt sich nur schwer überqueren, besonders der südliche Bereich zum Landwehrkanal hin wird deshalb kaum genutzt. Zudem musste der „Deich“ mehrfach erneuert werden, ist aber trotzdem schon wieder in einem erbärmlichen Zustand. Auch die fünf Riesenwippen funktionieren seit Jahren nicht. Insgesamt ist der ganze Park eine Fehlkonstruktion, den man besser schnell zu einem ebenerdigen Volkspark umbauen sollte, damit sich hier städtisches Leben entfalten kann.

Noch weitere Kritikpunkte?

Ein ganz bedauerlicher Punkt betrifft die mangelnde Verbindung zwischen Kulturforum und Potsdamer Platz. Beide stehen funktional und städtebaulich Rücken an Rücken, was auch wieder nur aus der Geschichte zu begreifen ist. Die Staatsbibliothek wurde in den 60er- und 70er-Jahren nach Plänen des Architekten Hans Scharoun errichtet, damals war das Gelände westlich der Mauer Brachland, über das die Stadtautobahn Westtangente geführt werden sollte. Das Baugrundstück für die Staatsbibliothek wurde zudem auf den Straßenverlauf der ursprünglichen Potsdamer Straße gelegt, die ja an der Mauer endete. Renzo Piano, der das Theater am Potsdamer Platz und die Spielbank Berlin entworfen hat, hat daher einen Durchgang zwischen seinen Gebäuden gelassen und vorgeschlagen, auch eine Passage durch die Staatsbi­bliothek hindurchzuführen. Es wäre ein Gewinn für das Kulturforum und den Potsdamer Platz, wenn diese Verbindung eines Tages doch noch realisiert würde.

Kommen wir zu den Pluspunkten des Areals …

Oh, davon gibt es wirklich viele. Schauen Sie sich um, der Platz lebt – allen Unkenrufen zum Trotz. Und es sind durchaus nicht nur Touristen, die hierherkommen. Der größte Pluspunkt der neuen Bebauung des Potsdamer Platzes ist seine große Flexibilität. Das zeigt sich jetzt, wo nach 20 Jahren einige ursprüngliche Großinvestoren und Nutzer wie Daimler-Benz und Sony ihre Areale längst verkauft haben und neue Nutzer eingezogen sind. Dieser Wandel geht noch weiter, auch die Spielbank zieht aus. Aber es zeigt sich, dass nun nicht alles wie ein Kartenhaus in sich zusammenfällt und verödet, sondern dass die neuen Eigentümer das Areal weiterentwickeln – auch städtebaulich. Eine für Städte typische Entwicklung, von der ich mir für die Zukunft viel erhoffe.

Was erhoffen Sie sich konkret?

Die Menschen, die künftig in den einstmals nach außen abgeschotteten Konzernzentralen in den „Coworking Spaces“ arbeiten werden, haben ganz andere Ansprüche an die Stadt. Sie wünschen sich Cafés und Restaurants und andere Läden. Die neuen Hausbesitzer werden also ein großes Interesse daran haben, ihre Gebäudefront zum Theaterufer oder zum „Pianosee“ hin zu öffnen. Und natürlich ändert sich auch das Shopping-Verhalten. Deshalb wird Betreiber ECE endlich auch die Orientierung der Shoppingmall verändern und zur Linkstraße hin öffnen. Vielleicht gelingt es, die Staatsbibliothek davon zu überzeugen, sich auch einen Eingang zur alten Potsdamer Straße zu leisten. Vergleichsweise kleine Korrekturen, die aber nach weiteren 20 Jahren dafür sorgen werden, dass das gesamte Quartier mehr und mehr zum selbstverständlichen Teil des bis 1989 durch die mörderische Mauer geteilten Berlins wird.

Hans Stimmann

Karriere: Nach einer Maurerlehre studierte der gebürtige Lübecker Hans Stimmann Architektur. Er arbeitete als angestellter Architekt in Frankfurt am Main, bevor er an der Technischen Universität Berlin Stadt- und Regionalplanung studierte. 1986 wurde Stimmann Bausenator in Lübeck. 1991 berief ihn der damalige Berliner Bausenator Wolfgang Nagel (SPD) als Senatsbaudirektor in die Bundeshauptstadt.

Kritik: Der gebürtige Lübecker war von 1991 bis 1996 und von 1999 bis 2006 Berlins Senatsbaudirektor. Diese Zeit nutzte der heute 77-Jährige, um seine Vorstellungen einer nach historischem Vorbild rekonstruierten Stadt so weit wie möglich durchzusetzen. Das brachte ihm Kritik von Architekten und Investoren ein, die seine Vorgaben als „Geschmacksdiktatur“ bezeichneten, die die einmalige Chance einer modernen Stadtplanung verhindere. Andere lobten ihn als „Retter der europäischen Stadt“.

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