Autoraser-Prozess

Plädoyer des Staatsanwalts: „Es war ihm egal, was passiert“

Ankläger fordert elfeinhalb Jahre für Autoraser, der zwei Personen schwer verletzte

(Symbolbild)

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Foto: Paul Zinken/dpa

Am 21. September verletzte der 34-jährige Djordje S. bei einem Verkehrsunfall eine Frau und ihre Tochter. Doch der Fall landete nicht vor dem Verkehrsrichter. Djordje S. muss sich vor einem Moabiter Schwurgericht verantworten. Am Montag forderte Staatsanwalt Bernhard Gierse für den gebürtigen Serben wegen zweifachen versuchten Mordes eine Freiheitsstrafe von elfeinhalb Jahren

Gierse beschrieb in seinem Plädoyer noch einmal die „Horrorfahrt“ des Angeklagten: Djordje S. war hinter dem Steuer eines 3er BMW gegen acht Uhr in eine Polizeikontrolle geraten, war geflohen und dabei mit bis zu 100 Stundenkilometern durch die Innenstadt gerast. An der Oranienstraße (Kreuzberg) fuhr er auf eine Kreuzung zu. Die Ampel signalisierte „Rot“. Djordje S. fuhr dennoch weiter und erfasste die 27-jährige Sultan A. und ihre fünfjährige Tochter Melek, die unterwegs zum Kindergarten waren und bei „Grün“ die Straße überqueren wollten. Erlaubt sind an dieser Stelle 30 Stundenkilometer. Djordje S. raste nach dem Unfall einfach weiter. Erst an der Görlitzer Straße, als er zu Fuß flüchten wollte, konnte er gestellt werden. Mutter und Tochter wurden bei dem Crash mehr als 25 Meter weit durch die Luft geschleudert. Sultan A. erlitt Brüche an Wirbelsäule, Armen, Beinen, Becken und Hirnverletzungen. Herbei geeilte Passanten hielten sie anfangs sogar für tot. Auch Melek wurde lebensgefährlich verletzt. Beide leiden heute noch schwer an den Folgen des Unfalls.

Frage nach dem Vorsatz

Dreh- und Angelpunkt war in diesem Prozess – wie schon im Prozess gegen die Autoraser von der Tauenzienstraße – die Frage nach dem Vorsatz des Angeklagten. Ankläger Gierse ging davon aus, dass es dem mehrfach vorbestraften Djordje S. in dem Moment, als er auf die Kreuzung zufuhr, „egal war, was mit anderen passiert“. Im Kofferraum des BMW befanden sich gestohlene Bohrmaschinen. Djordje S., der Wochen vor der Tat nach einer verbüßten Haftstrafe abgeschoben wurde, war wenig später illegal wieder eingereist. „Er wollte auf keinen Fall wieder ins Gefängnis. Es war eine Flucht vor der Polizei um jeden Preis“, sagte der Staatsanwalt. Als Mordmerkmal sah der Ankläger „Verdeckungsabsicht“.

Auch Opferanwalt Roland Weber, der die Nebenklage vertrat, ging von einem zweifachen Mordversuch aus. Djordje S. habe um die Gefährlichkeit seines Handelns gewusst, und er habe die eingetretenen Folgen billigend in Kauf genommen. Er habe trotz Alkoholkonsums den Wagen sicher lenken können und sei auch eindeutig in der Lage gewesen, den Wagen rechtzeitig abzubremsen, so Weber. Zeugen und ein technischer Sachverständiger hätten das bestätigt.

Der Verteidiger von Djordje S., Bernd Kubacki, plädierte für eine mildere Strafe. Aus seiner Sicht sei es schwer festzustellen, wann der Angeklagte beschlossen haben soll, den Tod anderer Verkehrsteilnehmer billigend in Kauf zu nehmen. Wahrscheinlicher sei es, dass Djordje S. davon ausging, dass die Sache noch einmal gut gehen werden. Dafür spreche auch, dass die Ampel schon fast eine halb Minute auf „Rot“ gestanden habe und er vermutet habe, die Fußgänger hätten die Kreuzung längst passiert. Insgesamt handele es sich dann um fahrlässige Körperverletzungen.

Das Urteil soll am Donnerstag gesprochen werden.