Umfangreiche Daten

Mehr Fälle von Menschenhandel und Zwangsprostitution

Die Innenverwaltung hat Zahlenmaterial zur Zwangsprostitution veröffentlich. Auch Kinder und Jugendliche sind unter den Opfern.

Prostituierte (Symbolbild)

Prostituierte (Symbolbild)

Foto: dpa

Berlin. Es war eine der größten Razzien in diesem Jahr. Im April gingen die Ermittlungsbehörden gegen Menschenhändler vor. Zeitgleich schlugen mehr als 1500 Polizisten in zwölf Bundesländern zu – auch in Berlin. Damals gab es mehr als 100 vorläufige Festnahmen. Die Razzia war einer der größten Schläge gegen das Rotlichtmilieu in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Mit dem Einsatz rückte auch ein Problem in die Öffentlichkeit, dass aus Sicht vieler Beobachter mehr Aufmerksamkeit verdient hätte.

In ihrer Antwort auf eine parlamentarische Anfrage des innenpolitischen Sprechers der Grünen, Benedikt Lux, hat die Innenverwaltung nun erstmalig umfangreiches Zahlenmaterial zum Thema Zwangsprostitution und Menschenhandel in Berlin in den vergangenen Jahren vorgelegt. Zum einen listet die Innenverwaltung bekannt gewordene Fälle auf und zum anderen die erfassten Opfer.

Aus dem Datenmaterial geht hervor, dass es nach insgesamt 140 bekannt gewordenen Fällen von Menschenhandel im Jahr 2009 einen kon­stanten Rückgang in der Hauptstadt gab. Seit dem Jahr 2015 gibt es in Berlin aber wieder einen Anstieg auf zuletzt 110 Fälle im Jahr 2016 und 104 im Jahr 2017. Ein Blick in die Statistik zeigt auch, dass unter den Opfern immer wieder Kinder (bis 14 Jahre), Jugendliche (bis 18 Jahre) und Heranwachsende (bis 21 Jahre) sind. Vor allem männliche Jugendliche gehören regelmäßig zu den Opfern.

Vernehmungen gestalten sich häufig schwierig

Experten gehen davon aus, dass das Zahlenmaterial lückenhaft ist und nur einen Ausschnitt der Realität darstellt. „Es ist feststellbar, dass Vernehmungen Widersprüche oder Lücken enthalten, die durch die Angst der Opfer zu erklären sein könnte“, heißt es dazu aus der Innenverwaltung. Grünen-Politiker Lux fordert mit Blick auf die Stricherszene, die etwa im Regenbogenkiez in Schöneberg und in Tiergarten sehr aktiv ist, mehr Fachstellen. „Es fehlt in Berlin
an Betreuungsangeboten für männliche Betroffene von Zwangsprostitution“, sagte Benedikt Lux der Berliner Morgenpost.

Gemeinsam mit der Grünen-Politikerin und Sprecherin für Frauen- und Queerpolitk, Anja Kofbinger, hatte Lux kürzlich ein Fachgespräch mit LKA-Beamten und Sozialarbeiterinnen organisiert. Die Berliner Polizei hat insgesamt zwei Kommissariate mit ungefähr 30 Beamten, die für den Bereich sexuelle Ausbeutung zuständig sind. Eines dieser Kommissariate konzentriert sich dabei auf die Fälle mit minderjährigen Opfern. Damit ist Berlin im Vergleich zu anderen Bundesländern gut aufgestellt.

LKA-Beamte stellen Forderungen auf

Ein Problem sehen die Ermittler vom LKA aber darin, dass Opfer derzeit eine Anzeige stellen und bereit sein müssen, das ganze Ermittlungsverfahren zu durchlaufen, damit der Fall auch bearbeitet werden kann und sie als Opfer anerkannt werden. Das ist aufgrund der seelischen Belastung für viele Opfer schwierig. Eine Forderung aus Ermittlerkreisen besteht daher darin, dass das Bleiberecht von Menschenhandelsopfern ausgebaut werden sollte.

Eine weitere Forderung aus Ermittlerkreisen ist, dass erwachsene männliche Opfer und Kinder unkomplizierter und besser untergebracht werden sollten, da besonders Kinder Gefahr laufen würden, zu den Tätern, die oft auch aus ihrer Familie stammen, zurückzukehren.

Unterdessen werfen die Oppositionsparteien CDU und FDP beim Thema „Runder Tisch Sexarbeit“ dem Senat Versäumnisse vor. Am Runden Tisch treffen sich Prostituierte, Vertreter der Senatsverwaltungen, Bezirksämter und der Polizei. Die CDU kritisierte die aus ihrer Sicht schleppende Umsetzung
des Prostituiertenschutzgesetzes. „Über ein Jahr nach Inkrafttreten des Gesetzes konnten sich gerade einmal etwa 200 Prostituierte offiziell anmelden“, sagte Katrin Vogel, Sprecherin für Gleichstellung der CDU-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus.

Definition Menschenhandel

Der Begriff des Menschenhandels beschreibt Formen der Ausbeutung von Menschen gegen deren Willen und oft unter Anwendung von Gewalt oder Täuschung. Zwangsprostitution und Zwangsarbeit zählen dazu, aber auch der Organhandel ist eine Erscheinungsform.

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