Nachtlager

BVG will U-Bahnhöfe nicht mehr für Obdachlose öffnen

Das Unternehmen fürchtet um die Sicherheit der Mitarbeiter – und der Menschen, die dort im Winter übernachten.

Das Unternehmen fürchtet um die Sicherheit

Das Unternehmen fürchtet um die Sicherheit

Foto: picture alliance / ZB

Berlin.  Noch ist es warm in der Hauptstadt, aber der Winter naht und damit auch ein Phänomen, das in den vergangenen zwei Wintern massiv aufgetreten ist: Die Zahl der Menschen, die Berliner U-Bahnhöfe als Nachtlager nutzten, hat enorm zugenommen. Ein Sicherheitsproblem für die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG), die als Konsequenz daraus nun von ihrer jahrelangen Praxis abweichen wollen, in Winternächten zwei bis drei Bahnhöfe für Obdachlose zu öffnen.

Auch nachts Starkstrom in den Gleisen eingeschaltet

„Wir müssen uns die Frage stellen, ob wir bei der veränderten Situation noch guten Gewissens diese Verantwortung tragen können“, begründet BVG-Chefin Sigrid Nikutta diesen Schritt gegenüber der Berliner Morgenpost. Nachts bleibe der Starkstrom im Gleisbereich eingeschaltet, denn auch nachts fahren wegen Bauarbeiten und zum Rangieren Züge. „Bei nicht selten mehreren Dutzend Menschen im Bahnhof, die oft unter Alkohol- oder Drogeneinfluss stehen, ist das buchstäblich lebensgefährlich“, sagte Nikutta.

Auch aus Fürsorgepflicht gegenüber den BVG-Mitarbeitern sehe sie sich zum Handeln gezwungen. „Sie müssen diese Menschen, die aufgrund ihres Alkoholkonsums und wegen Sprachbarrieren nur schwer zu erreichen sind, bitten, die Bahnhöfe zu verlassen“, sagte Nikutta. Sonst werde es schwierig, die Sicherheit zu gewährleisten und die notwendigen Reinigungs- und Wartungsarbeiten vorzunehmen.

Andere Übernachtungsmöglichkeiten gegeben

Berlin habe in den vergangenen Jahren so viele Übernachtungskapazitäten aufgebaut, dass es keinen Bedarf mehr für Bahnhöfe als letzte Zuflucht geben müsste, so die BVG-Chefin weiter. Die BVG unterstütze die Bahnhofsmission und auch deren Einzelfallhilfe mit erheblichen Beträgen und sorge ebenfalls dafür, dass regelrechte Übernachtungsmöglichkeiten geschaffen werden. So finanziere die BVG seit Jahren mit jährlich 40.000 Euro eine Arbeitsstelle bei der Bahnhofsmission. „Zusätzlich wurde von uns eine BVG-Mitarbeiterin abgestellt, die vor Ort ist und ganz konkret die Arbeit dort unterstützt“, sagte Nikutta. Da ein U-Bahnhof aber weder über sanitäre Einrichtungen noch über menschenwürdige Schlafplätze verfüge, sei dies immer nur als eine allerletzte Notlösung gedacht.

„Außerdem wird uns damit faktisch die Verantwortung für diese Menschen übertragen. Dafür sind unsere Kollegen bei allem Engagement und Einfühlungsvermögen nicht ausgebildet“, so die BVG-Vorstandsvorsitzende. Man werde aber niemanden einfach auf die Straße in die Kälte schicken, versicherte sie. Man sei sich der sozialen Verantwortung sehr bewusst, brauche aber auch die Unterstützung der Fachleute und Stellen, die dafür zuständig und ausgebildet seien.

„Uns ist bewusst, dass das ein heikles Thema ist“

So könnten beispielsweise die BVG-Sicherheitsmitarbeiter die Notübernachtungen anrufen, die dann einen Wagen vorbeischicken. Aber diejenigen, die das nicht wollten, könne man schließlich nicht zwingen, einzusteigen. Die BVG müsse letztlich aber auch die Interessen der Mitarbeiter und Kunden wahren, die sich saubere und sichere Bahnhöfe wünschten. „Uns ist bewusst, dass das ein heikles Thema ist“, so Nikutta. Nach Angaben der BVG sind 200 Sicherheitskräfte und weitere 600 Beschäftigte allein im Berliner U-Bahnsystem im Einsatz. „Die machen einen super Job, sie fordern die lagernden Menschen höflich und freundlich auf, den Bahnhof zu verlassen“, betonte Nikutta.

In der Senatsverwaltung für Soziales begegnet man dem Wunsch der BVG mit deutlicher Skepsis. „Trotz der Kältehilfe und ausreichender Plätze dort, gibt es Obdachlose, die in die Bahnhöfe gehen und nicht in die Übernachtungsmöglichkeiten der Kältehilfe“, sagte Sozialsenatorin Elke Breitenbach (Linke). „Wir brauchen auch die U-Bahnhöfe, wollen aber mit der BVG reden, wie wir bestehende Probleme – zum Beispiel hygienische Zustände – gemeinsam abbauen können.“

Je nach Quelle und Definition leben in Berlin 3000 bis 10.000 Menschen auf der Straße. Im vergangenen Jahr standen in der Hauptstadt bis zu 1200 Notschlafplätze der Kältehilfe bereit – so viel wie noch nie seit dem Start der Initiative vor 30 Jahren. Dafür wurden auch ehemalige Flüchtlingsunterkünfte genutzt, darunter auch 100 Plätze im Hangar des ehemaligen Flughafens Tempelhof. Ab Herbst 2018 soll ihre Zahl auf 1500 aufgestockt und die Öffnungszeiten der Unterkünfte auf Oktober bis April ausgeweitet werden. 2017 Jahr startete die Kältehilfe erst am 1. November und endete bereits Ende März.

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