Berlin

Juso-Chef Kevin Kühnert: Mr. NoGroko und die Luftpumpen

Kevin Kühnert will die SPD retten, aber er ist auch Lokalpolitiker. Ein Spagat zwischen Bund und Bezirk.

Kevin Kühnert

Kevin Kühnert gilt einigen als Heilsbringer der SPD. Politik macht er aber im Berliner Bezirk Tempelhof-Schöneberg und nicht im Bundestag. Wie sehen seine Pläne aus?

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Berlin. Kevin Kühnert fährt im lila Twingo zur Einschulungsaktion und ist spät dran. Ein paar Minuten nur. Aber hier, tief im Berliner Süden, wo sich graue Einfamilienhäuser hinter Kiefern und Lattenzäune ducken, da kommt man an einem Tag wie diesem besser zu früh als pünktlich. Um kurz nach neun Uhr lässt Kühnert einen Karton voller SPD-Papiertütchen auf die Spielstraße rumsen. In der Schulaula sind die Sitzplätze längst belegt. Ein paar Nachzügler hasten vorbei.

Als Kühnert vor einer Fünfjährigen in die Hocke geht, sie beglückwünscht, sein Nachbarsjungen-Lächeln lächelt, ihr die Tüte überreicht und sagt, „hier ist was für dich und auch für deinen Papa drin“, da weiß er schon: es gibt heute nicht viel zu gewinnen in der CDU-Hochburg Lichtenrade.

Und so wird Kühnert an diesem Sonnabendmorgen den um sechs SPD-Tüten leichteren Karton ziemlich schnell wieder in seinen Twingo hieven. Verschenkte Zeit, würde man sagen.

Aber Kühnert sagt, das Schulthema sei ein Aufreger. „Es ist wichtig, dass wir uns gerade hier den Menschen stellen und zeigen, dass wir uns nicht vor unserer Verantwortung drücken.“

Die US-Zeitschrift „Time“ feiert ihn als Hoffnungsträger

Der No-GroKo-Kämpfer Kevin Kühnert wird zur Lichtgestalt der SPD hochgejubelt. Dabei gehört Krawall bei einem Juso-Vorsitzenden einfach zum Programm. Auch der politische Aufstieg. Andrea Nahles war Juso-Vorsitzende, Gerhard Schröder auch. Die US-Zeitschrift „Time“ hat ihn zu einem von zehn „Next Generation Leaders“ dieses Planeten gewählt. Und was macht der Hoffnungsträger? Er verteilt Parteiwerbung an Erstklässler.

Dabei gäbe es ganz andere Aufgaben. Die Union hat sich kurz vor der Sommerpause fast zerlegt, die Linke starrt regungslos auf die linke Sammlungsbewegung, laut der letzten Sonntagsfrage würden mehr Menschen die AfD in den Bundestag wählen als die SPD. Kurz: die Parteienlandschaft, wie wir sie kennen, erodiert. Und die Sozialdemokraten sind der größte Verlierer. Die GroKo-Neuauflage beschleunigt den Zerfall der SPD.

Wenn es einen Sozialdemokraten gibt, dem man die Erneuerung, die politische Trendwende, die neue Ehrlichkeit der SPD, den Hunger nach mehr Gerechtigkeit, dem man all das noch abkauft, dann ist es Kevin Kühnert.

Der ist als ehrenamtlicher Juso-Vorsitzender zwar in der Bundespolitik kaum zu übersehen – aber sein Geld verdient Kühnert als wissenschaftlicher Mitarbeiter einer Hinterbänklerin im Berliner Abgeordnetenhaus. Und sein einziges Mandat als Volksvertreter ist der Stuhl mit der Nummer 39 in der Bezirksverordnetenversammlung von Tempelhof-Schöneberg.

Dort kümmert sich Kühnert um Fußgängerzonen in Lichtenrade, streitet über die Zahl der Verkehrsübungsplätze und Geschwindigkeitsmesstafeln im Bezirk, sitzt in vier Ausschüssen und lässt keine Fraktionssitzung aus.

Warum tut sich Kühnert das an? Er sagt: „Ein System, in dem sich alle nur um die ganz großen Fragen kümmern, kann nicht funktionieren.“

Ein Dienstag mitten im Rekordsommer. Seit Monaten Hitze, seit Wochen Regierungskrise. Innenminister Seehofer hat im Streit über Rückweisungen von Asylbewerbern seinen Rücktritt erklärt, trat dann vom Rücktritt zurück, dann die Einigung der Union. Nun ist die SPD am Zuge, soll Ja oder Nein sagen zum Asylkompromiss, zur GroKo. Schon wieder.

Für Kühnert begann dieser Tag mit einem Radiointerview um 6:30 Uhr. Vormittags hat er mit einer Jugendgruppe über das Berufsbildungsgesetz diskutiert, schrieb dann seine WM-Kolumne für das „Handelsblatt“, hat mit Andrea Nahles den Asylstreit besprochen.

Jetzt ist es 15:50 Uhr und Kühnert steht vor einer ARD-Kamera im Willy-Brandt-Haus. Die Augenringe sind beachtlich, das Outfit typisch: Die immer selben grauen Sneakers, die Jeanshose hängt weit unter dem Gesäß, das T-Shirt trägt die Aufschrift „Rock Solid – Casual Wear“. Kamera läuft. Kühnert schließt die Augen, atmet ein, öffnet die Augen – und spricht sendereif. Er rät der SPD, nicht das große Ganze aus dem Blick zu verlieren, sagt, die Union ringe um ihre Fraktionsgemeinschaft, „aber was eigentlich auf dem Spiel steht, ist die europäische Einigung.“

Kaum ein Thema auf der Bundesebene, bei dem Kühnert nicht mitspricht: Europa, Migration, Rente, die Causa Maaßen. Aber Kühnert will nicht nur mitreden, er will mitentscheiden. Er will zwei Stockwerke höher im Willy-Brandt-Haus hinauf, vom Juso-Bundesbüro im dritten Stock hoch in den fünften, dort wo der Bundesvorstand der Partei die Richtung vorgibt.

Doch zunächst bleibt Kühnert lediglich eine halbe Stunde, um von der Parteizentrale in eine Grundschule in Lich­tenrade zu kommen. Er ist, wie so oft, auf dem Sprung von der Bundesebene in die Bezirkspolitik. Dass der Schulausschuss diesmal in einer Schulaula stattfindet, war auch noch Kühnerts Idee. Man müsse näher ran an die Menschen vor Ort.

Kühnert steht vor dem Willy-Brandt-Haus, klopft hektisch seine Taschen nach dem Autoschlüssel ab, ruft seinen Pressesprecher im Juso-Büro an, doch da ist der Schlüssel auch nicht. Kühnert beginnt, seinen Rucksack auf dem Gehsteig zu leeren. Da ist er.

Stau auf der Großbeerenstraße. „So wird das nichts“, sagt Kühnert. Im Radio läuft die Regierungskrise in Dauerschleife und der Juso-Chef dreht den Twingo an einer Kreuzung um 180 Grad. Am Tempelhofer Feld ruft er seinen Schulstadtrat Oliver Schworck an. „Sorry Olli, fangt schon mal an.“ Auf dem Mariendorfer Damm schrumpfen die Häuser, fließt der Verkehr, wird Kühnert ruhiger. Heimat.

Tempelhof-Schöneberg hat Kühnert nur kurz verlassen

Fragt man Kühnert nach seiner Verbindung zum Bezirk, erzählt er stolz, dass er heute einen Kilometer von seiner Tempelhofer Geburtsklinik entfernt wohne. Die ersten Jahre in Mariendorf gelebt, später in Lichtenrade, heute auf der Roten Insel in Schöneberg. In 29 Jahren den Bezirk nie verlassen, Herr Kühnert? Doch. Da waren ein paar Kindheitsjahre – in Lankwitz.

Politisiert wurde Kühnert, so erzählt er es, von seinem Schulleiter am Beethoven-Gymnasium. Mit 14 stellte er sich in der Aula zur Wahl als Schulsprecher; seine Gegenkandidaten waren Abiturienten. Ein Klassensprecher – zwei Jahrgänge höher – erinnert sich an Kühnert als einen verschrobenen Einzelgänger. Ein Klassenkamerad sagt: „Freunde hatte Kühnert keine.“ Aber er hat sich Respekt erarbeitet. Der Sprecherkollege sagt, er sei durch Ideen, durch Organisations- und Redetalent aufgefallen. „Bei der Schulsprecherwahl hat er alle in Grund und Boden debattiert.“ Und die Wahl gewonnen. Nicht nur einmal. Mit 15 trat Kühnert der SPD bei.

An jenem heißen Dienstag schafft es Kühnert noch rechtzeitig in den Schulausschuss. In der Aula kleben bunte Schmetterlinge an den Fenstern, die Schuldirektorin spricht über die Mittagswerkstätten, die Zirkusaufführung. Kühnert schiebt interessiert die Unterlippe nach vorne, schüttelt den Kopf, als hinten Zuhörer plappern. Dann werden die Tagesordnungspunkte abgearbeitet. Als sich eine Bezirksverordnete im Blümchenkleid in der Diskussion über die Teilstrategie Fußwegsicherheit mit einem Verordneten im Poloshirt verhakt, tippt Kühnert auf dem Laptop, retweetet seinen O-Ton beim „Bericht aus Berlin“. „Die europäische Einigung stehe auf dem Spiel, warnt @KuehniKev“, steht da. Kühnert sitzt im Schulausschuss und denkt an die GroKo.

Bei Tagesordnungspunkt 6.2. schleicht er vor das Schulgebäude, zündet sich in Armlänge zu einem orangefarbenen Abfalleimer mit der Aufschrift „Kippendiener“ eine rote Pall Mall an, beugt sich über sein Smartphone, tippt, zieht, wischt, raucht, tippt, ascht. Die Nachrichtenlage im Auge behalten, nennt Kühnert das.

Anstrengend das hier? „Ja. Aber nötig!“, sagt er.

In der letzten Woche der No-GroKo-Tour sprach Kühnert auf zwölf Veranstaltungen in elf Städten und acht Bundesländern. Pünktlich zum Jugendhilfeausschuss war Kühnert wieder in Berlin. Spricht man mit Vertretern der Opposition im Bezirksparlament, alle haben Achtung vor Kühnerts Fleiß. Von Fraktionskollegen hört man, Kühnert sei hoffnungslos unterfordert hier.

Während einer Plenumssitzung lehnt Kühnert an einem Stehtisch aus dunklem Holz in der BVV-Kantine, isst Kartoffelsalat und hausgemachte Boulette. Die stellvertretende Fraktionsvorsitzende, gelernte Friseurin und 73 Jahre alt, kitzelt Kühnert im Vorbeigehen unter den Rippen. Auf Bezirksebene sei die SPD noch heiler, man begegne sich auf Augenhöhe, sagt Kühnert. Und die Bundespolitik zeige hier ihre Auswirkungen. Das sei doch toll.

Und der Streit eben im Plenum, ob der Kinosaal im Rathaus nun nach Marlene Dietrich oder Inge Meysel benannt werden soll? Kühnert sagt: „Man muss schon ein Faible für die Absurditäten haben, die es hier auch gibt.“

Er habe nun Mal ein Mandat, sei das den Wählern schuldig. Je öfter man nachfragt, desto sicherer ist man, Kühnert meint das ernst. Privatleben, Freundeskreis? Das spielt sich auch irgendwie alles in der Politik ab. Rund um die Uhr SPD, die Sprünge zwischen den Ebenen, das sei manchmal ermüdend. „Es geht auch darum, sich zu beweisen, dass das möglich ist“, sagt Kühnert.

Ein anderer Abend. Im Volkspark Mariendorf riecht es nach Grillwurst, eine Rockkombo aus Ludwigsfelde schmettert Gitarrensoli von der Bühne. Kühnert macht im Backstage-Bereich Gruppenfotos mit der örtlichen Wasserretter-Gruppe. Er war viel unterwegs die letzten Tage, eine Rede in Wien, Anti-AfD-Demo in Augsburg. Heute ist Kühnerts 29. Geburtstag. Warum er ihn auf dem Rockfest Mariendorf verbringt, wo ihm die Musik nicht gefällt? Das sei halt ein Stelldichein der Bezirkspolitik. Da will Kühnert nicht fehlen.

Zum Geburtstag gratuliert ihm keiner hier, auch nicht Stadtrat Schworck. Irgendwann sitzt Kühnert mit einem Mann mit Vokuhila an einer Biergarnitur. Kühnert sagt: „Na?“ Der Mann nickt. Jemand macht Witze über die Verzehrbons. Nicht zum Verzehr geeignet, steht drauf. Hahahahaha. Da ist es wieder, Kühnerts Nachbarsjungen-Lächeln. Kurz bevor Kühnert geht, klingelt das Handy. „Ach wie süß“, sagt Kühnert in den Hörer. Schworck gratuliert ihm nun doch. Er hatte es vorhin verschwitzt.

Kühnert steht an einer Weggabelung des Lebens

Es gibt noch eine andere Erklärung dafür, warum Kühnert kein Stadtteilfest und keinen Seniorenausschuss auslässt. Er ist zwar gerade erst 29 Jahre alt geworden, steht aber an einer entscheidenden Weggabelung. Er hat alles auf die Politik gesetzt. Das Fernstudium in Politikwissenschaften lässt er seit Monaten schleifen. Und als Vorsitzender der Jungsozialisten wird man nicht alt.

Mit seinem Kampf gegen die GroKo stieg Kühnert zu einem der bekanntesten Politiker des Landes auf. „Babyface“-Kühnert habe es fast geschafft, Europas stärkste Anführerin Merkel vom Sockel zu stoßen, begründet die „Time“ Kühnerts Titel als „Next Generation Leader“. Will er weiter aufsteigen, muss er im Gespräch bleiben. Im Bund. Aber auch in Mariendorf.

Offiziell hält sich Kühnert alle Optionen offen, aber während einer Twingo-Fahrt mitten in der Asylkrise, als ein Koalitionsbruch möglich schien, spricht Kühnert von einer möglichen Bundestagskandidatur. Aus Kühnerts Kreisvorstand hört man gar von konkreten Vorbereitungen. Das Angebot der Parteispitze, für die SPD bei der Europawahl anzutreten, hat Kühnert ausgeschlagen.

Es sind drei Jahre bis zur Bundestagswahl. Höchstens. Auf der Berliner Landesliste hätte Kühnert wohl einen der vorderen Plätze sicher. Aber dafür – so läuft das in der SPD – sollte er sich als Direktkandidat aufstellen lassen. In Tempelhof-Schöneberg ist dieser Platz vakant. Aber, so sagen es Menschen mit engen Verbindungen in der Bezirks-SPD, es könnte namhafte Gegenspieler geben. Arbeitssenatorin Dilek Kolat wird genannt – sie zieht wichtige Fäden im Bezirk. Und: Womöglich könnte der Regierende Bürgermeister Michael Müller im Bundestagsmandat einen Ausweg aus seinem Unglück an der Spitze des Senats suchen. Gegen ihn hätte Kühnert im eher konservativen Kreisverband kaum Chancen. Kühnert will solche Spekulationen nicht kommentieren. Eines habe er in den letzten zehn Monaten gelernt: wie unvorhersehbar Politik sein kann.

Den Schulausschuss in der Grundschule muss Kühnert frühzeitig verlassen. Rein in den Twingo, raus aus der Kommunalpolitik, zurück auf die Bundesebene. Er fährt konsequent neun Stundenkilometer über dem Tempolimit, und doch beginnt die Podiumsdiskussion in der Kulturkantine in Prenzlauer Berg schon, als er noch am Alexanderplatz auf Grün wartet.

Vor der Veranstaltung fängt ihn der Juso-Pressesprecher ab. Kurzes Briefing. Die „Welt“ ist da, „Spiegel“, „Süddeutsche“. Der Saal ist voll. Kühnert nimmt neben der Grünen-Vorsitzenden Anna­lena Baerbock und dem außenpolitischen Sprecher der Linken Stefan Liebich auf dem Podium Platz. Es geht um die Zukunft von Rot-Rot-Grün im Bund. Ein Argument gegen ein Bündnis mit der Linken, so sagt es Kühnert nach einem Schluck Wasser, sei immer die Nicht-Regierungsfähigkeit der Linken gewesen. Mit Blick auf die CSU sei das Argument nun wohl vom Tisch. Kühnert hat die Lacher auf seiner Seite. Und den Applaus.

Kühnert sagt, es gehe ihm darum, Mehrheiten für progressive, linke Politik zu schaffen – ob auf Bezirks- oder Bundesebene. In der Hochzeit der No-GroKo-Kampagne feierten ihn viele als Heilsbringer der SPD, schwollen die Mitgliederzahlen an. Ein paar Monate vorher war das schon mal jemandem kurzzeitig gelungen. Er hieß Martin Schulz.

Jetzt nach der Sommerpause steht die GroKo schon wieder auf dem Prüfstand. Verfassungsschutzpräsident Georg Maaßen steht wegen seiner Nähe zur AfD und der Relativierung rechts­extremer Hetze in Chemnitz massiv in der Kritik. Innenminister Seehofer hat sich hinter ihn gestellt. Der SPD-Vorstand fordert zaghaft Maaßens Rücktritt. Kühnert sagt: Entweder Maaßen verlässt den Geheimdienst oder die SPD verlässt die Regierung. Die Parteispitzen trafen sich Ende dieser Woche. Ergebnis: keines. Der Streit wurde auf Dienstag vertagt.

Auch im Bezirk ist die Sommerpause vorbei. Kühnert eilt mit Laptop- und Stoffbeutel ins Rathaus Schöneberg. Gerade noch hat Kühnert den Fraktionsvorsitzenden der österreichischen SPÖ,
Andreas Schieder, getroffen – ein sozialdemokratisches Schwergewicht.

Gleich beginnt die erste BVV-Sitzung nach der Sommerpause. Kühnert hat einen Antrag vorbereitet. Seine Forderung? Sechs öffentliche Luftpumpen für seinen Bezirk.