Neuerscheinung

Nur einmal um die Ecke: Tipps gegen die Anonymität in Berlin

In einem Buch geben die Gründer der Online-Plattform nebenan.de Tipps, wie man in Berlin nette Leute kennenlernt.

Gemeisnschaftsgärten wie "Himmelbeet" eignen sich besonders gut zur Nachbarschaftspflege

Gemeisnschaftsgärten wie "Himmelbeet" eignen sich besonders gut zur Nachbarschaftspflege

Foto: Stiftung Naturschutz Berlin

Berlin. Ein Jahr lang hatte Stephanie Quitterer morgens Kuchen gebacken und nachmittags damit an fremden Türen geklingelt. Mehr als 1000 unangekündigte Besuche machte die junge Mutter aus Prenzlauer Berg, sah 200 Wohnungen von innen. Ihre Erfahrungen beschrieb sie in ihrem Blog „Hausbesuche“.

Was Quitterer trotz Mann und Kind zum Klinkenputzen veranlasste, findet sich, versteckt in Zahlen, jährlich in der amtlichen Statistik: Berlin ist ein Nährboden für Anonymität. Fast die Hälfte aller Haushalte sind Ein-Personen-Haushalte, jeder zweite Berliner ist zugezogen, hat hier oft keine gewachsenen Beziehungen. Nicht alle sehen das als Nachteil. Schließlich wollte mancher Neuberliner ja der Sozialkontrolle in Kleinstadt oder Dorf entfliehen.

Und trotzdem gibt es den Wunsch nach Miteinander. Das zeigt auch der Boom von Onlinebörsen für nachbarschaftlichen Austausch wie nebenan.de. Die besten Ansätze zur Nachbarschaftspflege haben die Mitgründerin des Portals Ina Brunk und der Geschäftsführer der nebenan.de-Stiftung Michael Vollmann in einem Buch mit dem Titel „Ziemlich beste Nachbarn. Der Ratgeber für ein neues Miteinander“ zusammengestellt.

Und natürlich geht es dabei auch um das Onlineportal. Über nebenan.de wird ausrangierter Hausrat verschenkt, werden Aktivitäten verabredet oder Hilfsdienste gesucht und angeboten. Vor fast drei Jahren startete die Onlineplattform in der Hauptstadt. Über eine Million Menschen aus 7000 deutschen Nachbarschaften sind laut den Betreibern heute darauf aktiv. In Berlin zählt nebenan.de 122.000 Nutzer.

Aber nicht alle Ideen im Buch sind durch nebenan.de entstanden. Etliche der Initiativen aus ganz Deutschland, bei denen Berlin mit mindestens zwei Dutzend Erwähnungen einen Spitzenplatz belegt, existieren länger als das Netzwerk. „Nebenan.de ist nur eine Möglichkeit, die Nachbarschaft zu beleben“, sagt Ina Remmers, wie die Buchautorin Ina Brunk seit ihrer Hochzeit heißt. „Wir wollten auch denen Inspiration bieten, die nicht über digitale Medien Kontakte knüpfen.“ Und das verlangt auch nicht zwingend so viel Chuzpe wie bei Quitterers Hausbesuchen.

Drei Menügänge, drei Küchen, drei Teams

Vom ersten Kennenlernen über spätere Aktionen bis hin zu festen Anlaufstellen im Kiez wie etwa der Kultschule in Lichtenberg reicht das Spektrum des 176-Seiten-Ratgebers. Die Autoren haben sich bemüht, jedem etwas zu bieten. Weniger überrumpelnd als die Hausbesuche ist zum Beispiel das Prinzip des wandernden Cafés „Auf halber Treppe“: Die Organisatoren kamen eine Zeit lang auf Anfrage unentgeltlich mit Mobiliar, Kaffee, Kuchen und Musik in die Treppenhäuser der Hauptstadt. Auf ihren Bezirk begrenzt haben dagegen zwei Neuköllnerinnen die Initiative „An Nachbars Tisch“: Drei Teams kochen je einen Gang eines Menüs, die gerade nicht aktiven Teams kommen zum Verzehr des Ganges zu den Köchen nach Hause. So geht es durch drei verschiedene Küchen, und am Ende ist man nicht nur satt, sondern hat vielleicht auch neue Freunde gefunden. Bleibende Kontakte entstehen durch das gemeinsame Kochen und Essen auch mit fremdländischen Nachbarn wie Flüchtlingen. Erfolgreich ist damit das Berliner Projekt „Über den Tellerrand kochen“.

Viele Seiten sind dem Thema Gemeinschaftsgärten gewidmet. Prominentes Beispiel in Berlin, wenn auch aktuell durch Verdrängung bedroht: das Projekt „Himmelbeet“. Auch Sport oder Tiere können zum Nukleus neuer Gemeinschaften werden. Weil Aktionen von ihren Machern leben und deren Lebensumstände sich wandeln, schlafen manche Initiativen aber auch wieder ein. Ein Beispiel ist das wandernde Café „Auf halber Treppe“. Auch das „Singende Wohnzimmer“ der Initiative „Polly & Bob“ aus Friedrichshain, bei dem Privatleute ihre Wohnung zur Musikbühne machten, wurde irgendwann wieder eingestellt. Trotz des Dornröschenschlafs befanden die Autoren diese Ideen einer Erwähnung wert und fügen hinzu: „Wachküssen erlaubt!“

Kleidertausch und Backen mit Unbekannten

Nicht alle Tipps sind echte Innovationen. Für Einladungen zum Plätzchenbacken vor Weihnachten, Kleidertauschpartys, Stammtische oder Spieleabende braucht eigentlich niemand eine Anleitung – allerdings gibt der Ansatz, dies mit Unbekannten aus der Nachbarschaft zu starten, dem Ganzen eine spezielle Note. Und immer zeigt das Buch Wege auf, wie die Organisation sich, auch mithilfe des Internets, vereinfachen lässt. So finden sich bei meet­up.com zahlreiche Interessengemeinschaften auch in Berlin, sei es für Mädelstreffs, Kartenspielrunden oder fremdsprachige Konversationsklubs.

Alle Kommentare und Hinweise im Buch sind mit Links versehen. Hilfreich sind auch praktische Tipps für die Durchführung kleinerer wie größerer Aktionen. So gibt es To-do-Listen für die Organisation eines Straßenfestes oder eines Hofflohmarktes.

Ina Brunk/Michael Vollmann: Ziemlich beste Nachbarn. Der Ratgeber für ein neues Miteinander, 176 Seiten, oekom verlag München, 17 Euro