Ikone der Moderne

Neue Nationalgalerie in Berlin soll 2020 wieder öffnen

Die Arbeiten zur Sanierung der Neuen Nationalgalerie laufen nach Plan. Nun beginnt auf der Baustelle der Endspurt.

Berlin. Die Ikone der Moderne macht einen arg gerupften Eindruck. Bauzäune verwehren den Zutritt zur Neuen Nationalgalerie, die Fassade ist hinter Planen verborgen, die umgebenden Terrassen sind lediglich eine weite, öde Fläche gegossenen Betons. Doch all das ist notwendig, damit das architektonische Meisterwerk von Ludwig Mies van der Rohe, das am kommenden Sonnabend 50 Jahre alt wird, überhaupt noch weitere 50 Jahre Bestand hat.

„Das ist leider nicht übertrieben“, betont Arne Maibohm, verantwortlicher Bauleiter des Bundesamtes für Bauordnung und Raumwesen (BBR), das die Neue Nationalgalerie im Auftrag der Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK) saniert. Auf einer Baustellenführung am Dienstag wird schnell deutlich, was er damit meint. Bereits seit 2016 laufen die Sanierungsarbeiten. Und auch zwei Jahre später dominieren auf der Baustelle noch Stahlträger und nackte Betonflächen, die imposante acht Meter hohe und 2500 Quadratmeter große Ausstellungshalle unter dem freitragenden Stahldach ist mit einem Gerüstwald zugestellt. Die riesigen Glasscheiben, die der Neuen Nationalgalerie ihre beeindruckende Transparenz und Leichtigkeit verliehen, sind gar nicht mehr vorhanden. Sie waren, falls überhaupt noch im Original erhalten, so verschlissen, dass sämtliche Scheiben neu gefertigt werden mussten. „So große Scheiben fertigt weltweit nur ein einziger Betrieb, und der befindet sich in China“, sagt Maibohm. Doch rechtzeitig vor dem Wintereinbruch sollen die 56 großen Scheiben, jeweils 3,40 Meter breit und 5,40 Meter hoch, in Berlin eintreffen. Eine erste Charge befinde sich bereits auf einem Containerschiff in der Straße von Gibraltar, so der Bauleiter weiter.

Enkel von Mies van der Rohe reist aus Chicago an

Von der berühmten Mies’schen Atmosphäre aus wunderbar luftigen Räumen, edlen Oberflächen aus Holz und Naturstein ist jedenfalls kaum noch etwas zu entdecken. Und doch gibt es Grund zum Feiern: Beim 110 Millionen Euro teuren Sanierungsvorhaben werden in diesen Tagen sämtliche Rückbauarbeiten abgeschlossen. Von nun an steht der Wiederaufbau im Fokus, am Freitag wird mit einem großen Baustellenfest das frohe Ereignis gefeiert. Dazu wird auch Dirk Lohan aus Chicago anreisen, der Enkel von Mies van der Rohe, der als direkter Erbe die Rechte der Familie am Bau vertritt. Einen Tag später öffnet die Baustelle dann anlässlich des 50. Jubiläums für Besucher: Am 15. September 1968 wurde die Neue Nationalgalerie eröffnet. Die von Stararchitekt David Chipperfield geplante Sanierung der Neuen Nationalgalerie in Berlin soll 2019 abgeschlossen sein, 2020 könnte das Haus wieder öffnen. „Wir liegen vom Plan her auf dem roten Faden“, versichert Arne Maibohm. Nach dem Abschluss der Sanierungsarbeiten am Rohbau gehe man nun in den Endspurt mit dem schrittweisen Wiedereinbau von insgesamt 35.000 eingelagerten Originalteilen. Diese befinden sich in verschiedenen Depots und Werkstätten, in denen sie in den vergangenen Monaten aufgearbeitet wurden.

„Es ist unser Schicksal, dass man von unserer Arbeit am Ende nicht viel sehen wird“, scherzt Michael Freytag vom Architekturbüro Chipperfield. Schließlich sei es in allen Belangen darum gegangen, dass künftige Besucher die Neue Nationalgalerie möglichst so wieder vorfinden, wie sie sie kannten. „Wir wollen uns hier ja nicht selbst feiern, sondern vor allem das Gebäude in einen Zustand versetzen, dass es technisch und organisatorisch auf einen zeitgemäßen Zustand kommt“, sagt er. Sehen wird der Besucher davon später nicht viel.

Das Gebäude kann gewissermaßen atmen

Denn die neuen Dehnpfosten, drei auf jeder Seite, sehen aus wie die anderen Pfosten auch. Doch sie sind so gearbeitet, dass sich das Gebäude auf jeder Seite im Sommer wetterbedingt um bis zu sieben Zentimeter ausdehnen und im Winter entsprechend wieder zusammenziehen kann. Auch die „P6b-Verglasung“, die besonders einbruchsicher sein soll, wird sich optisch nicht von den alten Glasscheiben unterscheiden. „Aus Gründen des Denkmalschutzes bleibt es bei einer einfachen Verglasung, auch wenn eine Isolierverglasung sicher klimafreundlicher gewesen wäre“, erläutert Maibohm.

Und so ist denn auch das „Herzstück des Gebäudes“, die Technikzen­trale im Untergeschoss, die noch einer riesigen leeren Parkgarage gleicht, später aber die wichtigen Lüftungsanlagen beherbergen soll, dem Blick der späteren Ausstellungsbesucher verborgen. Genauso wie die neu geschaffene unterirdische Depotfläche, die 600 Quadratmeter misst, sich direkt unter dem Haupteingang befindet und bis zu 1500 Skulpturen und Gemälde aufnehmen soll.

Merken wird der Besucher aber, dass die Nutzerflächen im Untergeschoss zugelegt haben. So gibt es künftig einen vergrößerten Garderobenbereich und auch einen Museumsshop. Dies alles entsteht auf drei Flächen, die vorher als Depots genutzt wurden.

Was auf der Baustelle noch nicht eingerichtet wird, ist indes ein unterirdischer Zugang, der die Neue Nationalgalerie in einigen Jahren mit dem geplanten Museum der Moderne verbinden soll. „Dafür gibt es noch keine detaillierte Planung“, sagt Joachim Jäger, Leiter der Neuen Nationalgalerie. Einige Hindernisse müssten noch beseitigt werden. So müsse man die Sigismundstraße unterqueren, zudem liege ein Starkstromkabel im Wege. „Doch wir verhandeln bereits intensiv mit dem Stromversorger 50Hertz“, sagt Jäger.

An diesem Wochenende (15./16. September) soll erstmals auch die Öffentlichkeit die Baustelle besichtigen können. Daneben finden eine Filmvorführung und eine öffentliche Plakatausstellung am Bauzaun statt. Führungen gibt es am Sonnabend zwischen 14 und 18 Uhr und am Sonntag zwischen 10 und 18 Uhr, jeweils alle 15 Minuten. Treffpunkt: Zugangstor Potsdamer Straße. Eine vorherige Anmeldung ist erforderlich unter: www.smb.museum/veranstaltungen/de.

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