Portale und Apps

Wie digitale Helfer das Leben von Eltern erleichtern

Ein neues Netzwerk von elf digitalen Elternhelfern unterstützt Mütter und Väter mit Angeboten vor, während und nach der Schwangerschaft.

Im „Wunderhaus“ wurde das neue digitale Netzwerk vorgestellt

Im „Wunderhaus“ wurde das neue digitale Netzwerk vorgestellt

Foto: David Heerde

Berlin. Vor der Tür des „Wunderhauses“ am Wasserturmplatz in Prenzlauer Berg parkt ein kleines Vermögen. Mehr als ein Dutzend Kinderwägen stehen vor dem großen Veranstaltungsraum. „Davon kostet jeder mindestens 1000 Euro“, weiß Gabriele Patzschke. Sie betreibt das Wissensportal Motherbook, in dem Themen und Artikel für Mütter aufbereitet werden. Dann stellt die 61-jährige Mutter von vier Kindern mit ihrer Partnerin Anna Figoluschka das Netzwerk „Digitale Elternhelfer“ vor. Insgesamt zehn verschiedene Portale und Apps, von der Schwangerschaftsgymnastik-App über eine Website mit Familienfreizeittipps, Kitavergabe bis zum Kindergeburtstagsportal können werdende und gewordene Eltern in Anspruch nehmen.

„Gerade bei Schwangeren und Eltern stoßen digitale Helfer auf sehr großes Interesse. Insbesondere wenn keine Großeltern in Berlin leben, ist die Organisation des Elternalltags oft Stress pur“, berichtet Anna Figoluschka. Die 42-jährige Mutter eines Elfjährigen hat vor einem Jahr die App Kidpick ins Leben gerufen. Mit deren Hilfe können Eltern ein Netzwerk von Abholern organisieren, „wenn es mal eng wird, man im Stau steht oder der Arzttermin länger wird. Kidpick ersetzt das Hin und Her bei Messenger-Apps und ist Doodle, Messenger und Kalender in einem“, sagt Anna Figoluschka.

Verschiedene digitale Helfer unter einem Dach vereint

Mittlerweile gebe es viele verschiedene digitale Helfer, „die wollten wir unter einer Marke versammeln, um so größere Aufmerksamkeit zu erhalten.“ Wie groß die Nachfrage ist, zeigt der Raum voller Frauen. Die meisten sind mit dem Nachwuchs gekommen um sich zu informieren, einige Besucherinnen sind hochschwanger. Männer bilden eine verschwindende Minderheit, „auch im Digitalzeitalter geht es vor und nach der Schwangerschaft eben in erster Linie um die Mütter“, sagt Sabine Kroh von der App „Call a Midwife“, auf Deutsch: Ruf eine Hebamme. Diesen Beruf übt die 49-Jährige seit 30 Jahren aus, rund 2000 Frauen hat sie bei der Geburt geholfen.

Seit zwei Jahren ist die App auf dem Markt. Schwangere können sich per Video, Chat, SMS und Telefon beraten und helfen lassen. „Der Bedarf ist riesig, da ja das Angebot an Hebammen leider immer geringer wird“, berichtet Sabine Kroh. „Derzeit sind wir ein Team von 25 Hebammen. Die Informationen, Videos, Artikel und Chats stehen in mehr als einem Dutzend Sprachen zur Verfügung, darunter auch Arabisch und Spanisch.“ 49 Euro kostet die Nutzung der App pro Monat, 139 Euro für ein Vierteljahr. „Bislang rechnet es sich kaum. Aber wie gesagt, der Bedarf ist riesig.“

Ganz kostenlos funktioniert die Netzwerk-App „Momunity“. „Nach der Geburt meines ersten Kindes fühlte ich mich oft sozial isoliert und suchte nach einer Möglichkeit, mich mit anderen Müttern in der Umgebung auszutauschen. Natürlich hatte ich Freunde mit Kindern, aber man fährt mit einem Baby nun mal nicht quer durch die Stadt, um auf den Spielplatz zu gehen“, sagt Lena-Charlotte Schiweck. Mit ihrer App können Mütter andere Mütter in der Nähe des Wohnorts kennenlernen, sich austauschen, treffen, um Rat bitten.

Sarah Müggenburg, Yoga-Lehrerin mit Schwerpunkt auf „Pre- & Postnatal“ und zweifache Mutter, ist Mitgründerin von „Keleya“, einer Lifestyle-App für die Schwangerschaft. Mittels persönlich angepasster Work-outs und Ernährungsplänen können Schwangere gezielte Beschwerden wie Rückenschmerzen, Übelkeit oder Eisenmangel angehen. „Das Besondere an unserer Algorithmus-basierten App ist, dass sie sozusagen mitwächst und sich den Veränderungen der Schwangerschaft mit Hilfe des Nutzerfeedbacks anpasst“, so die 46-Jährige. Bisher sei Keleya in 156 Ländern verfügbar. „Die Resonanz ist so positiv, dass wir derzeit an einem Postnatalprogramm arbeiten.“

"Bundesweit mittlerweile mehr als 3000 Familienblogger"

Rebecca Spielberg schreibt einen Blog über ihr Sein als Mutter, sie ist mit dem eineinhalbjährigen Leonhardt gekommen. „Die Vernetzung geht voran, es gibt bundesweit mittlerweile mehr als 3000 Familienblogger“, beschreibt die 30-Jährige das Phänomen der digitalen Elternschaft. Gina Trautwein und Maria Freiherr haben sich von Potsdam auf den Weg gemacht, beide hochschwanger. „Interessant fanden wir die Angebote von Keyala zu Ernährung und Fitness, und die Geburtstagshelferinnen von ‚Call a Midwife‘“, so Gina Trautwein. Ihre Mütter und Großmütter befragen die beiden „selbstverständlich auch zur Schwangerschaft. Aber oft ist es so, dass die nur wissen, was zu ihrer Zeit an Kenntnissen da war. Da hat sich einfach mittlerweile sehr viel geändert. Früher hieß es oft: Das Kind soll nur auf dem Rücken liegen. Oder: Wenn man mit Brei zu füttern anfängt, dann nur eine Sorte.“ Dass zu viel Wissen nicht immer hilfreich ist, hat Hebamme Sabine Kroh von „Call a Midwife“ allerdings auch festgestellt. „Ältere werdende Mütter haben so viel gelesen und gehört, da fehlt oft der Moment des Loslassens. Die wollen dann genau wissen, in welcher Phase der Geburt sie jetzt sind.“

Sehr gefragt waren bei der Vorstellung des Netzwerks auch die Notfallmamas, die im Fall eines Kitastreiks oder im Krankheitsfall einspringen. Ein Angebot, dass mittlerweile auch von Unternehmen genutzt werde.

Einziger Mann bei den „Digitalen Elternhelfern“ ist Christopher Lansloot. Der ehemalige Ebay-Mitarbeiter hat die Onlineplattform Kindaling gegründet. Auf dem Portal kann vom Babykurs über Kindersport und Musikworkshops bis zum Feriencamp unter rund 1500 Freizeitangeboten in Berlin und Brandenburg gewählt und teilweise direkt gebucht werden. Kindaling finanziert sich durch die zahlreichen Anbieter, die ihre Angebote mittlerweile dort einstellen.

Nicht in der Vorstellungsrunde war eine Vertreterin von Little Bird. Gerade diese Onlineplattform zählt zu den meistbesuchten. Denn dort können sich Eltern über Kita-Platz-Suche, -Anmeldung und -Vergabe informieren. „Die sind so gefragt, da hatte keine Frau Zeit hier vorbeizukommen“, meinte Anna Figoluschka. „Gerade Zeit ist in unserer mehr und mehr verdichteten Arbeitswelt ein hohes Gut. Die spart man mit vielen der Angebote der ‚Digitalen Elternhelfer‘“, ist sie sicher.

Mehr Infos: www.digitaleelternhelfer.de

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