Messe Berlin

Start-up aus Berlin zeigt auf der IFA digitalen Beifahrer

Nutzer bedienen „Chris“ mit Sprache und durch Gesten. Auf der Messe präsentiert German Autolabs das Gerät erstmals der Öffentlichkeit.

Holger Weiss,  Gründer des „Chris“-Erfinders German Autolabs, mit dem digitalen Beifahrer in seinem Auto

Holger Weiss, Gründer des „Chris“-Erfinders German Autolabs, mit dem digitalen Beifahrer in seinem Auto

Foto: Sergej Glanze / Glanze/Berliner Morgenpost

Berlin. Erst sah die Erfindung des Berliner Start-ups German Autolabs aus wie ein Gerät aus einem James-Bond-Film und dann wie ein Würfelbecher. Jetzt ist die Technik rund und etwa bierdeckelgroß. „Chris“ hat die Firma das Produkt genannt. Auf der IFA präsentiert German Autolabs das Gerät erstmals der Öffentlichkeit.

Ein paar Tage vor dem Start der Messe sitzt Holger Weiss in seinem Auto. Der Gründer von German Autolabs klebt das Gerät mit einem Saugnapf an die Windschutzscheibe seines Fahrzeugs. Über Bluetooth stellt Weiss dann eine Verbindung zu seinem Smartphone her. „Chris ist der erste digitale Beifahrer“, sagt Weiss. Während der Firmenchef fährt, schickt er Nachrichten, ruft einen Kollegen an und lässt seine Lieblings-Musik abspielen. Sein Smartphone berührt er dabei nicht. Weiss steuert „Chris“ mit Sprachbefehlen und durch Gesten. Das gelingt spielend. Weil das Gerät Auswahlmöglichkeiten laut mitteilt, bleiben Weiss’ Augen konstant auf der Straße. So könnte die Erfindung aus Berlin sogar Leben retten.

Denn die Nutzung von Smartphones am Steuer führt im Straßenverkehr regelmäßig zu Unfällen. Junge Fahrer sind sich der Gefahr bewusst, greifen aber dennoch während der Fahrt zum Smartphone, ergab kürzlich eine Umfrage des Marktforschungsinstituts YouGov unter 400 Autofahrern im Alter zwischen 18 und 22 Jahren. Demnach schätzen zwar drei von vier Befragten das Nutzen von Smartphones im Straßenverkehr als gefährlich ein. Dennoch greifen 37 Prozent der Umfrage-Teilnehmer doch ab und zu auch während der Fahrt zum Smartphone. „Das Handy wird nicht an der Autotür abgeben. Es geht jetzt darum, eine einfache und bezahlbare Lösung zu schaffen, damit wirklich jeder auch am Steuer online sein kann“, erklärt Weiss.

Mehr als zwei Jahre Entwicklungsarbeit

German Autolabs könnte das mit „Chris“ gelungen sein. Dem Gerät gehen mehr als zwei Jahre Entwicklungsarbeit voraus. Weiss, früher unter anderem beim Navigations-Dienst Here beschäftigt, gründete German Autolabs im Mai 2016. Über eine Crowdfunding-Kampagne auf der Internetplattform „Kickstarter“ sammelte das Start-up von fast 1500 Unterstützern nahezu 280.000 Euro ein. Damals merkte die Firma erstmals, dass Menschen bereit dazu sind, für die Idee Geld zu bezahlen. Der IFA-Auftritt ist jetzt auch der Startschuss zur Markteinführung. Für 299 Euro bietet German Autolabs das Gerät zunächst im Internet an. Bald soll die Technik aber auch über Plattformen wie Amazon verfügbar sein.

Etwa 2500 digitale Beifahrer hat das Unternehmen bis heute verkauft. 1500 Stück waren während des Crowdfundings bereits über den virtuellen Ladentisch gegangen, etwa 1000 hat die Firma im Vorverkauft abgesetzt. Nach der IFA soll „Chris“ ausgeliefert werden. German Autolabs lässt das Produkt bei einem Hersteller in Malaysia fertigen. „Chris“ heißt das Gerät übrigens nicht nur, weil weltweit Frauen und Männer so heißen. Der heilige Christophorus gilt auch als Schutzpatron der Autofahrer.

Zunächst im deutschsprachigen Raum

Der Name soll für German Autolabs auch weitere Märkte öffnen. Zunächst will die Firma das Gerät im deutschsprachigen Raum herausbringen, später sollen England, Südafrika, danach auch die USA folgen. Das ist naheliegend, denn derzeit kann „Chris“ nur auf Deutsch und Englisch mit den Nutzern kommunizieren. Weiter Sprachen sollen aber folgen, so Weiss.

Der Firmenchef denkt zudem über weitere Funktionen nach. Nach der IFA soll auch die Kommunikation über den Messenger WhattsApp als Funktion in das Gerät integriert werden. Bestehende Kunden sollen neue Funktion über ein Software-Update dann auch mitnutzen können. Weiss sieht zudem weitere potenzielle Geschäftsfelder: Über die Navigation könnten schon bald Restaurants und Hotels auf sich aufmerksam machen.

Auch bei der Parkplatzsuche könnte „Chris“ dann behilflich sein. Weiss will aber auch mit Versicherungskonzernen über seine Erfindung sprechen. Die Technik könnte etwa Daten zum Fahrverhalten des Kunden erfassen. Versicherungen könnten den Nutzern dann entsprechend der Fahrweise Tarife anbieten. Das sei unter Umständen auch für die Kunden gut, die dann günstigere Policen angeboten bekommen könnten, so der Gründer.

Möglicherweise hilft auch die IFA bei der weiteren Entwicklung. In Halle 26, wo auch die Berliner ausstellen, findet die Zukunftsmesse IFA Next statt und auch die Shift, eine Veranstaltung, die sich mit der Zukunft des Autofahrens beschäftigt. Weiss denkt darüber nach, auch Kontakte zur Automobilindustrie zu knüpfen. „Wir loten bereits Kooperationen mit Fahrzeug-Bauern und Auto-Zulieferern aus“, sagt er. Bislang kann „Chris“ einfach nachgerüstet werden. Gelingt es Weiss etwa Auto-Konzerne von seiner Idee zu überzeugen, könnte die Technik bald auch fest integriert in neue Fahrzeuge ausgeliefert werden.

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