Berlin

Grundschüler vergewaltigt: Wie konnte das passieren?

Drei Experten geben ihre Meinung ab über den Missbrauch eines Zehnjährigen auf einer Klassenfahrt.

Kröchlendorff, hier das gleichnamige Schloss, war Ziel der Klassenfahrt

Kröchlendorff, hier das gleichnamige Schloss, war Ziel der Klassenfahrt

Foto: dpa Picture-Alliance / Klaus Franke / picture-alliance / ZB

Berlin. Ein zehnjähriger Grundschüler, der – mithilfe seiner beiden elfjährigen Freunde – einen gleichaltrigen Mitschüler auf der Klassenfahrt einer Berliner Schule vergewaltigt: der Fall, der kurz vor den Sommerferien in Brandenburg geschah, erschüttert Berlin, ängstigt viele Eltern. Auch weil die Täter so jung waren. „Es gibt keinen Zweifel am Alter“, sagte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft. Wie bewertet eine erfahrene Pädagogin den Fall? Was sagt ein Sexualpädagoge, der viel im Kinder- und Jugendbereich arbeitet? Und welche Schlüsse zieht die Senatsbildungsverwaltung aus dem Vorkommnis, bei dem drei Flüchtlingskinder involviert sind?

Handelt es sich bei diesem Vorfall um einen Einzelfall?

Astrid-Sabine Busse, Vorsitzende des Interessenverbandes Berliner Schulleiter (IBS), ist selbst Schulleiterin in Neukölln an der Grundschule Köllnische Heide. Sie ist sehr erfahren, den Beruf übt sie schon seit fast 30 Jahren aus – Klassenreisen sind immer ein Höhepunkt des Jahres. „Mein gesamtes Berufsleben als Lehrerin und Schulleiterin fahre ich gerne mit auf Klassenfahrten.“ Von einem so schrecklichen Fall, wie er jetzt an einer Grundschule im Osten der Stadt vorkam, habe sie in ihrer langen Zeit als Schulleiterin noch nie gehört. „Nicht mal im Entferntesten.“ Gerade das Alter der Täter erschüttere sie. „Ich kenne viele Viertklässler, ich kenne ihr Verhalten. Für Grundschüler halte ich so ein Verhalten eigentlich für ausgeschlossen.“

Grundsätzlich gebe es aber die Möglichkeit, einen Schüler zum Schutz der Gruppe von einer Klassenfahrt auszuschließen, wenn im Vorfeld zu viel passiert sei. „Das ist aber die absolute Ausnahme“, betont Busse. „Vorher versucht man immer etwas anderes.“ Die Zahl der Fälle, bei denen ein solcher Ausschluss an ihrer Schule vorgekommen sei, könne sie an einer Hand abzählen.

An ihrer Grundschule gibt es zwar keine Willkommensklassen, aber vereinzelt Flüchtlingskinder. Denen merke man ihre Belastung durch die Flucht häufig an. „Die kleinen Schüler sind sehr verängstigt, schreckhaft, es wird viel geweint.“ Man versuche, solche Kinder so langsam wie möglich an eine Klasse zu gewöhnen, indem man sie anfangs oft rausnimmt. „Die müssen langsam in den schulischen Alltag eingegliedert werden.“ Für viele Lehrer sei der Umgang mit solchen Kindern eine Herausforderung, schließlich käme eine Vorbereitung auf diese Fälle traumatisierter Schüler in der Ausbildung nicht vor. „Es geht nur, wenn das ganze Reservoir einer Schule zusammenarbeitet: Lehrer, Erzieher, Schulsozialarbeiter.“

Wer bietet Beratung und Therapie beim Thema sexueller Missbrauch an?

Udo Wölkerling leitet „Kind im Zen­trum“. Rund 1600 Anfragen erreichen die Beratungsstelle im Jahr, ein kleinerer Teil davon betrifft auch Übergriffe von Kindern untereinander. „Es gibt natürlich sexuelle Übergriffe unter Kindern, das ist bekannt“, sagt er. Die Fälle zögen sich durch alle Altersschichten.

Bei solchen sexuellen Übergriffen stehe nahezu immer ein Machtmissbrauch im Zentrum. „Die Sexualität ist dann eigentlich nur ein Mittel.“ Es gehe darum, Hierarchien in einer Clique herzustellen, sich Respekt zu verschaffen, oder andere Kinder mit einem gemeinsamen Geheimnis an sich zu binden. Entscheidend sei auch der Moment der Demütigung des Opfers.

Die allererste Aufmerksamkeit gebühre nun dem betroffenen Kind, sagt Wölkerling – also dem Kind, das den Missbrauch erleiden musste. Wie geht es ihm? Welche Unterstützung und Hilfen braucht es? Dass es nach dem Übergriff geschwiegen habe, sei nicht ungewöhnlich. Häufig würden sich diese Kinder aus Scham keine Hilfe holen. „Vielleicht hat es gedacht: Wenn ich etwas sage, werde ich von dem anderen Kind bestraft.“

In diesem konkreten Fall sei es auch wichtig, sich die Dynamik in der Klasse anzuschauen. Auch die Schule müsse sich nun Frage stellen: „Hätte das Kind eine Vertrauensperson gehabt?“ Die Frage sei: Sind allen Schülern die sexuellen Grenzen präsent und ihre Möglichkeit, Hilfe zu holen?

Wie werden traumatisierte Flüchtlingskinder betreut?

Beate Stoffers, Sprecherin der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie: „Es gibt seit über einem Jahr in jedem Schulpsychologischen Unterstützungszentrum (SIBUZ) Psychologen, die für die Arbeit mit geflüchteten Schülern zuständig sind.“ Die würden Lehrer im Umgang beraten und Fortbildungen zum Thema „Trauma“ anbieten. Außerdem gebe es bei verhaltensauffälligen Kindern immer die Möglichkeit, die Jugendhilfe unterstützend heranzuziehen. „Insbesondere das Kinderschutz-Zen­trum Berlin e. V. steht hier für Beratungen von Lehrkräften in besonders schwierigen Fällen zur Verfügung.“

Man sehe keine Notwendigkeit, eine Empfehlung zum Umgang mit schwierigen Schülern bei Klassenfahren herauszugeben. Schon jetzt hätten die Schulleiter die Möglichkeit, stark verhaltensauffällige Kinder von solchen Unternehmungen auszuschließen.

Mehr zum Thema:

Missbrauch von Berliner Grundschüler löst Bestürzung aus