Standorte für Tech-Firmen

An diesen zehn Orten spielt Berlins Zukunft

Berlin hat zehn Orte definiert, wo sich Technologie-Firmen ansiedeln sollen. Dort könnten 100.000 Jobs entstehen. Unsere Übersicht.

Auf der Kantstraße, die Zukunft im Blick: Julia Neuhaus, Chefin der Zukunftsorte, und Gregor Keck, Regionalmanager im Südosten

Auf der Kantstraße, die Zukunft im Blick: Julia Neuhaus, Chefin der Zukunftsorte, und Gregor Keck, Regionalmanager im Südosten

Foto: David Heerde

Berlin. Zukunft entsteht ja andauernd in Berlin. Vielerorts wird gebaut, gegründet und an neuen Geschäftsideen gewerkelt. Visionen für die Welt von morgen entstehen in fast jedem Hinterhof, mal wird was daraus und mal nicht.

Die Wirtschaftsförderer Berlins haben jedoch ein Interesse daran, vor allem Hochtechnologiefirmen nicht irgendwo entstehen zu lassen, sondern sie in Netzwerke einzubinden mit Wissenschaftlern und anderen Unternehmen. Erfahrene Standort-Manager wissen, dass auch beim zufälligen Treffen in der Cafeteria bisweilen sehr nützliche Kontakte geknüpft werden und frische Ideen entstehen.

Diesem Leitgedanken folgend möchte die Stadt darum ihre zukunftsträchtigen Hightech-Unternehmen bevorzugt an ausgesuchten Orten wachsen und gedeihen sehen. Nach längeren Debatten, welche Gebiete denn nun dazugehören sollen, haben sich die Senatsverwaltung für Wirtschaft mit den Bezirken und den Wirtschaftsförder-Institutionen verständigt, dass Berlin zehn offizielle Zukunftsorte benennen soll.

Erste Überlegungen reichen zurück bis ins Jahr 2012, als die Technologiestiftung Berlin eine Studie erstellte unter dem Titel „Wo aus Wissen Arbeit wird“. An diesen Grundüberlegungen hat sich seitdem kaum etwas geändert. Aber man ist endlich „in der Umsetzung“, wie Politiker zu sagen pflegen.

Leuchtendes Vorbild, wie aus der Kombination von Wissenschaft und Unternehmergeist wirtschaftliche Stärke entstehen kann, ist der Technologiepark Adlershof in Treptow-Köpenick. Seit Jahren wachsen dort Umsätze und Beschäftigtenzahlen. Diese Dynamik würde Berlin gerne auf andere Regionen der Stadt übertragen.

Man soll „Berlin“ sagen, wenn man an „Adlershof“ denkt

Die zweite Motivation für das Konzept der Zukunftsorte ist ein besseres Marketing. Namen wie Adlershof, Buch oder der Euref-Campus in Schöneberg sind zwar Experten ein Begriff. Alleine entwickeln sie jedoch eine zu geringe weltweite Strahlkraft. Gebündelt sollen die zehn Zukunftsorte unter „Made in Berlin“ besser vermarktet werden und beim Blick auf die Stadt die wirtschaftlichen Potenziale nach vorne schieben.

Seit einigen Wochen sind die Zukunftsorte mehr als bunte Broschüren und politischer Wille. Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne) finanziert eine gemeinsame Geschäftsstelle. Als Leiterin ist es an Julia Neuhaus, die Potenziale zu bündeln und die Hauptstadt nicht nur als coolen Party-Platz, sondern auch als Hightech-Standort auf der Weltkarte zu verankern. Dabei soll eine Entwicklung befördert werden, die über die derzeitigen Berliner Erfolgsbranchen wie Internet und Online-Handel hinausreicht. Indem bekannter wird, was für spannende Möglichkeiten Berliner Unternehmen bieten, sollen Talente aus aller Welt stärker als bisher Berlin auch als Ort zum Arbeiten in Betracht ziehen. Man wolle nicht mehr „Adlershof“ sagen, sondern nur noch „Berlin“, umreißt Neuhaus ihre Strategie.

„Es geht darum, aus dem Berlin-Hype eine nachhaltige Erfolgsgeschichte zu machen“, beschreibt die 35 Jahre alte Ur-Berlinerin, die in den USA in Statistik ihren Master machte, ihre neue Aufgabe. An den zehn Zukunftsorten sollen Unternehmen aus neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen Produkte entwickeln und herstellen. Das unterscheidet sie von normalen Gewerbegebieten.

„Wir haben viele solcher Hartbrettbohrer“, sagt Peter Strunk, Sprecher der Wista. Diese landeseigene Gesellschaft hat seit den 90er-Jahren Adlershof im Südosten der Stadt zu einem der führenden Technologieparks Europas gemacht. Halbleiter, Laserstrahlen, Computerchips: Hier entsteht im Austausch mit Wissenschaftlern der dort arbeitenden großen Forschungsinstitute echte Hardware für die Industrie von übermorgen. Gerade hat der Jenoptik-Konzern angekündigt, sein Dioden-Labor deutlich auszubauen. Zum Konzept gehört auch eine rege Öffentlichkeitsarbeit. Strunk und seine Mitarbeiter können jede Menge Geschichten erzählen und Gesprächspartner vermitteln, die berichten, wie sie es geschafft haben, aus ihren Ideen Produkte zu machen.

Weil sie in Adlershof wissen, wie man Wissenschaftler mit Unternehmern vernetzt und Gründer großzieht, hat die Wista vom Senat den Auftrag erhalten, die Zukunftsorte-Geschäftsstelle zu organisieren. Julia Neuhaus und ihre Mitarbeiterin haben aber ihre Büros bei der Technologiestiftung in Schöneberg. Es soll nicht so aussehen, als wolle Berlin überall Adlershof nachbauen.

Dabei ist die Wista die wichtigste Institution beim Sprung der Berliner Wirtschaft in die Zukunft. Tochterunternehmen der Adlershofer managen sechs weitere Zukunftsorte oder sind daran beteiligt. Kritiker befürchten, dass die Gesellschaft ein zu starkes Eigenleben entwickeln könnte und womöglich nicht flexibel genug sei, um sich an den örtlichen Bedingungen zu orientieren.

Aber die Blaupause ist da und die chinesischen Wachstumsraten des Technologieparks im Südosten lassen Träume reifen. Derzeit arbeiten an den zehn Zukunftsorten etwa 1700 Hightech-Firmen mit 50.000 Mitarbeitern, schätzt Wista-Chef Roland Sillmann. Das Ziel ist, an allen zehn Orten die gleiche Dynamik zu entfachen wie in Adlershof. Wenn das gelingt, sollen aus den derzeit 50.000 Hightech-Jobs an den zehn Zukunftsorten in einer Dekade 100.000 werden.

Nicht jede Firma ist gut genug für einen Zukunftsort

Aber ein Selbstläufer wird das keineswegs, denn die Situation an den zehn Zukunftsorten unterscheidet sich stark.

Geschäftsstellen-Leiterin Neuhaus hat zunächst begonnen, die Profile der einzelnen Gebiete klar zu definieren. Denn es geht nicht darum, einfach irgendwelche Firmen dort anzusiedeln, sondern einen Humus zu erzeugen, aus dem aus Wissenschaft Wirtschaftskraft entstehen kann.

Dabei muss sie sich auch davor hüten, im derzeitigen Wirtschaftsboom allen Wünschen bestehender Unternehmen nachzugeben, um die angestrebte Profilbildung nicht zu gefährden. Das halten sie in Adlershof genauso. Nicht jeder bekommt einen Platz im Technologiepark. „Wir haben nicht das Pro­blem, dass wir keine Anfragen hätten“, sagt Volkswirtin Neuhaus. Aber sie müssen zu den einzelnen Orten passen. Noch sei aber nicht überall klar, was dort passieren soll und wie man die Standorte voranbringen kann.

An einigen Orten, wo schon seit Jahren ein eigenes professionelles Management auf die Qualität der Ansiedlungen achtet, klappt das ganz gut. In Adlershof kommt hinzu, dass die Betreibergesellschaft auch Zugriff auf die Flächen selbst hat und Straßen oder Gründerzentren in eigener Regie bauen und betreiben kann. Auch wegen dieser Expertise hat die Wirtschaftssenatorin vor, der Wista auch jene Gewerbeareale zu übertragen, die die Stadt zur Sicherung der Standorte künftig ankaufen möchte.

Etabliert ist auch der Biotechnologie-Campus Buch ganz im Norden, der demnächst erweitert und besser an den Verkehr angeschlossen wird. Der privat betriebene Euref-Campus rund ums Schöneberger Gasometer funktioniert ebenfalls gut und ist bald vollständig bebaut. Er steht für Elektromobilität und Energieeffizienz. Die frühere AEG-Fa­brik am Humboldthain in Wedding bietet Raum für Ingenieurtechnik.

Andere Zukunftsorte sind bisher kaum mehr als ein Versprechen. Das Gelände der künftigen Urban Tech Republic, die nach dem Ende des Flugbetriebs am Flughafen Tegel entstehen soll, gibt es erst dann, wenn der Flughafen BER mal eröffnet werden kann.

Der CleanTech Business Park in Marzahn ist immerhin schon in der Vermarktung, aber bisher nicht mehr als eine noch leere Gewerbefläche. Auch das Gründerzentrum FUBIC nahe der Freien Universität ist erst im Bau, hier sollen junge Unternehmen an der Schnittstelle zwischen IT und Biotechnologie heranwachsen. Bisher fehlt rund um die Universität ein Raum, wo Gründer ihre ersten Schritte in die Selbständigkeit erproben können.

Dieses Problem ist schon lange erkannt. Erste Überlegungen, im früheren Hospital der US-Army ein Gründerzen­trum einzurichten, reichen schon zehn Jahre zurück. Aber auch dieser Plan wurde gebremst durch die lange vorherrschende Berliner Politik, Immobilien meistbietend zu verkaufen. Erst 2013 konnten die damaligen Fraktionschefs in der SPD/CDU-Koalition, Raed Saleh und Florian Graf, durchsetzen, dass der Finanzsenator auf neun Millionen Euro möglicher Verkaufserlöse verzichtete. Aber auch danach dauerte es noch drei weitere Jahre, ehe der Vermögensausschuss des Abgeordnetenhauses den Vertrag zwischen dem Land und der Wista als Betreibergesellschaft und Entwicklerin des Areals endlich billigte. Seither aber geht es zügig voran.

Tempelhof ist der noch unfertige Sonderfall

Während die meisten Zukunftsorte innerhalb klar umrissener Grenzen liegen, umfassen andere ganze Stadtteile. In der City West rund um den Ernst-Reuter-Platz soll die Zukunft inmitten bestehender Stadtteile die Entwicklung vor allem von IT-Unternehmen vorangebracht werden. In Charlottenburg ist viel Kompetenz und Kreativität aus der Universität der Künste vorhanden.

In Oberschöneweide im Südosten der Stadt geht es in einem klassischen, nach dem Ende der DDR fast aufgegebenen Industrierevier um eine Renaissance dank digitalisierter Produktion. Am Spreeknie im Bezirk Treptow-Köpenick werden inzwischen die als Zwischennutzer hochwillkommenen Künstler von zahlungskräftigerem Gewerbe verdrängt. Findige Grundstückseigentümer, die sich die Areale am Fluss in Krisenzeiten günstig gesichert hatten, rufen nun Millionensummen für ihre Flächen auf. Gerade in Oberschöneweide ist aber ein Risiko für den wirtschaftlichen Wiederaufstieg mancher Gegenden zu beobachten. Investoren machen Druck, um am Spreeufer edle Wohnungen schaffen zu dürfen. Dafür lassen sich noch höhere Preise erzielen als für Gewerbe. Dass der Bezirk Treptow-Köpenick auf einem Teil der Flächen an der Wilhelminenhofstraße nun Wohnen zugelassen hat, gilt den Wirtschaftsförderern als Sündenfall. Künftig könnte es Konflikte zwischen Anwohnern und Gewerbetreibenden geben, bei denen erfahrungsgemäß die Betriebe eher schlechte Karten haben.

Noch ein weiterer Sonderfall unter Berlins Zukunftsorten ist das Flughafengebäude Tempelhof, das einmal vorrangig der Kultur und Kreativwirtschaft dienen soll. Das Ganze ist derzeit kaum mehr als eine mehr oder weniger sanierungsbedürftige Hülle, in der sich verschiedene Mieter niedergelassen haben – ohne ein besonderes Profil.

Julia Neuhaus schreckt das nicht. In Tempelhof gehe es auch anders als an den anderen Orten nicht nur um Technologieunternehmen. Auch die Kreativwirtschaft gehöre dazu. Das Beste an Tempelhof sei, dass es „noch nicht fertig ist“, sagt die Wirtschaftswissenschaftlerin, die über die regionalen ökonomischen Effekte von höheren Bildungsausgaben promoviert hat. Eine langfristige Perspektive sei wichtig. Berlin müsse 20, 30 Jahre vorausdenken und sich Freiräume für künftige Entwicklungen lassen. „Das ist sinnvoll, sonst sind die Flächen weg“, warnt die 35-Jährige, die vor ihrem Wechsel zu den Zukunftsorten fünf Jahre die Geschäftsstelle einer privaten Hochschule geleitet hat. In Berlin gebe es gute Bedingungen für Start-ups. „Aber wir müssen auch Flächen für größere Mittelständler unterhalten“, sagt Neuhaus.

Wichtig sei auch, dass nicht alles immer so bleibe, wie es jetzt festgelegt sei. So sei es durchaus denkbar, irgendwann andere Gebiete zu Zukunftsorten zu adeln, wenn sich dort etwas entwickele, was die Stadt vorantreiben wolle. Wenn etwa der Siemens-Konzern wirklich seinen Innovationscampus in der Siemensstadt ansiedele, dann werde man sicherlich darüber nachdenken, wie man dieses Projekt in das Netzwerk der Zukunftsorte einbeziehen kann. „Es wird sich garantiert verändern“, sagt Neuhaus mit Blick auf ihr aktuelles Portfolio.

Standort-Kümmerer freuen sich über besseren Austausch

Als Leiterin der Geschäftsstelle ist Julia Neuhaus so etwas wie eine Königin ohne Land, denn für Orte selbst sind die jeweiligen Standortmanager verantwortlich. Wichtig ist ihr aber neben der gemeinsamen Vermarktung Berlins auch der Austausch mit den Kümmerern vor Ort, die sich dort im Detail auskennen und die Kontakte zu Firmen, Forschern und Immobilienbesitzern halten.

Einer von ihnen ist Gregor Keck. Bisher vermarktete er den CleanTech-Park in Marzahn. Jetzt leitet er das Regionalmanagement Südost mit dem Zukunftsort Oberschöneweide mit den früheren AEG-Hallen. Der Standort-Kümmerer ist wie seine Kollegen froh, dass es nun einen übergeordneten gemeinsamen Ansprechpartner gibt. „Es hilft uns sehr, weil wir uns so besser über die Erfahrungen der Kollegen an anderen Standorten austauschen können“, sagt der 37-Jährige.

Bei Wirtschaftssenatorin Ramona Pop genießt das Zukunftsorte-Konzept hohe Priorität, sie fördert die Geschäftsstelle zunächst für drei Jahre. „Die Zukunftsorte verleihen unserer wirtschaftlichen Entwicklung eine besondere Dynamik“, sagte die Politikerin.

1. Adlershof: Die Mutter aller Zukunftsorte in Berlin ist der erfolgreiche Technologiepark Adlershof im Berliner Südosten. Seit Anfang der 90er-Jahre ist hier auf der Basis der dort angesiedelten Akademie der Wissenschaften der DDR ein Ort für Wissenschaft und Wirtschaft gewachsen. Über die Jahre floss mehr als eine halbe Milliarde Euro Steuergeld in Straßen, Baugrundstücke und Leitungen im Technologiepark. Der Umzug der naturwissenschaftlichen Fakultäten der Humboldt-Universität aus Mitte in den Südosten war zwar seinerzeit umstritten, hat aber das wissenschaftliche Potenzial in Adlershof noch einmal deutlich gestärkt. Inzwischen arbeiten in Adlershof auf 4,2 Quadratkilometern 1072 Unternehmen und 16 Forschungsinstitute mit rund 18.000 Mitarbeitern. Hinzu kommen rund 6700 Studenten. Die thematischen Schwerpunkte sind Photonik und Optik, Fotovoltaik und Erneuerbare Energien, Mikrosysteme und Materialien, Informationstechnik und Medien sowie Biotechnologie und Umwelt. Die Flächen werden in wenigen Jahren voll bebaut sein.

2. Buch: Der Biotechnologie-Standort im hohen Norden der Stadt gehört auch zu den traditionellen Kraftzentren der wissensbasierten Ökonomie in der Stadt. Auch dieser Campus hat seine Wurzeln in der Stadtgeschichte. Ende des 19. Jahrhunderts baute Berlin am Rande der Stadt den größten Krankenhaus-Standort Europas. Deswegen bietet Buch gute Möglichkeiten für Gesundheitswirtschaft, Biotechnologie und Medizintechnik. Auf dem Campus arbeiten 6000 Menschen, die Hälfte in Unternehmen wie der Gentechnik-Firma Glycotope oder dem Strahlen-Spezialisten Eckert & Ziegler, die anderen in Forschungseinrichtungen, von denen das weltweit renommierte Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin die größte ist. Lange Zeit klagten die Anrainer auf dem Campus über schlechte Verkehrsverbindungen und zu wenig Räume. Der Senat hat deshalb beschlossen, die Mehrheit an der Campus-Betreibergesellschaft zu übernehmen. Neue Forschungsgebäude sind im Bau. Ab 2019 soll ein neues Zentrum für Start-ups aus der Biomedizin eröffnen.

3. Campus Charlottenburg: Anders als die Technologieparks in Adlershof und Buch gibt es für den Zukunftsort Charlottenburg keine eindeutigen Grenzen. Es fehlt auch so etwas wie eine Kümmerer-Gesellschaft, die den Standort rund um den Ernst-Reuter-Platz managt und die Aktivitäten koordiniert. Die Basis der Hochtechnologie-Zone, die seit 2012 unter dem Begriff „Campus Charlottenburg“ gefasst wird, bilden die Technische Universität und die Universität der Künste. Dazu kommen Spitzen-Institute wie die Fraunhofer Institute für Nachrichtentechnik und für offene Kommunikationssysteme sowie die Physikalisch-Technische Bundesanstalt. Rund um die TU widmen sich die Unternehmen zumeist der Computer- und Informationstechnologie, aber auch die Verkehrstechnik spielt eine wichtige Rolle. Ein zentrales Element bildet seit 2015 das Charlottenburger Innovations- und Gründungscentrum (Chic) am Kaiserdamm. Dort finden 100 junge Firmen Platz, die meisten Ausgründungen aus den Hochschulen. Es wird aber erwogen, weite Räume für Start-ups zu schaffen.

4. CleanTech Business Park Marzahn: Das unter dem Namen CleanTech Business Park Marzahn firmierende Areal zwischen Hohenschönhauser Straße und Bitterfelder Straße ist mit seinen 90 Hektar Berlins größtes zusammenhängendes Industrie-Gelände. Bis 2016 hat das Land Berlin das Gelände für 43 Millionen Euro für Produktionsbetriebe erschlossen. Ob Marzahn mit zu den Zukunftsorten gerechnet werden soll oder nicht, war lange umstritten. Denn es fehlt die Wissenschaft, die eigentlich ein zentrales Element für eine solche Definition darstellt. Allerdings bildet Marzahn eine solch bedeutende Flächenreserve etwa für expandierende Unternehmen etwa aus Adlershof, dass eine Koordination mit anderen Standorten geboten erscheint. Denn der CleanTech Park zielt nicht auf irgendwelche Unternehmen, sondern auf Produzenten aus dem Energie- oder Umweltsektor. Auch wegen dieser strengen Anforderungen hakt es bei der Vermarktung. Erst kürzlich wurde das erste Grundstück an eine Firma vergeben, die energiesparende Speichermedien herstellt.

5. Euref: Der Euref-Campus rund um das alte Gasometer in Schöneberg erfüllt zwar problemlos alle Kriterien für einen Zukunftsort, fällt aber dennoch aus dem Rahmen. Denn die Entwicklung dort beruht auf der privaten Initiative des Immobilienunternehmers Reinhard Müller, der hier auf 5,5 Hektar neben der historischen Infrastruktur des Gasspeichers die Zukunft der Energieversorgung und -nutzung demonstrieren wollte. Lange Zeit wurde die Initiative vom Land mit Argwohn beobachtet, inzwischen wurde aber erkannt, dass es nicht nur um reine Immobilienentwicklung geht. Bei Euref arbeiten inzwischen Wissenschaftler, etwa im Innovationszentrum für Mobilität und gesellschaftlichen Wandel, in Ablegern der TU sowie durch EU-Programme geförderte Klimaforscher. Unternehmen wie Cisco, Schneider Elektrik und die Deutsche Bahn haben sich angesiedelt, aber auch Start-ups wie der Elektro-Roller-Verleiher Emmy. Das ganze Gelände mit Platz für 6000 Arbeitsplätze gilt als energetisches Modellquartier, das kohlendioxidneutral arbeitet.

6. Humboldthain: Der Technologiepark Humboldthain bringt unter den Berliner Zukunftsorten die längste Geschichte mit. Die Fabrikhallen an der Weddinger Brunnenstraße ließ Ende des 19. Jahrhunderts die AEG errichten, als sie von ihrem ersten Standort in der Ackerstraße vor die Stadtgrenzen zog. Schon in den 80er-Jahren siedelte sich hier das Gründerzentrum BIG und ein Technologie- und Innovationspark an, damals eines der ersten seiner Art in Deutschland. Inzwischen arbeiten auf dem insgesamt 25 Hektar großen Standort etwa 150 Firmen, die meisten widmen sich verschiedenen Hochtechnologie-Sektoren wie der Verkehrstechnik, Logistik, Elektronik, Gebäudetechnik, aber auch Informationstechnik. Wegen dieser Vielfalt gilt der Humboldthain als Knotenpunkt für Entwicklungen für die „Smart City“. Als wissenschaftlicher Anker fungiert das Fraunhofer Institut für Zuverlässigkeit und Mikrointegration (IZM). Derzeit wird dort für 40 Millionen Euro Fördergeld des Landes, der Fraunhofer-Gesellschaft und der EU ein neues Innovationszentrum gebaut.

7. Schöneweide: Auch Schöneweide gehört zu den traditionellen Industriezonen der Stadt. An der Spree stand Ende des 19. Jahrhunderts die Wiege der AEG, die hier das Bild von Berlin als „Elektropolis“ erschuf, als weltweites Zentrum elektrotechnischer Industrie. Das Wissenschaftliche Zentrum bildet seit 2006 die Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW), die Ingenieure, Designer und IT-Spezialisten ausbildet. Die Perspektiven Schöneweides gelten als ausgezeichnet. Die Nähe zum künftigen Hauptstadtflughafen BER und die attraktive Wasserlage hat am Spreeknie ein regelrechtes Immobilien-Monopoly entfacht. Zwischen Wilhelminenhof­straße und Spree stehen 100 Hektar mit 300.000 Quadratmeter denkmalgeschützter Bausubstanz und perspektivisch weitere 250.000 Quadratmeter für Gewerbe zur Verfügung, das wäre Platz für 10.000 neue Jobs. Hauptthema ist die Verbindung zwischen Industrie und dem Internet. Bis 2021 soll neben der HTW ein Innovations- und Technologiezentrum für Digitalisierung der Wirtschaft und Industrie 4.0. entstehen.

8. Südwest: Im Berliner Südwesten liegt mit der Freien Universität (FU) schon lange eine der wichtigsten Wissenschaftseinrichtungen der Stadt. Hinzu kommt die Bundesanstalt für Materialforschung. Die wirtschaftlichen Effekte dieser Kraftquellen wurden jedoch bisher nicht irgendwo gebündelt. Es fehlte an Gründerzentren und Gewerbeflächen, auf denen junge Unternehmen von Absolventen oder Professoren sich ansiedeln und wachsen könnten. Diese Lücke schließt das Land nun mit dem FUBIC (FU Business und Innovation Center). In und um das ehemalige US-Militärhospital an der Fabeckstraße entsteht bis 2022 ein Technologiestandort für junge Unternehmen vor allem aus der Gesundheits- und IT-Branche. Auf den fünf Hektar Gelände rund um das alte Krankenhaus und zu errichtende Nebengebäude sollen einmal 85 Firmen mit 1000 Arbeitsplätzen tätig sein. Sollten diese Unternehmen über das FUBIC-Gelände hinauswachsen, sollen sie in der Region bleiben können und sich im Gewerbegebiet an der Goerz­allee ansiedeln.

9. Urban Tech Republic, Flughafen Tegel: Das größte Zukunftsprojekt ist seit einigen Jahren schon in den Rechnern der Planer auf dem Gelände des Flughafens Tegel entstanden. Seit beschlossen wurde, den Flugverkehr an den neuen Flughafen BER zu verlagern, wird über die Nachnutzung nachgedacht. Inzwischen liegen sehr detaillierte Konzepte vor, wegen der diversen Verschiebungen des BER-Starttermins gab es mehr als genug. In das umzubauende Terminalgebäude soll die Beuth-Hochschule einziehen und somit das wissenschaftliche Standbein des Areals beisteuern. Ansiedeln sollten sich Unternehmen, die sich „urbanen Technologien“ widmen, also Verkehr, Entsorgung, Gebäudetechnik und regenerative Energien. Bis zu 5000 Studierende sollen hier einmal lernen, bis zu 20.000 Arbeitsplätze könnten entstehen. Die mehr als 200 Hektar des Projektgebiets unterteilen sich in den eigentlichen Campus um die Beuth-Hochschule sowie Zonen für Gewerbe und Flächen für Industrie. Das gesamte Areal soll ein Modell dafür werden, wie Städte in der Zukunft gebaut werden müssten.

10. Flughafen Tempelhof: Das ehemalige Terminalgebäude des Flughafens Tempelhof zählt vor allem wegen seiner enormen Gestaltungsmöglichkeiten zu den Zukunftsorten. Bisher fehlen in dem riesigen Komplex sowohl die Wissenschaft als auch noch die innovativen Unternehmen, die eigentlich ein solches Etikett rechtfertigen. Von den mehr als 200.000 Qua­dratmetern vermietbarer Fläche ist bisher deutlich weniger als die Hälfte belegt. Der Senat hat 131 Millionen Euro bereitgestellt, um Hangars, Büros oder das ehemalige Offizierskasino am Platz der Luftbrücke in marktfähige Flächen zu verwandeln. Dort, im Gebäudeteil „H2rund“, soll ein Zentrum für Start-ups entstehen. Politisch ist gewünscht, aus Tempelhof einen Standort der Kreativwirtschaft zu machen. Dazu passt, dass Hangars und das überdachte Vorfeld schon jetzt eine begehrte Kulisse für Veranstaltungen sind. Derzeit drängen jedoch Gewerkschaften und die Handwerkskammer darauf, die gut erreichbaren Erdgeschosse auch für Handwerksbetriebe vorzusehen, die den teuren Innenstadtmieten weichen müssen.

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