Charité-Studie

Telemedizin rettet Leben von Herzpatienten

Weniger Todesfälle und Krankenhausaufenthalte als bei konventionell versorgten Betroffenen, das bietet laut Charité die Telemedizin.

Thomas Rachel (CDU, l), Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesforschungsministerium, und Friedrich Köhler, Leiter des Zentrums für kardiovaskuläre Telemedizin der Charite und Studienleiter des Fontane-Projekt, präsentieren moderne Telemedizingeräte

Thomas Rachel (CDU, l), Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesforschungsministerium, und Friedrich Köhler, Leiter des Zentrums für kardiovaskuläre Telemedizin der Charite und Studienleiter des Fontane-Projekt, präsentieren moderne Telemedizingeräte

Foto: Christoph Soeder / dpa

Ärzte und Pfleger der Charité haben Herzpatienten aus der Ferne überwacht und mit diesem Verfahren Todesfälle verhindert. Studienergebnisse zeigten erstmals, dass Telemedizin bei Hoch­risikopatienten mit Herzschwäche zu einem längeren Leben und weniger Aufenthalten im Krankenhaus führe, sagte jetzt Charité-Studienleiter Friedrich Köhler. Die Effekte seien sowohl in städtischen als auch in ländlichen Gebieten beobachtet worden, betonte der Ärztliche Direktor des Universitätsklinikums, Ulrich Frei. Die Studie erschien im Fachjournal „The Lancet“.

An der sogenannten Fontane-Studie nahmen mehr als 1500 Herzschwäche-Patienten nach der Krankenhaus-Entlassung teil. Diese Herzschwäche-Patienten hätten üblicherweise ein hohes Risiko, bald wieder in die Klinik zu müssen oder zu sterben, sagte Kardiologe Köhler. An der Fernüberwachung und telemedizinischen Mitbetreuung nahm rund die Hälfte der Patienten teil, die andere Hälfte wurde konventionell versorgt. Es sei eine der größten Studien zum Thema Telemedizin weltweit, sagte Köhler. Die ärztliche Betreuung der Patienten am Wohnort wurde durch 113 Kardiologen und 87 Hausärzte gewährleistet. Gemeinsam mit diesen Ärzten wurde die Studie über insgesamt fünf Jahre durchgeführt.

Patienten senden ein Jahr lang Daten nach Berlin

Mit einem Technik-Set sendeten die Patienten, die vor allem aus Nordbrandenburg kamen, jeweils ein Jahr lang täglich Daten nach Berlin – etwa EKG-Werte, Blutdruck, Gewicht und eine Einschätzung zu ihrem aktuellen Gesundheitszustand. Die Geräte wurden den Angaben zufolge so konzipiert, dass auch ältere Menschen sie nach einer kurzen Schulung bedienen können. Waren Werte auffällig, reagierten Ärzte und Pfleger in einem rund um die Uhr besetzten Charité-Zentrum. Zum Beispiel, indem sie telefonisch eine Anpassung der Medikamentendosis empfahlen oder gleich die Retter alarmierten. Köhler betonte, anhand der Daten zeigten sich Verschlechterungen wie Wassereinlagerungen, noch bevor Patienten Symptome bemerkten.

Das Ergebnis: Während in der Kontrollgruppe elf von 100 Herzschwäche-Patienten in einem Jahr starben, waren es in der von der Charité überwachten Gruppe acht pro 100. Auch verbrachten Patienten aus der Telemedizin-Gruppe weniger Tage im Krankenhaus als konventionell versorgte Betroffene. Bezogen auf ihre einjährige Studiendauer „verloren“ sie aufgrund von ungeplanten Einweisungen ins Krankenhaus wegen Herzinsuffizienz 17,8 Tage im Vergleich zu 24,2 Tagen in der anderen Kontrollgruppe

Vor Ort hatten die Herzkranken weiter ihre Ärzte als Ansprechpartner. Hinzu kamen monatliche Telefonate mit der Charité. Köhler sprach von einem „Sicherheitsnetz“ für Patienten, was zu einer hohen Akzeptanz der täglichen Messungen beigetragen habe. Dadurch hätten sich zudem auch Lebensstiländerungen ergeben, so seien Medikamente regelmäßig genommen und Trinkmengen angepasst worden.

„Telemedizin wirkt. Sie ermöglicht es, Patienten mit Herzschwäche besser zu versorgen – unabhängig davon, ob sie auf dem Land oder in der Stadt wohnen“, betonte Thomas Rachel, parlamentarischer Staatssekretär im Bundesforschungsministerium. Das Ministerium unterstützte die Studie mit 10,2 Millionen Euro. Weitere 4,5 Millionen für Technik kamen vom Land Brandenburg. Auch zwei Krankenkassen und mehrere Unternehmen kooperierten mit den Forschern. Nach Charité-Angaben haben 1,8 Millionen Deutsche Herzschwäche. Es sei der häufigste Grund für Krankenhausaufnahmen. Nun solle noch untersucht werden, wie nachhaltig der Krankheitsverlauf bei den Patienten beeinflusst wurde und welche Einsparungen für das Gesundheitssystem möglich sind.

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