Neues Buch "Mörderinnen"

So beschreibt ein Verteidiger die Fälle von vier Mörderinnen

Der frühere Strafverteidiger Veikko Bartel hat ein Buch über vier Kapitalverbrechen aus seiner Praxis geschrieben.

Autor Veikko Bartel arbeitete als Strafverteidiger und ist heute Dozent  für Steuerrecht. Er lebt mit  seiner Familie  in Potsdam

Autor Veikko Bartel arbeitete als Strafverteidiger und ist heute Dozent für Steuerrecht. Er lebt mit seiner Familie in Potsdam

Foto: Maurizio Gambarini

Potsdam. Niemand merkt, dass sie schwanger ist. Niemand außer ihr selbst. Die Wehen setzen ein, sie bekommt das Kind, nachts, allein im Badezimmer. Sie tötet es. Sie kocht es. In einem großen Topf. Zwei Tage lang. Was übrig bleibt, schüttet sie in die Damentoilette ihrer Arbeitsstelle. Das WC verstopft, das Verbrechen wird entdeckt.

Es ist der Fall, der Veikko Bartel während seiner Zeit als Strafverteidiger emotional am meisten berührt hat. Und es ist der Fall, den er in seinem Buch „Mörderinnen“ als erstes beschreibt. Die Tat mit all ihren Hinter- und Abgründen würde als Drehbuch für einen Kriminalfilm wahrscheinlich abgelehnt werden: zu grausam, zu konstruiert, zu unglaubwürdig. Aber sie ist tatsächlich passiert. Name und Ort sind im Buch verfremdet, die Tatsachen nicht, schreibt Bartel im Vorwort.

Vier Kapitalverbrechen, in denen er die Täterinnen als Anwalt verteidigt hat, schildert er in seinem Buch. Neben der Kindsmörderin eine Geschäftsfrau, die ihren Mann niedermetzelt und die Tat danach verdrängt; eine Sadistin, die ihre Opfer grausam quält; eine Giftmörderin mit mehreren Doppelleben. Aber Bartel beschreibt nicht nur die Taten und was sich dahinter verbirgt, sondern er gibt auch einen tiefen Einblick in seine Arbeit als Strafverteidiger. Und diese Perspektive ist es, die das Buch unterscheidet von so vielen anderen Kriminalschilderungen. Der Strafverteidiger bleibt meist im Verborgenen. In Verfahren von öffentlichem Interesse tritt er höchstens mal mit Plädoyers hervor, mit denen er häufig Unverständnis hervorruft. Wie kann man diesen Verbrecher verteidigen? Man kann, man muss, so sieht es das Gesetz vor, jeder Angeklagte hat ein Recht auf einen Verteidiger.

Bandbreite reicht von Fanpost bis zu Morddrohungen

In mehr als 30 Verfahren zu Tötungsdelikten war der 52-Jährige aus Potsdam Verteidiger. In Berlin, in Brandenburg, in ganz Deutschland. Er ist kein Unbekannter. Im Rampenlicht stand er vor allem 2009, im Prozess gegen einen Russlanddeutschen, der die schwangere Ägypterin Marwa El-Sherbini in einem Gerichtssaal mit einem Küchenmesser getötet hat. Beim Prozess im Landgericht Dresden, das zu einem Hochsicherheitstrakt umfunktioniert war, stellte Bartel eingangs die Frage nach dem Warum für die Tat seines Mandanten, nach dem Warum für dessen Ausländerhass und verwies dabei auch auf gesellschaftliche Strukturen. Dafür erntete er scharfe Kritik. Ihm wurde vorgeworfen, er gebe Muslimen selbst eine Mitschuld. „Der Hass auf den Angeklagten übertrug sich auf mich“, sagt er heute. In einem Zeitungsbericht war zu lesen: „Solche Anwälte braucht Deutschland nicht.“ Das saß tief, genauso wie die Morddrohungen, die er während des Prozesses bekam, und die Fanpost, die er aus dem rechten Lager erhielt.

Man merkt ihm auch nach neun Jahren an, dass ihn diese Erfahrung noch immer beschäftigt, auch wenn er damals genau wissen konnte, was seine Worte auslösen würden. Bartel war kein Neuling im Gerichtssaal. Seit Mitte der 90er-Jahre arbeitete er als Anwalt, und schon vorher war er mit Fällen aus dem rechten Spek­trum betraut. Doch dieser Fall hat ihn an eine Grenze geführt.

Ein Balanceakt war es allerdings immer, wenn er Kapitalverbrecher verteidigt hat. Man müsse Vertrauen zum Mandanten schaffen, aber zugleich persönlich Abstand wahren. „Der Verteidiger ist ja der einzige Mensch, mit dem Inhaftierte über ihren Fall sprechen können. Mit den Angehörigen können sie nicht offen reden, weil die Gespräche mitgehört werden, mit der Polizei sollen sie nicht reden“, erklärt Bartel. Oft werde dann versucht, den Verteidiger mit ins Boot zu holen. „Glauben Sie mir, finden Sie das nicht auch“, so etwas habe er oft gehört. „Ich habe dann geantwortet: Was ich glaube, ist völlig irrelevant. Und zweitens ist der Glaube keine Kategorie der Strafprozessordnung. Es geht darum, wie wir das Gericht dazu bringen, die Dinge mit unseren Augen zu sehen und nicht mit den Augen der Staatsanwaltschaft.“

„Man muss ein guter Psychologe sein, um ein guter Strafverteidiger zu sein“

Bestenfalls fünf Prozent der Mordfälle seien juristisch streitig, schätzt Bartel. Meist gehe es bei Gewaltverbrechen nicht darum, die Schuldfrage, sondern Zusammenhänge zu klären. „Man muss ein guter Psychologe sein, um ein guter Strafverteidiger zu sein.“ Die ganze Bandbreite von Wahrnehmungs-, Erinnerungs-, Aussagepsychologie und gruppendynamische Strukturen müssten Beachtung finden. Hinzu komme die Ausnahmesituation: „Bei Tötungsdelikten saß ich in den allermeisten Fällen Menschen gegenüber, die das erste Mal etwas mit der Justiz zu tun hatten.“ Die gerade verhaftet worden waren und sich nun offenbaren sollten. Ohne psychologisches Verständnis könne man da kein Vertrauen gewinnen. „Es ist mir auch nicht immer gelungen“, gibt er zu.

Die meisten Menschen, die ihm in dieser Situation gegenübersaßen, seien zutiefst erschüttert gewesen über das, was sie getan hatten. Aber es habe auch die gegeben, die verdrängten. „Einmal, es war nachts um 1 Uhr, bekam ich einen Anruf aus dem Polizeigewahrsam. Die Wachleute sagten, hier würde sie gern jemand sprechen. Ich fuhr hin. Ein junger Mann empfing mich freundlich. ,Schön, dass Sie da sind, Herr Bartel, ich kann Ihnen leider nichts anbieten.‘ Wir setzten uns auf zwei Hocker, die am Boden festgeschraubt waren. Er legte seine Hände mit gespreizten Fingern auf den Tisch. Überall um die Nägel hatte er schwarze Ränder. Ich dachte: Er ist vielleicht Schlosser. Nein, es war das Blut seines Opfers. Drei Stunden zuvor hatte er jemanden umgebracht, regelrecht massakriert. Ich fragte ihn: ,Weshalb sind Sie hier?‘ Und er antwortete: ,Da ist heute Abend ein bisschen was aus dem Ruder gelaufen.‘“

In einem waren die meisten Täter aber wohl gleich: „Wenn ich gefragt habe, was sie empfunden haben – vor der Tat, dabei, danach, kam immer wieder: Tunnel.“ Da gab es auch keinen Unterschied zwischen Mann oder Frau. Ansonsten aber wohl schon. „Frauen morden anders, begründeter“, sagt er und betont, dass das nur seine persönliche Beobachtung und nicht wissenschaftlich belegt sei. Bei Männern gebe es auch Kurzschlusshandlungen, bei Frauen seien die Anlässe diffiziler. Ob er deshalb ein Buch über Mörderinnen geschrieben habe? Er wehrt ab, nein, das Buch „Mörder“ sei auch schon fertig und werde folgen.

Dass er überhaupt über Fälle aus seiner Praxis schreibe, hat er einem seiner Söhne zu verdanken. Zehn Jahre ist es her, da kam er aus der Schule nach Hause und zeigte seinem Vater einen Zeitungsausschnitt über einen Fall zu einem Tötungsdelikt, den sie im Unterricht besprochen hatten. Es ging um rechte Jugendgewalt, Bartel hatte den Täter verteidigt. „Aber ich konnte mich nicht mehr erinnern, nur langsam und schemenhaft kam die Erinnerung zurück.“ Das hatte ihn erschüttert, also begann er zu schreiben, „als Instrument gegen das Vergessen“.

Veikko Bartel arbeitet mittlerweile als Dozent in Berlin

Vielleicht ist es auch ein Instrument, um eine intensive Phase in seinem Berufsleben zu verarbeiten, denn Veikko Bartel arbeitet heute nicht mehr als Strafverteidiger, sondern als Dozent in Berlin. An der University of Applied Science in Charlottenburg unterrichtet er Steuerrecht, an einer Berufsschule Verfassungs- und Verwaltungsrecht. 2010 wurde er wegen Parteiverrats verurteilt, ihm wurde die Zulassung als Rechtsanwalt entzogen, er musste seine Kanzlei in Potsdam schließen. Der Prozess hatte sich über fast zehn Jahre bis zum Bundesgerichtshof gezogen. Zweimal wurde er zwischendurch freigesprochen, zuletzt doch verurteilt. Die Entscheidung kann Bartel bis heute nicht nachvollziehen und er gibt ehrlich zu, dass er sie in ein tiefes Loch stürzen ließ. Er sagt aber auch: „Im Nachhinein war es richtig für mein Leben“. Er sei damals ausgebrannt gewesen. „Strafverteidigung lebt man oder man lässt es bleiben.“ Er lebte sie.

Heute könnte er seine Zulassung wieder beantragen, „aber das will ich nicht mehr“. 2015 stand er noch einmal im Gerichtssaal – als Mitverteidiger. Das durfte er auch ohne Zulassung, weil es noch einen anderen Verteidiger gab. „Ich hatte mich nach fünf Jahren gefreut, wieder im Gerichtssaal zu stehen. Aber nach zehn Minuten wusste ich: Das will ich nicht mehr.“ Ein Hauch Wehmut klingt vielleicht mit, aber dafür hat er heute Zeit für das, was ihm wichtig ist: seine fünf Kinder vor allem und die Musik. Etwa neun Gitarren hat er, in seiner Freizeit schreibt er Songs und singt sie auch. Zusammen mit einem isländischen Freund ist er schon oft aufgetreten. Mit dem wäre er sogar fast einmal beim Eurovision Song Contest für Island angetreten. 2006 waren sie zusammen in der Vorentscheidung dabei, „elf Stimmen haben uns da gefehlt“.

Musik und Recht – das klingt wie zwei Welten. Aber Bartel sieht das nicht so: „Irgendwie habe ich in meinen Liedern indirekt verarbeitet, was ich im Gerichtssaal erlebt habe.“ Die Musik ist so etwas wie der Sound zu den Kriminalfällen. Darum wird er am Donnerstag bei der Buchvorstellung auch selbst die Musik beisteuern.

Lesung am 2. November, 21 Uhr, im Artenschutztheater, Lüneburger Straße, Moabit. Tickets hier.