Sieben Beschuldigte

Der Pharmaskandal wird international

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Andreas Abel und Rochus Görgen
Die angezählte Gesundheitsministerin Diana Golze (Linke) auf dem Weg zu einer Kabinettssitzung zum Lunapharm-Skandal

Die angezählte Gesundheitsministerin Diana Golze (Linke) auf dem Weg zu einer Kabinettssitzung zum Lunapharm-Skandal

Foto: Ralf Hirschberger / dpa

Auch Firmen in Hessen und der Schweiz wurden durchsucht. Zwei Charité-Apothekerinnen hatten einen Nebenjob bei Lunapharm.

Potsdam/Berlin.  Der Pharmaskandal um die Firma Lunapharm reicht inzwischen weit über Brandenburg und Berlin hinaus. Die Staatsanwaltschaft Potsdam hat elf Wohn- und Geschäftsräume in Hessen durchsuchen lassen. Auch in der Schweiz wurden Geschäftsräume eines Pharmagroßhändlers durchsucht. In Hessen seien Unterlagen und elektronische Daten sichergestellt worden, teilte ein Behördensprecher am Donnerstag mit und bestätigte damit Informationen des ARD-Magazins „Kontraste“ und des „Spiegels“. Die Zahl der Beschuldigten habe sich zudem von zwei auf sieben erhöht.

Das Unternehmen Lunapharm soll gestohlene Krebsmedikamente von einer griechischen Apotheke bezogen und in mehrere Bundesländer geliefert haben. In Brandenburg steht Gesundheitsministerin Diana Golze (Linke) unter starkem Druck, weil die Medikamentenaufsicht trotz Hinweisen zunächst nicht durchgegriffen haben soll. Es ist weiter unklar, ob die teuren Medikamente womöglich wegen falscher Lagerung nicht mehr richtig wirkten. Allein in Berlin und Brandenburg sind mindestens 220 Patienten betroffen.

Nach Angaben der Staatsanwaltschaft sollen die neuen Beschuldigten im Alter von 29 bis 67 Jahre aktive oder ehemalige Geschäftspartner von Lunapharm sein. Ihnen wird wie bereits den bisherigen Beschuldigten gewerbsmäßige Hehlerei und Verstoß gegen das Arzneimittelgesetz vorgeworfen.

Laut „Kontraste“ und Schweizer Medien durchsuchte die Schweizer Arzneimittelaufsicht am Donnerstag im Kanton Zug Geschäftsräume eines Pharmagroßhändlers. Er soll ebenfalls Geschäftskontakte zu der griechischen Apotheke gehabt haben. Weitere Spuren führen dem Bericht zufolge in die Niederlande und nach Italien.

Gesundheitsministerin Golze soll am Dienstag das Kabinett über den Ermittlungsstand im Pharmaskandal informieren. Zu diesem Zeitpunkt werde auch der Bericht der eingesetzten Expertenkommission vorliegen, sagte Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD). Man werde dann über Konsequenzen nachdenken. Aus den Reihen der Opposition wird seit Längerem Golzes Rücktritt gefordert. Auch Woidke hatte eine Kabinettsumbildung nicht ausgeschlossen. Golze sagte der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, sie wolle um ihr Ministeramt kämpfen. Sie sehe auch keinen Grund, den Co-Vorsitz der Linken aufzugeben: „Ich habe die Unterstützung meiner Partei.“

Schon seit 2013 von Apotheke in Griechenland beliefert?

Nach weiteren Recherchen von „Kon­traste“ soll das Ausmaß des Pharmaskandals in Brandenburg größer sein als bislang bekannt. Demnach sei Lunapharm bereits von 2013 an von einer griechischen Apotheke beliefert worden. Bis mindestens März 2018 sei der Handel zwischen den Unternehmen fortgesetzt worden. Allein in den Jahren 2013 bis 2016 seien Medikamente für mehr als 20 Millionen Euro an Lunapharm geliefert worden.

Das Gesundheitsministerium hatte in einer Antwort auf eine parlamentarische Anfrage der CDU erklärt, Lunapharm habe nach derzeitigen Erkenntnissen zwischen 2015 und 2017 von der griechischen Apotheke insgesamt 4651 Arzneimittelpackungen bezogen. „Aus unseren Unterlagen geht hervor, dass die Lunapharm Deutschland GmbH den Handel mit der griechischen Apotheke im März 2017 eingestellt hat“, sagte dazu eine Sprecherin des Ministeriums der Berliner Morgenpost. Unterlagen, die den Zeitraum vor 2015 betreffen, bereite derzeit das Landeskriminalamt auf. Lunapharm war nicht für eine Stellungnahme erreichbar.

Inzwischen ist auch die Charité indirekt vom Lunapharm-Skandal betroffen. Eine Sprecherin teilte mit, dass zwei Beschäftigte des Universitätsklinikums seit August 2014 „im Rahmen einer geringfügigen Nebentätigkeit mit maximal acht Stunden pro Monat“ bei Lunapharm tätig gewesen sind und bestätigte damit Informationen der „BZ“. Die Nebentätigkeit sei genehmigt gewesen, so die Sprecherin, wurde jedoch im Juli 2018, nach Bekanntwerden des Pharmaskandals, aufgehoben.

Keine Geschäftsbeziehungen der Charité zum Unternehmen

„Die Krankenhausapotheke der Charité hat zu keiner Zeit Geschäftsbeziehungen zu Lunapharm unterhalten und somit niemals Zytostatika oder auch andere Medikamente bei Lunapharm gekauft“, betonte die Sprecherin. Die Krankenhausapotheke beziehe immer Originalpräparate und keine Reimporte. An anderer Stelle heißt es, es sei ausgeschlossen, dass Charité-Patienten vom Skandal betroffen sind.

Nach Morgenpost-Informationen sind beide betroffenen Mitarbeiterinnen in der Charité-Apotheke beschäftigt. Wissenschaftsstaatssekretär Steffen Krach forderte vollständige Transparenz. „Inwieweit Mitarbeiterinnen der Charité an der Verbreitung von Lunapharm-Medikamenten beteiligt waren, muss von der Universitätsklinik jetzt unverzüglich und vollständig aufgeklärt werden“, sagte Krach der Morgenpost. Es gehe um das Wohl der Patienten und um das Vertrauen der Bürger in das Gesundheitssystem.

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