Ratten-Bekämpfung

Immer häufiger Alarm: Berlin hat ein Ratten-Problem

Einer der Gründe für das Wachstum ist der zunehmende Müll in der Hauptstadt. In einem Bezirk nimmt die Zahl der Einsätze besonders zu.

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Berlin. Sie leben in der Kanalisation, ernähren sich von unseren Abfällen und tauchen zunehmend in der Statistik der Gesundheitsämter auf: In Berlin wird immer häufiger Ratten-Alarm ausgelöst. Allein 2017 verzeichnete das Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso) 10.022 gemeldeten Ratten-Bekämpfungen in der Hauptstadt. Im Verhältnis zum Vorjahr bedeutet das einen Anstieg von 16,4 Prozent, gegenüber dem Jahr 2013 wuchs die Zahl der Meldungen sogar um 57,4 Prozent.

Das belegt eine Lageso-Statistik, die der AfD-Abgeordnete Frank Scholtyseck abgefragt hat und die der Berliner Morgenpost vorliegt. Wie viele der Meldungen auf Angaben von Privaten beruhen und wie oft die Bezirke selbst den Kammerjäger gerufen haben, lässt sich nicht sagen. Experten zufolge entfällt der Großteil der Meldungen aber auf Angaben von Hauseigentümern.

Besonders stark nahm die Zahl der Ratteneinsätze demnach in Spandau zu. Meldeten die Kammerjäger 2016 noch 280 Fälle ans dortige Gesundheitsamt, waren es 2017 schon 467. Das entspricht einem Plus von 66,8 Prozent. Die größte langfristige Zunahme verzeichnete das Lageso in Lichtenberg, gegenüber 2013 stieg die Zahl der Meldungen von 418 auf zuletzt 950, also mehr als das Doppelte.

Rückläufig waren die Meldungen dagegen nur in zwei Bezirken, in Neukölln (minus 6,9 Prozent) und in Pankow (minus 5,17 Prozent). Spitzenreiter in absoluten Zahlen ist über alle Jahre hinweg Marzahn-Hellersdorf: Im vergangenen Jahr meldeten Hausbesitzer hier 1854 Fälle von Ratten-Alarm auf ihren Grundstücken (2013: 1056).

Mehrere Gründe für den Anstieg

„Die hohen Werte in Marzahn-Hellersdorf lassen unter anderem damit begründen, dass es in vielen der dortigen Plattenbauten Hausmeister gibt, denen Schädlinge auffallen, und die das auch melden“, sagt Lageso-Sprecherin Silvia Kostner. Grundsätzlich gebe es mehrere Gründe für den Anstieg der Meldungen. Einerseits nehme der Müll auf Straßen, in Grünanlagen und auch in den Innenhöfen von Häusern durch die wachsende Einwohnerzahl zu. Immer häufiger kämen Ratten dadurch zur Nahrungssuche aus der Kanalisation ans Tageslicht. „Andererseits sind die Berliner zunehmend sensibilisiert“, so Kostner. „Sie achten stärker als früher auf Ratten, rufen dann bei den Gesundheitsämtern und bei ihren Hausverwaltungen an. So wächst die Zahl der gemeldeten Einsätze.“

Auch Daniel Krämer vom Verein der Schädlingsbekämpfer sieht vor allem wachsende Achtsamkeit als Ursache für den Anstieg der gemeldeten Fälle – allerdings eher aufseiten der Hausbesitzer. „In den Köpfen der Hausverwaltungen kommt zunehmend an, dass sie zur Meldung bei den Gesundheitsämtern verpflichtet sind“, sagt er. Das war nicht immer so. Erst seit 2011 gelten Ratten in Berlin als „Gesundheitsschädlinge“, müssen aufgrund einer entsprechenden Verordnung der Umweltverwaltung wieder an die Ämter in den Bezirken gemeldet werden. „Dieses Wissen setzt sich immer mehr durch“, sagt Krämer.

Klassischerweise sind Ratten in Kellern anzutreffen, dort, wo Abwasserrohre aufgrund von Rost aufbrechen. Zuletzt hatten sie jedoch auch immer wieder andernorts für Aufsehen gesorgt, prominentestes Beispiel der jüngeren Vergangenheit: eine komplett von den Nagern untertunnelte Müllcontainer-Anlage einer Hochhaussiedlung in Tegel-Süd.

Ratten auch auf Straßen und Grünanlagen

Auch auf Straßen und Grünanlagen meldeten die Berliner immer öfter Ratten, so Lageso-Sprecherin Kostner. „Die Stadt wird voller, auch durch Touristen, die viel draußen essen und nicht immer ihre Abfälle beseitigen“, sagt sie. Das beobachtet auch der AfD-Abgeordnete Scholtyseck. „Die Stadt verwahrlost zusehends“, sagt er. „Manchmal füttern die Menschen die Ratten sogar. Gleichzeitig kriegen die Bezirke die Probleme offensichtlich nicht in den Griff. Berlin muss endlich sauberer werden.“

Wie viele Ratten es in Berlin gibt, lässt sich nicht beziffern. Einer Schätzung der Berliner Wasserbetriebe zufolge beläuft sich die Gesamtzahl aber auf konstant rund 2,2 Millionen.

Ämter prüfen Meldungen über Ratten

Über die genaue Zahl der Tiere lässt sich nur spekulieren, die Statistik der Gesundheitsämter aber zeigt deutlich: Immer öfter melden Hauseigentümer und -verwaltungen einen Kammerjägereinsatz gegen Ratten in ihren Kellern und Hinterhöfen. Experten zufolge liegt das einerseits daran, dass immer mehr Hausmeister und Besitzer wissen, dass sie seit 2011 per Verordnung zur Meldung verpflichtet sind. „Ein weiterer Grund dafür ist aber auch, dass die Gesundheitsämter stärker hinterher sind und Ratten öfter in den Medien thematisiert werden“, sagt Daniel Krämer vom Verein der Schädlingsbekämpfer Berlin. Auch die personelle Ausstattung der Ämter trage zum Anstieg bei.

So erklärt auch Spandaus Gesundheitsstadtrat Frank Bewig (SPD) die zuletzt stärkste Zunahme der Meldungen in seinem Bezirk. „Ich selbst kann diesen Anstieg nicht nachvollziehen, bei mir landen ohnehin regelmäßig Fälle auf dem Tisch“, sagt er. „Klar ist aber: Wir gehen den Meldungen sehr schnell nach, das läuft gut in unserem Gesundheitsamt. Das scheint sich auch bei den Hauseigentümern herumzusprechen.“

Ähnliches ist aus Lichtenberg zu hören, wo die Einsatzmeldungen im Vergleich zum Jahr 2013 am stärksten stiegen. „Das Gesundheitsamt Lichtenberg hat bekannte Hausverwaltungen angeschrieben und auf die Anzeigepflicht von Rattenbefall hingewiesen“, teilte das Bezirksamt auf Morgenpost-Anfrage mit. „Dadurch hat sich die Anzahl der bekannt gewordenen Bekämpfungen erhöht.“

Klar ist: Abseits der statistisch erhobenen Fälle gibt es eine große Dunkelziffer. „Wir merken nicht unbedingt, dass sich die Zahl der Einsätze, die wir wegen Ratten fahren, erhöht“, sagt Schädlingsbekämpfer Krämer. Das bedeutet, die Zahl der Einsätze blieb gleich, nur werden sie jetzt tatsächlich auch den Ämtern gemeldet. Darauf wurde offenbar früher gern mal verzichtet.

Einsätze in Parks und auf öffentlichen Flächen zählen die Gesundheitsämter nicht gesondert. Auch hier kam es in der jüngeren Vergangenheit jedoch immer wieder zu Rattenbefall. Ganze Spielplätze mussten gesperrt werden, weil Ratten die Fläche mit Tunneln untergraben hatten.

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