Berlin. Josephine sitzt auf einem hölzernen Stuhl hinter der Tür. So als würde sie sich verstecken – hier in Zimmer 21, dem Familienzimmer. Die Nigerianerin streicht sich über den runden Bauch, der sich unter ihrem blau-weiß gestreiften Kleid wölbt. „Love Paris Always“, steht darauf in Glitzerschrift. Nun ist sie aber in Berlin. In der Notübernachtung Storkower Straße.
Im achten Monat ist die 38-Jährige schwanger, in den kommenden Tage könnte das Kind kommen, sagen die Ärzte. Der Stress. Josephine lebt auf der Straße. Die Nächte kann sie seit heute in der Notübernachtung von Strassenfeger e. V. verbringen – gemeinsam mit ihrem 14 Jahre alten Sohn Aseosa und dem Ungeborenen. Sie klagt über Sodbrennen. Er lenkt sich damit ab, einen platten Fußball zu jonglieren. Beide haben zu wenig getrunken, sagen sie, 34 Grad heiß war es heute in Berlin. Auch jetzt, gegen 19 Uhr, steht die warme Sommerluft noch in dem kleinen Raum.
Was sie den ganzen Tag gemacht haben? „Wir sind einfach durch die Straßen gelaufen, haben einen Platz zum Bleiben gesucht“, sagt Josephine. Gefunden haben sie nichts. „Ich habe kein Geld und keine Wohnung, was soll ich tun, außer zu beten?“ Tränen laufen über die Narben auf ihren Wangen. Sie bekreuzigt sich, schließt die Augen. Aseosa schaut stumm aus dem Fenster.
Auf den Straßen leben mehr Frauen, auch mit Kindern
Die hochschwangere Nigerianerin und ihr Sohn leben seit einigen Wochen in Berlin. Davor waren sie in Barcelona. Jetzt gehören auch sie zur wachsenden Zahl der Obdachlosen in der Stadt. Zu den Gestrandeten. Wie viele genau es sind, das weiß niemand – eine Obdachlosenstatistik kommt frühestens in einigen Monaten. Klar ist bislang nur: Die Zahlen steigen deutlich. Von bis zu 10.000 Menschen ist mittlerweile die Rede, dazu kommen laut der Berliner Sozialverwaltung 37.000 Menschen, die von der Stadt zum Beispiel in Wohnheimen oder Frauenhäusern untergebracht werden.
Auf den Straßen leben mehr und mehr ältere Obdachlose, mehr Frauen – auch mit Kindern – und mehr Behinderte, das bestätigt die Sozialverwaltung. Und: Die Kapazitäten für diese Gruppen sind begrenzt. Das Berliner Wohnhilfesystem ist völlig überlastet.
Wenn Mara Fischer um 18 Uhr die schweren Sicherheitsglastüren der Notunterkunft aufschließt, stehen die Menschen schon Schlange vor der Unterkunft. Dafür, dass sie hier wenigstens die Nächte bis acht Uhr morgens verbringen können. Dann schließt die Notübernachtung wieder. „Manchmal sind es fünf, manchmal 30, und jeden Abend schicken wir jemanden weg“, sagt die Leiterin der Unterkunft an der Storkower Straße 139 c.
Die 31 Betten von Strassenfeger e. V. befinden sich in der ersten Etage eines ehemaligen Bürogebäudes. Rot verkleidet ist das Haus, Fenster reiht sich an Fenster, aus einigen hängen Hosen, Bettwäsche. Alle 31 Schlafplätze sind heute Nacht ausgebucht – wie immer. Fischer sagt: „Der Bedarf für niedrigschwellige Notübernachtungen steigt.“ Dem werde Berlin nur ansatzweise gerecht. „Da muss unbedingt nachjustiert werden.“
Obdachlose Familien immer öfter weggeschickt
Josephine, die Schwangere, und ihr Sohn wollten gestern schon in Zimmer 21 schlafen. Ihre Sozialarbeiterin, das betont sie immer wieder, hätte sie angemeldet. Hatte sie auch. Aber, erzählt Mara Fischer, die Familie kam nach 23 Uhr, da war das Zimmer längst an andere Bedürftige vergeben. „Es kann sein, dass du hier zwei Stunden vor der Tür stehst und am Ende trotzdem kein Bett bekommst. Das ist ein richtig krasser Verteilungskampf“, sagt Fischer. Die Familie wurde in eine andere Unterkunft geschickt. Notunterkunft Franklinstraße im Ortsteil Tiergarten. Eine Reise durch die halbe Stadt für die schwangere Frau. „Da war es nicht gut für meinen Sohn“, sagt Josephine. Heute war sie deshalb pünktlich um 18 Uhr hier, wo es das Familienzimmer gibt, Abendessen, kühles Wasser. Und etwas Ruhe.
Dass obdachlose Familien weggeschickt werden müssen, das passiert immer häufiger. Vier, fünf in der Woche sind es manchmal. Eine Familie aus Belgien erst neulich. Der Vater, die Mutter und ein drei Wochen alter Säugling. „Die standen nachts einfach hier vor der Tür. Ich musste die dann wegschicken, weil wir voll waren“, sagt Ann, die heute Spätdienst hat in der Notübernachtung. Die junge Frau arbeitet seit fast drei Jahren in der Unterkunft, sagt, sie versuche, so etwas nicht an sich heranzulassen. „Sonst könnte man das hier nicht durchhalten.“ Aber an dem Abend mit dem Säugling, da habe sie schon schlucken müssen.
Das Problem: Laut Konzept sind die Notübernachtungen dafür da, die Menschen für einen kurzen Zeitraum unterzubringen und dann an Fachstellen weiterzuvermitteln. Aber, erklärt Leiterin Fischer, diese Fachstellen sind auch überlastet. „Eigentlich geht’s von der Straße in die Notunterkunft, in Wohnheime und dann in eine eigene Wohnung.“ Zurzeit läuft es oft andersherum: Statt an die Notunterkünfte zu vermitteln, rufen verzweifelte Mitarbeiter von Jugendämtern an, weil sie Familien nicht unterbringen können. „Das ist doch absurd“, sagt Fischer.
Nachfrage nach Plätzen ist riesig
Aus der Sozialverwaltung heißt es dazu: Das Angebot speziell für wohnungslose Familien solle weiter ausgebaut werden. In der vergangenen Haushaltsrunde hat Fischer trotzdem deutlich weniger Geld bekommen als eigentlich benötigt – und als beantragt.
Dabei ist die Nachfrage nach Plätzen wie Zimmer 21 riesig. „Wir versuchen dann Tetris zu spielen“, sagt Ann. Sie meint: Die anderen Schlafgäste so zu verteilen, dass das Familienzimmer frei wird – aber das gelingt nicht immer. Alle könne man leider nicht aufnehmen, sagt sie. Dann klingelt das Telefon im Büro: Ein neuer Gast, den sie ablehnen müssen? „Ann, Straßenfeger, Hallo“, sagt sie. Es will nur jemand wissen, ob ein Angehöriger in der Notübernachtung untergekommen ist. Passiert häufiger.
Manchmal stehen auch wütende, besoffene Männer vor der Tür. Schlagen gegen die Glastür. Suchen ihre Frauen, die vor den Schlägen geflohen sind. „Dann hast du hier traumatisierte Frauen und Kinder, weil die Frauenhäuser voll sind – dafür sind wir eigentlich nicht ausgebildet hier“, erzählt Ann.
22 Uhr. Es ist ruhig geworden in der Notübernachtung. Die meisten haben sich in ihre Zimmer zurückgezogen. Im kleinen Büro surrt der Ventilator. Die Sonne ist untergegangen, die Hitze drückt weiter. Es klopft. Der 14-jährige Aseosa steckt seinen Kopf durch die Tür. In gebrochenem Englisch fragt er, ob es hier sicher sei, dass Fenster zu öffnen. Seine Mutter kann nicht schlafen – die Hitze. „Klar, mach es auf“, sagt Ann. Er nickt und verschwindet wieder. Ann schüttelt den Kopf. „Siehst du, das ist ein ganz normaler Junge in der Pubertät.“ Der müsste eigentlich andere Sorgen haben: Fußball spielen, Mädchen, so was. Das geht ihr nah, diese Normalität. Eine Normalität, die immer mehr Familien betrifft.
Der Senat will 70 zusätzliche Betten für Familien schaffen
Der Berliner Senat will deshalb mehr Plätze schaffen. 100 Betten für Familien sind vorgesehen, bislang gibt es erst 30. „Ob die Zahl nach oben korrigiert werden muss, bleibt festzustellen“, sagt eine Sprecherin der Sozialverwaltung. Mara Fischer würde ihre Notübernachtung gern ausbauen, würde gern 35 zusätzliche Plätze für Familien schaffen in einem Nachbargebäude. „Der Vermieter ist einverstanden damit, nur die Finanzierung ist noch nicht geklärt.“ Erst im Oktober wird darüber entschieden werden, eine halbe Million Euro ist bei der Deutschen Kassenlotterie Berlin beantragt. Geld vom Senat gibt es wohl nicht.
Selbst wenn es klappt: Für Josephine, Aseosa und das Ungeborene wird es zu spät sein. Am Telefon erwischt man Mara Fischer einige Tage nach dem Besuch in der Unterkunft. „Die Familie ist immer noch bei uns, wir suchen händeringend nach einer Lösung“, sagt sie. Die einzige größere Berliner Familienunterkunft an der Wrangelstraße hat zur Zeit keine Betten frei.
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