Baustellen-Besuch

Diese Neubauprojekte entstehen an der Spree

Zwischen Hansaviertel und Mierendorffinsel entstehen neue Wohnungen und Bürogebäude. Ein Besuch auf den Baustellen.

Gebäudeensemble an der Bachstraße in Berlin-Mitte: Oasis Berlin

Gebäudeensemble an der Bachstraße in Berlin-Mitte: Oasis Berlin

Foto: B&L Gruppe

Berlin. Ratternd und ruckelnd setzt sich der Bauaufzug in Bewegung, knapp drei Minuten dauert es, bis er in knapp 50 Meter Höhe angekommen ist. Vom obersten, 15. Stockwerk des im Bau befindlichen Wohnturmes an der Ecke Altonaer Straße und Bachstraße eröffnet sich ein atemberaubender Panoramablick. Zu Füßen des Turmes glitzert das blaue Band der Spree, zum Greifen nah erscheinen die benachbarten Hochhäuser des Hansaviertels, das sattgrüne Blätterdach der Bäume im Tiergarten umringt die „Goldelse“, die Viktoria auf der Siegessäule, die ihren Lorbeerkranz stolz in den Berliner Himmel reckt.

Roxane Ulmer darf diesen Ausblick beinahe jeden Tag genießen. „Ich kann mich an diesem Anblick gar nicht sattsehen“, sagt die schwindelfreie 29-Jährige und blickt aus der außen am Rohbau emporschwebenden Gondel.

Oasis-Turm

Roxane Ulmer ist Projektsteuerin des auf den Namen „Oasis“ getauften Wohnprojekts, das an einem Ort entsteht, den viele Berliner bislang so gut wie gar nicht wahrgenommen haben. Und das, obwohl er doch mitten in der Stadt liegt, nur einen Steinwurf vom U-Bahnhof Hansaplatz entfernt und ebenfalls fußläufig zum S-Bahnhof Tiergarten. Selbst Berliner, die mit der Stadtbahn jeden Tag an der Baustelle vorbeifahren, haben Mühe, sich daran zu erinnern, was hier eigentlich vorher stand: „Das evangelische Konsistorium, ein von der Kirche nicht mehr benötigtes Verwaltungsgebäude, das bereits im Jahr 2011 abgerissen wurde“, klärt Fabian Klementz von der evangelischen Hilfswerk-Siedlung GmbH auf.

Zusammen mit dem Hamburger Entwickler B&L Real Estate errichtet die Hilfswerk-Siedlung GmbH, das evangelische Wohnungsunternehmen der evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, auf dem ehemaligen Konsistoriumsgelände fünf Gebäude mit insgesamt 170 Wohnungen. 69 davon werden Mietwohnungen im 120 Meter langen Riegelbau entlang der Bachstraße sein, die die Hilfswerk-Siedlung GmbH in ihren Bestand übernimmt. „Der erste Mietinteressent steht bereits seit Dezember 2010 auf unserer Liste, als wir noch gar nicht mit dem Bau begonnen hatten“, sagt Jörn von der Lieth, Geschäftsführer der Hilfswerk-Siedlung GmbH. Und der habe nach wie vor Interesse. „Das zeigt uns, wie interessant unser Wohnprojekt mit bezahlbarem Wohnraum ist“, fügt der Geschäftsführer hinzu.

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Die Mietwohnungen von 33 bis 130 Quadratmeter Größe sollen bedarfsgerecht an Alleinerziehende, Senioren, Alleinstehende und Familien vergeben werden. „Deren Konfession spielt aber keine Rolle“, erklärt Jörn von der Lieth. Wie hoch genau die Miete sein wird, sei noch offen, ergänzt er. Nur für die 13 mietpreisgebundenen Wohnungen steht der monatliche Mietpreis von 8,50 Euro je Quadratmeter schon fest. Fest steht auch das Einzugsdatum: Anfang kommenden Jahres soll der Einzug gefeiert werden.

Die 101 Wohnungen, die im Oasis-Turm und drei sogenannten Stadtvillen, die hinter dem Riegel entstehen, werden dagegen sämtlich Eigentumswohnungen – je höher im Turm, umso teuerer, 5000 bis deutlich über 10.000 Euro je Qua­dratmeter werden aufgerufen. Preise, die offenbar niemanden schrecken: „99 Wohnungen sind bereits verkauft, lediglich zwei sind noch zu haben“, verrät Florian Hamann, vom Unternehmen Grossmann & Berger, das den Oasis-Vertrieb übernommen hat. Die Erwerber stammten hauptsächlich aus der näheren Umgebung, es gebe aber auch einige Kapitalanleger aus dem In- und Ausland, so Hamann weiter.

Bürohaus Huth

Bei Stadtplanern, Projektentwicklern und Politikern hatte das nördliche Charlottenburg an der Grenze zu Moabit lange nur eine untergeordnete Rolle gespielt. Doch nachdem das Regierungsviertel an der Spree beinahe fertig und auch der Abschnitt der Mediaspree zwischen Kreuzberg und Friedrichshain weitgehend „durchentwickelt“ ist, gerät nun der Spreebogen in Charlottenburg ins Visier. Am östlichen Eingang zur sogenannten Spreestadt, dem Gebiet zwischen Landwehrkanal und Spree in Charlottenburg, konnten Passanten und S-Bahn-Kunden seit 1975 an der Brandmauer des Hauses Siegmunds Hof 21 das Wandgemälde „Weltbaum I“ des Aktionskünstlers Ben Wagin sehen. Seit März dieses Jahres jedoch errichtet der Berliner Investor Harald Huth auf dem angrenzenden Grundstück ein Bürohaus, das das Gemälde im Laufe des Baufortschritts zunehmend verdecken wird. Huths HGHI Holding hatte das rund 650-Quadratmeter-Areal an der Bach- Ecke Wegelystraße in der Nähe des S-Bahnhofs Tiergarten im vergangenen Jahr erworben.

Das siebenstöckige, 32 Meter hohe Bürogebäude soll im Sommer 2019 fertig sein. Ganz verzichten muss Berlin auf das Kunstwerk aber nicht: Der Weltbaum II ist mithilfe junger Street-Art-Künstler auf einer Hausfassade an der Lehrter Straße 27–30 in Moabit neu emporgewachsen.

Charlottenburg No. 1

Vom Dach des 50-Meter-Oasis-Turmes aus hat man auch einen hervorragenden Blick auf das nächste große Bauvorhaben an der Biegung der Spree. „Charlottenburg No. 1“, das die meisten Berliner noch gar nicht wahrgenommen haben, weil es zwar ebenfalls mitten in Berlin, aber genau wie das „Oasis-Projekt“ auf einem schon lange nicht mehr genutzten Areal an der Spree entsteht.

Zwei Irinnen, die Schwestern Ann und Denise Cannon, hatten 2007 den richtigen Riecher und erwarben das ehemalige Gelände der Technischen Universität an der Ecke Wegely- und Englische Straße. Gerade rechtzeitig, bevor die Grundstückspreise in Berlin explodierten. Auf dem Areal stand damals noch ein leer stehendes, mit orangefarbenen Kacheln verkleidetes Gebäude, einst das Institut für Keramische Werkstoffe aus den 70er-Jahren. 2016 wurde es abgerissen, um Platz zu schaffen für die neuen Wohnbauten. „Ich glaube, die Leute haben diese Gegend früher einfach übersehen“, sagt Marketingchefin Anne Riney. „Dabei läuft man nur zwei Minuten zum S-Bahnhof Tiergarten, und auch der Bahnhof Zoo ist gleich um die Ecke.“

Weil das Unternehmen Cannon & Cannon die Baugenehmigung bereits 2012 bekam, lange bevor das Berliner Modell der kooperativen Baulandentwicklung bei großen Projekten den Bau von einem mittlerweile 30-prozentigen Anteil von Sozialwohnungen vorschreibt, entstehen hier 272 Eigentumswohnungen, eine Tiefgarage mit 129 Plätzen – und keine einzige Mietwohnung. Die Luxuslage direkt am Wasser – die Preise liegen im Durchschnitt bei 6800 Euro je Quadratmeter, wobei die Penthouse-Wohnungen deutlich teurer sind – soll aber keine „Gated Community“ werden: Ein öffentlicher Uferweg in diesem Abschnitt ist bereits in Planung.

Zu ihren Kunden zählten etwa 50 Prozent internationale und 50 Prozent nationale Erwerber, häufig hätten sie einen Bezug zur nahe gelegenen Technischen Universität, berichtet Anne Riney. Die Arbeiten für das Projekt sind auch auf dieser Baustelle bereits weit fortgeschritten. Die ersten Wohnungen in den zwei unmittelbar am Wasser gelegenen Zehngeschossern und dreizehn Wohnhäusern in der traditionellen Berliner Traufhöhe von 22 Metern sind bereits fertig. Alle Häuser sollen bis Ende dieses Jahres bezogen sein.

The Knee und The Box

Weiter die Spree entlang in Richtung Westen neben der Großbaustelle der beiden Irinnen ist das Bürohaus „The Knee“ ebenfalls schon deutlich in die Höhe gewachsen. Der Bauherr, die ANH-Hausbesitz, hat im Juni 2017 mit den Arbeiten für den Siebengeschosser begonnen, im Herbst 2019 soll der Bau an der Gutenbergstraße 2 fertig sein. Unmittelbar neben „The Knee“ steht „The Box“, 2014 ebenfalls von ANH entwickelt und vom Berliner Architekturbüro AHM entworfen. Das Besondere: Von einer 1969 ursprünglich als Lager- und Produktionsgebäude errichteten zweckmäßigen Kiste mit unverstelltem Spreeblick ließen die mit dem Umbau beauftragten AHM-Architekten nur das Stahlbetonskelett und die Treppenkerne stehen und verkleideten die Fassade mit einem auffälligen großmaschigen Streckmetallgitter.

Auf dem ehemals industriell genutzten 6000 Quadratmeter großen Areal will das Bauherren- und Architektengespann in Zukunft noch drei weitere Gebäude errichten: Ein weiteres Bürogebäude mit dem Arbeitstitel „Spreestudio“ sowie direkt an der Spree einen nach Westen terrassierten Siebengeschosser mit Staffelgeschoss für Wohnungen und Büros sowie einen Dreigeschosser für Wohnungen.

Mercedes-Terminal

Auch in der zweiten Reihe drehen sich die Baukräne. Direkt neben dem KPM-Gelände entlang der Englischen Straße Ecke Wegely­straße wird ein Hotel errichtet. Und auf der anderen Straßenseite, auf den Gelände der Mercedes-Welt zwischen Salzufer und Gutenbergstraße, geht der Autobauer neue Wege. Die Bauaktivitäten für das „zukunftsweisende“ Serviceterminal, so der Konzern auf Nachfrage, haben im Sommer 2017 begonnen, 2020 soll alles fertig sein. Der Clou: Zum vereinbarten Termin wird das Kundenfahrzeug per Kennzeichen-Scan bereits an der Einfahrt erkannt, der Serviceberater informiert und gleichzeitig das Auto über einen 360-Grad-Scan auf Außenschäden überprüft. Über ein visuelles Leitsystem werden die Kunden dann zu einem reservierten Stellplatz im Terminal geleitet, wo sie in einer komfortablen Lounge warten können, während ihr Wagen technisch begutachtet wird.

Bürohaus Gutenbergstraße

Auch neben dem Mercedes-Gelände an der Gutenbergstraße 13 wird gebaut. Ein Bauschild am Baugerüst informiert, dass hier ein Bauherr und Grundstückseigentümer mit Sitz in Freiburg im Breisgau ein siebengeschossiges Bürogebäude mit sanft geschwungener Fassade und Tiefgarage errichtet. Läuft alles wie geplant, soll das Gebäude im November dieses Jahres fertig sein.

Spree-One

Rege Bautätigkeit gibt es auch am Zusammenlauf von Spree und Landwehrkanal. „Spree-One“ nennt die Optima-Aegidius-Firmengruppe ihr Wohnquartier, das derzeit an der Dovestraße 1, direkt neben der Brücke, hochgezogen wird. Im dem Gebäudeensemble, das der Berliner Architekt Tobias Nöfer entworfen hat, entstehen rund 155 Wohnungen, sowie Bü­ros, Lä­den und ei­ne Kin­der­ta­ges­stät­te. „Wir sind dem Standort an der Dovestraße seit über 50 Jahren verbunden“, sagt Unternehmenssprecherin Nina Scherer. „Schon die alten Lagerhallen, in denen das Milchpulver zur Versorgung der Berliner Bevölkerung gelagert wurde, waren seit 1969 in unserem Besitz“, sagt Scherer weiter. 1992 wurden die Lagerhallen abgerissen und durch die 254 Wohnungen der Spreeresidenzen ersetzt.

Auf dem heutigen Areal des Neubauprojektes Spree-One stand der sogenannte „Spreetower“, ein Gebäudekomplex mit einem zehngeschossigen Hochhaus sowie einem Flachbau und Parkdeck. In dem 70er-Jahre-Gebäude waren früher Institute der Technischen Universität Berlin, die Deutsche Bundesbank sowie die Botschaft von Bangladesch untergebracht.

Der Abriss dieses Gebäudes hat 2016 begonnen, seit Anfang 2017 wächst das neue Ensemble nun in die Höhe. Der neue Spreeturm wird erneut ein zehngeschossiges Bürogebäude. Der neue Mieter steht auch schon fest: „Einziehen wird die Daimler Benz AG, die hier über 600 Arbeitsplätze mit innovativen Tochterunternehmen unterbringen wird“, verrät Nina Scherer. In dem der Dove­straße zugewandten Gebäudeteil entsteht im Erdgeschoss ein Edeka-Markt. Darüber werden 155 Wohnungen mit Blick aufs Wasser und auf einen Hochgarten entstehen. Die Wohnungen bleiben im Firmenbesitz und sollen für etwa 15 Euro je Quadratmeter vermietet werden. Ende 2018, spätestens im Frühjahr 2019 soll alles fertig sein.

Goslarer Ufer 1

An der gegenüberliegenden Seite, auf der sogenannten Mierendorff-Insel, am Goslarer Ufer 1, wo die Spree, der Landwehrkanal und der Charlottenburger Verbindungskanal zusammenfließen, ist das Bauvorhaben der Projekt Immobilien schon so gut wie fertig. Die 93 Eigentumswohnungen und eine Tiefgarage mit 76 Plätzen sind nach Auskunft des Bauherren bereits seit Mitte 2016 verkauft. Sie befinden sich in einem Riegelgebäude an der nördlichen Grundstücksgrenze sowie in drei Punkthäusern direkt an der Spree

Der erste Spatenstich auf dem insgesamt 5500 Quadratmeter großen Grundstück, auf dem früher die Strandbar „Playa Paradiso“ beheimatet war, erfolgte bereits im September 2014. In Abstimmung mit dem Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf werden die öffentlichen Grünanlagen und ein Uferweg entlang der Südseite des Ensembles neu angelegt.

WerkBundStadt Berlin

Das größte und spannendste Bauvorhaben an der Spree entsteht ebenfalls auf der Mierendorff-Insel. Ein ganzes Stadtquartier mit 1100 Wohnungen für 3000 Bewohner soll zwischen Darwinstraße, Quedlinburger Straße und Am Spreebord auf einem 28.000 Qua­dratmeter großen Areal entstehen. Noch steht dort ein altes Tanklager mit den charakteristischen runden Öltanks. Bereits 2015 startete der traditionsreiche Deutsche Werkbund, ein Zusammenschluss von Designern, Architekten, Industriellen und Kaufleuten, einen Architektenwettbewerb, um aus dem einstigen Industrieareal ein Quartier mit 33 Häusern zu schaffen, die sich an der typischen Berliner Mischung orientieren: Im Erdgeschoss Geschäfte und Restaurants, in der ersten Etage Büronutzung, darüber die Wohnungen. Zusätzlich geplant sind ein Studentenwohnheim und eine Kita.

Inzwischen haben die Grundstückseigentümer die Federführung bei dem Projekt übernommen, der Werkbund sitzt allerdings noch im Beirat und hat ein Vetorecht. „Schließlich heißt das Vorhaben ja auch nach wie vor noch WerkBundStadt Berlin“, sagt Oliver Schruoffeneger (Grüne), Baustadtrat des Bezirks Charlottenburg-Wilmersdorf. Nach der langen Vorplanungsphase soll es nun zügig weitergehen: „Nach den Sommerferien beginnt die öffentliche Auslegung des Bebauungsplans“, informiert Schruoffeneger.

Normalerweise dauerten Bebauungsplan-Verfahren etwa zwei Jahre, frühestens in der zweiten Jahreshälfte 2020 könne das Bauvorhaben starten. Mit den Investoren wurde bereits ein städtebaulichen Vertrag vorverhandelt, der die Wünsche des Bezirks enthält: Carsharing-Parkplätze in der Tiefgarage, klimaneutrale Energieversorgung sowie 30 Wohn- und Arbeitsplätze für psychisch Kranke. Und auch das Berliner Modell der kooperativen Baulandentwicklung soll zur Anwendung kommen. Dieses sieht seit 2017 vor, dass 30 Prozent der Wohnungen mietpreisgebundene Sozialwohnungen sein müssen.

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