Aufmarsch

Neonazis änderten Route und liefen durch Friedrichshain

Hunderte haben sich gegen Aufmarsch in Spandau gestellt. Die Rechten nahmen daraufhin eine Strecke durch den Berliner Osten.

Recht haben am Platz der Nationen der Welt Aufstellung für ihren Aufmarsch genommen

Recht haben am Platz der Nationen der Welt Aufstellung für ihren Aufmarsch genommen

Foto: Erik Baumgärtel / BM

Berlin. Neonazis, die in Spandau an den Todestag des Hitler-Stellvertreters Rudolf Heß erinnern wollten, haben am Sonnabend die Demonstration kurzfristig abgesagt. Stattdessen demonstrierten die Rechtsextremen in Friedrichshain, wo sie eine alternative Versammlung angemeldet hatten und vom Platz der Nationen der Welt aus Richtung S-Bahnhof Lichtenberg zogen.

Die Polizei verlagerte ihren Einsatzschwerpunkt am Mittag ebenfalls von Spandau nach Friedrichshain. Mehrere Hundert Beamte waren vor Ort. Insgesamt waren nach Behördenangaben rund 2300 Polizisten im Einsatz, um Neonazis und Gegendemonstranten voneinander fernzuhalten und Gewaltausbrüche zu verhindern.

Es kam zu Flaschen- und Steinwürfen

Mehrere Hundert Gegendemonstranten zogen von Spandau in den Osten der Stadt, darunter ein paar Dutzend schwarz gekleidete Linksautonome. Polizisten beobachteten nach Angaben eines Sprechers auch einige vermummte Personen. In Friedrichshain kam es dann im Verlauf der Demonstration zu mehreren Sitzblockaden. Die Polizei löste die Protestaktion unter anderem an der Landsberger Alle und Ecke Mat­thiasstraße auf, indem sie die Menschen wegtrug.

Die Berliner Polizei leitete im Zusammenhang mit den Demonstrationen 45 Ermittlungsverfahren ein. Dabei gehe es um Körperverletzung, Landfriedensbruch, Sachbeschädigung, Verstöße gegen das Versammlungsgesetz und Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte, sagte ein Polizeisprecherin am Sonntag. Tausende Menschen hatten gegen den Aufzug von Friedrichshain nach Lichtenberg protestiert. Dabei kam es auch zu Stein- und Flaschenwürfen. Die Polizei nahm nach eigenen Angaben 29 Menschen vorübergehend fest. 6 Polizisten seien verletzt worden.

Gegendemonstrationen vor allem in Spandau

Der Schwerpunkt der Gegenproteste lag in Spandau. So beteiligten sich bis zu 3000 Menschen am Fest der Demokratie an der Kreuzung Wilhelmstraße, wo früher das Kriegsverbrechergefängnis stand. Weitere Demonstrationen und Kundgebungen gab es am Rathaus und am Bahnhof in Spandau. „Kein Platz für Nazis“ stand auf Luftballons.

Ältere Damen hielten Transparente hoch mit der Aufschrift „Omas gegen Rechts“ oder „Spandau bleibt nazifrei“. Vertreter der SPD und von den Grünen sowie der IG Metall kamen mit Fahnen und Transparenten. Auch Vertreter der CDU waren vor Ort. Eine Gruppe mit Trommeln sorgte für Stimmung bei Passanten. Vor einem Jahr waren zum 30. Todestag von Heß Hunderte Neonazis durch Spandau gezogen. Sie kamen jedoch nicht weit, weil sie durch Blockaden der zahlreichen Gegendemonstranten gestoppt wurden.

Süsskind und Dröge halten Reden gegen Rechts

„Mir reicht es, mir von Neonazis den Terminkalender bestimmen zu lassen“, sagte Lala Süsskind vom Jüdischen Forum für Demokratie und gegen Antisemitismus bei der Kundgebung vor dem Rathaus Spandau. Es sei für sie unverständlich, wie so etwas in Deutschland sein könne. „Die Anständigen stehen heute hier und setzten ein Zeichen gegen rechts“, sagte Süsskind. Sie forderte mehr Programme vom Senat für ein regelmäßigeres Zusammenkommen und einen Austausch der Kulturen.

Deutliche Worte fand auch Berlins evangelischer Landesbischof Markus Dröge. Ausgrenzung, Hass und völkisches Denken seien in keiner Weise vereinbar mit dem christlichen Glauben. „Christen, Juden und Muslime stehen zusammen.“ Wenn Kritik in Hass und Verleugnung umschlage, müsse jeder verantwortungsbewusste Mensch bekennen: „Nie wieder!“, so Dröge.

Gegendemonstranten zogen anschließend friedlich vom Bahnhof Spandau die Klosterstraße herunter. Mit dabei Gruppen aus Bürgerbündnissen, Parteien, und Kirchen. Zur Kundgebung erschienen waren neben den Rednern auch der Bezirksbürgermeister von Spandau Helmut Kleebank und der SPD-Fraktionsvorsitzende im Abgeordnetenhaus Raed Saleh. Die Situation in Spandau sei ruhig gewesen, sagte eine Polizeisprecherin.

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