Verkehr

S-Bahn will Trinker mit "atonaler Musik" vergraulen

Der Fahrgastverband kritisiert die geplante Dauerbeschallung. Die BVG stellte einen ähnlichen Test schnell wieder ein.

Am S-Bahnhof Hermannstraße will die S-Bahn mit Musik gegen Trinker vorgehen (Archiv)

Am S-Bahnhof Hermannstraße will die S-Bahn mit Musik gegen Trinker vorgehen (Archiv)

Foto: picture alliance

Berlin. Die Deutsche Bahn bleibt in Berlin experimentierfreudig. Wer am Bahnhof Hermannstraße in Neukölln in die S-Bahn einsteigen will, wird dort in Kürze mit Musik empfangen. Damit werde die Aufenthaltsqualität verbessert, heißt es offiziell von den Verantwortlichen der Bahn. Das eigentliche Problem sei aber die Trinkerszene. Die unerwünschte Klientel soll nun mit Dauerbeschallung aus dem Bahnhofseingang vergrault werden.

Vorbild ist der Hamburger Hauptbahnhof

Vorbild für die als Pilotversuch deklarierte Aktion ist der Hamburger Hauptbahnhof, wo das mit demselben Ziel schon seit einigen Jahren an einem Ausgang praktiziert wird. Doch während in Hamburg klassische Musik erklingt, ist für den S-Bahnhof Hermannstraße „atonale Musik“ geplant. Für den Test, der voraussichtlich im September beginnt, seien mehrere Tonvarianten vorbereitet, sagte Friedemann Keßler, Berlins oberster Bahnhofsmanager. Der Pilotversuch ist Teil eines neuen Qualitätsprogrammes, mit dem die S-Bahn nicht nur zuverlässiger und pünktlicher, sondern auch kundenfreundlicher werden soll.

Skepsis beim Berliner Fahrgastverband

Dabei wurde auch erkannt, dass viele der 166 Stationen im Netz nicht immer den Vorstellungen der Kunden entsprechen. Kurzfristig sollen daher 17 Bahnhöfe gereinigt und teils neugestaltet werden. Das Unternehmen stellt dafür zusätzlich 5,3 Millionen Euro bereit. Für den S-Bahnhof Hermannstraße, einen der „Fokusbahnhöfe“, sind unter anderem Malerarbeiten, Schmuckfolien an den Aufgängen und eben die Dauerbeschallung mit „atonaler Musik“ vorgesehen. Letzteres stößt beim Berliner Fahrgastverband Igeb auf Skepsis. „Gerade in einer Stadt, die an vielen Stellen laut ist, sollte genau überlegt werden, ob noch eine zusätzliche Lärmquelle geschaffen wird“, sagte Igeb-Sprecher Jens Wieseke der Berliner Morgenpost. Problematisch sei auch, dass alle Fahrgäste einer Musik ausgeliefert sind.

Gerade der öffentliche Nahverkehr sei ein Bereich, der im Interesse aller Kunden „so neutral wie möglich sein sollte“, so Wieseke. Er erinnerte an eine frühere Aktion der Berliner S-Bahn, die vor gut 20 Jahren in Kooperation mit einem Berliner Hörfunksender einen kompletten Zug mit dem laufenden Radioprogramm beschallte. „Das sorgte damals für massive Proteste“, so der Igeb-Vertreter. Er empfiehlt, den Bereich öfter reinigen zu lassen und die durch die Trinker verletzte Hausordnung mit geschulten Mitarbeitern durchzusetzen.

Ein Test am Adenauerplatz wurde bereits eingestellt

Auch die landeseigenen Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) hatten mal versucht, mit Dauerbeschallung Trinker und Bettler zu vergraulen. 2010 wurde dies auf der Zwischenebene des U-Bahnhofs Adenauerplatz getestet. Auch in U-Bahnhöfen ist Musik auf Bahnsteigen nicht erlaubt, damit die Fahrgäste Durchsagen und Warnsignale hören. Der Test mit klassischer Musik wurde nach gut zwei Monaten eingestellt. „Die Musik nervte, aber sie nervte eben alle“, sagte BVG-Sprecherin Petra Reetz. Vor allem die im Bahnhof tätigen Händler waren verärgert.

Trotz solcher Einwände will Keßler an dem Pilotversuch zur Musikbeschallung festhalten. „Wir wollen damit Erfahrungen sammeln. Und wenn es keine guten sind, können wir das auch ändern oder dann ganz einstellen“, sagte er.

Ein anderer Test läuft bereits: Auf der verspätungsanfälligen Stadtbahn werden zwischen Ostkreuz und Hauptbahnhof an einem Großteil der Züge alle Türen automatisch geöffnet, damit das Ein- und Aussteigen schneller geht.

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