Konzertkritik

Britney Spears und das Konzert ohne Gesang

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Nina Kugler
Britney Spears begeisterte am Montagabend die Fans in der Mercedes-Benz-Arena in Berlin (Archiv)

Britney Spears begeisterte am Montagabend die Fans in der Mercedes-Benz-Arena in Berlin (Archiv)

Foto: MAN / picture alliance/Capital Pictures

Der Popstar wird für seine Las-Vegas-Show in der Mercedes-Benz-Arena gefeiert. Doch live singt Britney Spears immer noch nicht.

Berlin. „What happens in Vegas, stays in Vegas“ – so heißt zumindest ein bekannter Spruch. Denn was in der Stadt der Sünde passiert, soll eigentlich niemand erfahren, der nicht selbst dabei war. Das gilt aber nicht für Britney Spears. Die hat nämlich einfach ihre außerordentlich erfolgreiche Las Vegas-Dauer-Show „Piece of me“ mit auf Welttournee genommen. Vier Jahre lang hatte sie knapp 250 von Kritikern und Zuschauern hochgelobte Shows in der Wüstenstadt gespielt. Ihre Fans in der ausverkauften Mercedes-Benz Arena haben dementsprechend ein großes Spektakel erwartet.

Die erste Enttäuschung am Abend kommt aber prompt: Nachdem der Sänger Pitbull dem Publikum eine Dreiviertelstunde eingeheizt hat, dauert es mehr als eine Stunde, ehe Britney Spears ihre Show beginnt. Für eineinhalb Stunden hüpft, tanzt, schwingt die Sängerin über die Bühne der Mercedes- Benz Arena. Formt mit ihren Back-Up-Tänzern eine menschliche Pyramide, lässt sich herumtragen, wälzt sich lasziv über die Bühne, kickt ihre Beine in die Höhe, lässt ihr platinblondes Haar durch die Luft wehen. Eine schnelle, energiegeladene Show mit beeindruckender Tanzperformance – das zumindest liefern Britney Spears Tänzer ab.

Die Pop-Prinzessin, als welche die Sängerin zu Beginn ihrer Karriere gefeiert wurde – manch einer sagte ihr sogar schon nach, sie würde die Nachfolgerin der „Queen of Pop“, Madonna, werden – kann aber nicht mit ihren Tänzern mithalten. Es wirkt, als sei Britney Spears immer mindestens einen Takt zu spät oder zu früh. In ungelenken Bewegungen kraxelt sie über die Bühne. Ihre Show: überfrachtet mit zu vielen Tanzeinlagen, die die Sängerin überfordern.

Konzert wirkt wie ein 90er-Jahre Aerobic-Video

Zu ihrem Song „Do somethin“ bringen ihre Tänzer Stühle mit auf die Bühne. Britney Spears steht auf den Sitzen, lässt sich nach hinten kippen, räkelt sich ein ums andere mal auf ihnen, baut sie übereinander, springt von den gestapelten Stühlen in die Arme eines Tänzers, versteckt sich hinter den Stühlen. Zwischendurch rennt sie immer wieder hektisch auf einen markierten Punkt auf der Bühnenmitte zurück, während sie sich nervös das Haar aus dem Gesicht streift oder an ihrem knappen Glitzeroutfits herum zupft. Das ganze wirkt eher wie ein Aerobic-Video aus den 90er-Jahren und nicht wie ein Konzert, für das Zuschauer viel Geld bezahlt haben.

Eine mittelmäßige Darbietung wie diese kann ein Popstar eigentlich nur durch überzeugenden Gesang ausgleichen. Aber Fehlanzeige! Britney Spears Headset-Mikrofon scheint nur dann zu funktionieren, wenn sie zwischen ihren Welthits wie „… Baby one more time“, „Oops!... I Did It Again“ oder „I’m a Slave 4 U“ ihre Fans atemlos fragt, wie sie sich fühlen oder ob sie Spaß haben. Ansonsten läuft der Gesang vom Band ab. Und nicht mal die Playback-Show ist überzeugend. Lustlos – und auch hier ist Britney Spears nicht im Takt – bewegt sie ihre Lippen zur Musik.

Die Fans scheint Spears schwache Stimme nicht zu stören

Nun ja, die Sängerin war nie für ihre Stimme bekannt – und ihre Berliner Fans scheint es auch nicht weiter zu stören. Sie genießen die Zeitreise durch fast 20 Jahre Spears‘sche Pop-Geschichte. Ihr letztes Album brachte die Sängerin vor zwei Jahren heraus. Und so spielt sie am Montagabend vor allem ihre Klassiker. Manch ein Fan in der ausverkauften Mercedes-Benz Arena wird sich da sicher in seine eigene Kindheit oder Jugend vor 20 Jahren versetzt fühlen.

Dabei ist Britney Spears nicht nur musikalisch eine Ausnahmeerscheinung (welcher Sänger kann schon eine Weltkarriere vorweisen, ohne eine gute Stimme zu haben?). Sie ist auch ein echtes Steh-auf-Männchen. Denn ihre Karriere verlief alles andere als geradlinig. Nach einem fulminanten Karriere-Start und ihrem Nummer eins Album „… Baby one more time“, das 1999 sämtliche Rekorde knackte, folgte bald der Absturz der Pop-Prinzessin der Nullerjahre: Britney Spears hatte öffentlich mehrere Nervenzusammenbrüche, rasierte sich vor laufenden Paparazzi-Kameras ihren Kopf kahl, und es gab freizügige Fotos, als sie ohne Unterwäsche aus einer Limousine stieg.

Eineinhalb Stunden Konzert ziehen sich ziemlich hin

Doch sie kämpfte sich zurück an die Spitze der Charts, hat mittlerweile neun Alben herausgebracht. Sie gehört zu den kommerziell erfolgreichsten Sängerinnen aller Zeiten. Sie hatte eine eigene Show in Las Vegas und bereits 2011, im zarten Alter von 29 Jahren, wurde ihr ein Preis für ihr Lebenswerk überreicht – traditionell eher eine Auszeichnung am Ende einer Karriere.

Trotzdem: Ihrer Berliner Show fehlt der Live-Gesang, das Herzstück sozusagen. Die durchaus unterhaltsamen Tanzeinlagen trösten darüber auch nicht hinweg und eineinhalb Stunden Konzert ziehen sich eine gefühlte Ewigkeit in die Länge. Die Fans haben dennoch nach jedem Lied applaudiert. Sie haben die Zeitreise genossen.

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