Familiennachzug

Familie Malas und das lange Warten

Seit August dürfen syrische Flüchtlinge ihre Familien nachholen. Mohamad Malas wartet seit Jahren in Berlin auf seine Frau.

Mohamad Malas protestiert vor dem Auswärtigen Amt gegen die neuen Regeln für Familiennachzug

Mohamad Malas protestiert vor dem Auswärtigen Amt gegen die neuen Regeln für Familiennachzug

Foto: Martin Nejezchleba

Berlin. Es sind die kleinen Lücken, die Mohamad Malas Angst machen. Da ist die Hand seiner Frau. Er kann sich nicht mehr an sie erinnern, wie sie aussieht, wie sie sich anfühlt. Die Frau, die er liebt und der er vor seiner Flucht aus Syrien das Versprechen auf ein Wiedersehen gab, sie schwindet. Erst die Hand, dann ihr Duft, heute, rund 34 Monate nach dem Abschied, sagt er: „Ich weiß gar nicht, ob ich sie noch wiedererkennen würde.“

Malas ist 33 Jahre alt, ein kräftiger Mann mit schüchternem Lächeln, er mag Metallica, er mag das Leben. Aber fragt man ihn, wie es wohl sein wird, wenn er seine Frau wiedersieht, dann sackt er in sich zusammen, wie ein großer Ballon, aus dem langsam die Luft gelassen wird.

Dabei sind dies Tage der Hoffnung. Seit Anfang August darf die Kernfamilie von subsidiär Schutzberechtigten nachziehen, Menschen mit eingeschränktem Asylschutz, Menschen wie Mohamad Malas. Ein neues Gesetz macht es möglich. Malas kann es akzentfrei aussprechen, in Rekordtempo: Familiennachzugsneuregelungsgesetz.

Das Asylpaket II hat den Familiennachzug für Menschen wie Malas im März 2016 ausgesetzt. Das neue Gesetz ermöglicht den Familiennachzug nun wieder. Für 1000 Antragsteller im Monat. Laut Angaben des Auswärtigen Amts liegen derzeit rund 34.000 Terminanfragen für Anträge auf Familienzusammenführung vor. Flüchtlingsorganisationen gehen davon aus, dass an die 50.000 zusammenkommen könnten.

Eine offizielle Einschätzung gibt es dazu nicht. Einen Rechtsanspruch auf Familienzusammenführung für subsidiär Schutzberechtigte auch nicht. Fest steht: Es kann noch Jahre dauern, bis Mohamed Malas seine Frau wieder sieht. Darum steht er heute vor dem Auswärtigen Amt am Werderschen Markt, ein Pappschild in der Hand, ein Mikrofon vor dem Mund, rattert die Erklärung der Organisation „Familienleben für Alle“ herunter, spricht von Artikel 6, Grundgesetz, dem Grundrecht auf Ehe- und Familienleben, von Artikel 19, der Unantastbarkeit der Grundrechte, von einem Wettbewerb um Asylschutz, von Willkür, Wut, Enttäuschung, vom Recht auf Familienasyl.

Stimmen wie die von Malas scheinen inzwischen zu leise

Eine Gruppe japanischer Touristen reckt die Köpfe unter ihren Sonnenschirmen, es sind 30 Grad, Autos rauschen, der Asphalt flimmert. Keiner klatscht. Keiner buht. Hätte er vor drei Jahren protestiert, es wären vielleicht Hunderte Unterstützer gekommen. Aber in diesen drei Jahren ist viel passiert. Silvester in Köln, Anis Amri, Kandel, der Mordfall Susanna. Die AfD ist drittstärkste Kraft im Bundestag. Und statt über ein Einwanderungsgesetz zu diskutieren, stritt sich die Bundesregierung wochenlang über die Frage, ob man Asylbewerber an der Grenze abweisen darf.

Die Debatte ist schriller geworden, Stimmen wie die von Mohamad Malas scheinen zu leise für das Jahr 2018. Das neue Gesetz gilt als erfolgreicher GroKo­-Kompromiss. Die Union konnte es als Zugeständnis an lediglich geduldete Schutzbedürftige verkaufen. Die SPD es als nötiges Übel. Die Grünen und diverse Wohlfahrtsverbände kritisieren es als inhuman.

Zwölf Menschen haben sich zur Demo gegen den eingeschränkten Familiennachzug versammelt. Da ist Nezar Alawar (38) er lernt gerade für seine Deutschprüfung. Seine dreijährige Tochter hat er nur einmal, kurz nach ihrer Geburt gesehen. Da ist Ali Al-Mardoud (56) seine Frau und drei Kinder sitzen in der Türkei fest. Heute ist der 18. Geburtstag seiner ältesten Tochter.

Und da ist Dorthea Lindberg, Mitgründerin der Initiative. Sie sagt. Viele Geflüchtete würden denken: Jetzt ist es endlich so weit. Und viele würden enttäuscht: „Wir fordern, dass dieses Gesetz abgeschafft wird. Und wenn nicht, dann soll es wenigstens transparent umgesetzt werden.“ Denn was die Aktivisten außer langen Wartezeiten noch fürchten: behördliche Willkür. Am Ende könne es an einzelnen Sachbearbeitern liegen, ob jemand in der monatlichen Gewichtung der Antragsteller auf Platz 1000 oder 1001 landet.

Beim Antrag auf Familiennachzug handelt es sich um ein Visaverfahren. Das wird durch die Auslandsvertretungen in Jordanien, Libanon, Irak und der Türkei durchgeführt, beteiligt ist das Innenministerium, das Außenamt und das Bundesverwaltungsamt. Unterstützt werden sie durch die Internationale Organisation für Migration IOM. Geprüft wird in den Herkunftsländern, unvollständige Anträge werden abgelehnt. Positive Bescheide werden in Deutschland erneut geprüft.

300 Seiten Papier für den Antrag

Malas’ Frau ist gerade dabei, die Dokumente für den Antrag zu sammeln, das hat sie morgens auf Whatsapp geschrieben. Reisedokumente, Geburtsdokumente, Heiratsurkunde, Familienregisterauszug, Asyldokumente, Aufenthaltsbewilligung. Malas sagt, in dreifacher Sprachausführung und Originalen komme das auf 300 Seiten Papier. „Meine Frau wiegt 44 Kilo“ sagt Malas, der Papierstapel sei bald schwerer als sie. Es ist ein Witz. Aber Malas lacht nicht. Wie seine Frau heißt, soll nicht in der Zeitung stehen. Trotzdem soll sie hier einen Namen haben: Lemis. Sie lebt in einer jener Regionen, in der Rebellen und das Assad-Regime sich noch bekämpfen. Zweihundert Meter vom Haus ihrer Eltern, wo Lemis seit Mohamads Flucht lebt, sei eine Militärbasis, von dessen Dach hin und wieder Schüssen fallen.

Letztens haben sie einen Videoanruf über Whatsapp geführt. Und haben geweint. Sie sei von anderen Männern angefasst, sexuell belästigt worden. „Und ich kann sie nicht umarmen“, sagt Mohamad. „Es ist meine Schuld.“ Dass Malas gut integriert ist, könnte ihm beim Antrag auf Familiennachzug helfen. So steht es in Paragraf 36a des Aufenthaltsgesetzes. Es sind die Ermessensregeln, nach denen Beamte entscheiden. Aber dort steht auch, prioritär seien humanitäre Gründe: lange Trennung, Kinder, ernsthafte Gefährdung für Leib und Leben, schwerwiegende Erkrankungen. Schlechte Karten für Familie Malas. Lemis hat ein wenig Deutsch gelernt. Schwimmen kann sie noch immer nicht. Mohamad Malas sagt: Ich will sie holen, irgendwie.

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