Neuköllns Jugendstadtrat

"Wir müssen die Kinder aus den Clan-Familien rausnehmen"

Falko Liecke ist Jugendstadtrat in Neukölln. Er fordert, ein berlinweites Vorgehen gegen Clans. Die Kinder müssten geschützt werden.

Falko Liecke (CDU) ist Jugendstadtrat von Neukölln

Falko Liecke (CDU) ist Jugendstadtrat von Neukölln

Foto: CDU

Berlin. Der Blick in die Welt der Clans ist schwierig. In einer gemeinsamen Recherche der Berliner Morgenpost mit dem ARD-Politikmagazin „Kontraste“ vom Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) hat ein Team von Reportern einen tiefen Einblick in die Aktivitäten der kriminellen Großfamilien in Berlin bekommen. Ein Schwerpunkt: Neukölln. Nach dem Verständnis der Clans ist das einzige Recht, was zählt, dass der Familie - schon bei den Kindern.

Falko Liecke (CDU) ist Jugendstadtrat in Neukölln. Er kennt die Arbeit mit dem Nachwuchs der Clan-Familien seit vielen Jahren. Nach dem Schlag gegen die Familie R. vor knapp zwei Wochen, fordert er nun weitere Maßnahmen, um stärker auf den Nachwuchs der Großfamilien einzuwirken. Im Interview mit Julius Betschka erklärt der CDU-Politiker, was Berlin tun müsste.

Berliner Morgenpost: Herr Liecke, wie schätzen Sie die Situation der kriminellen Großfamilien in Neukölln momentan ein?

Falko Liecke: Die Beschlagnahmungen bei der Familie R. vor knapp zwei Wochen waren ein schwerer Schlag. Soweit ich das sehe, sind die Familien in Aufruhr. Als Jugendstadtrat fällt mir aber auf: Egal, was wir bislang getan haben, die Kinder der kriminellen Clans werden weiter reihenweise straffällig. Wir schicken schon gar keine Sozialarbeiter mehr in die Familien, weil es nichts bringt. Die schwören einem ins Gesicht, dass sie nie wieder etwas tun. Und sobald man sich umdreht, werden sie wieder straffällig.

Was wollen Sie denn mit den jungen Intensivtätern aus den Clans machen? Viele sind nicht mal strafmündig.

Das ist in der Tat ein Problem. Viele sind nicht einmal 14 Jahre alt. Alles was wir machen können, ist Sozialpädagogik. Wir müssen deshalb darüber nachdenken, Jugendliche langfristig aus den Familien rauszunehmen. Das ist nicht ganz einfach und sehr teuer, weil die Kinder ziemlich betreuungsintensiv sind. Wir haben das in einem Fall mal gemacht für ein Vierteljahr. Das hat aber nicht gereicht. Der Junge ist sofort straffällig geworden, als er wieder zur Familie kam. Es geht also um wirklich langfristige Lösungen. Da müssen auch die Familienrichter mitmachen.

Sie wollen also nicht nur ans Vermögen, sondern auch an den Nachwuchs der kriminellen Familien heran?

Ja, und dazu brauchen wir eine viel bessere Vernetzung aller Behörden. Polizei, Jugendämter, Sozialämter und auch das Grundbuchamt müssen enger zusammenarbeiten. Bei uns im Bezirksamt Neukölln haben wir eine Sonderarbeitsgruppe für Kinder- und Jugendkriminalität. Die arbeitet in ganz enger Abstimmung und diskutiert, wie man an die Täter und ihre Familien herankommt. So eine Struktur brauchen wir in ganz Berlin. Die Großfamilien enden ja nicht an den Bezirksgrenzen, sondern haben sich in der ganzen Stadt ausgebreitet. Also müssen auch die verschiedenen Bezirksämter enger zusammenarbeiten.

Wie soll das gehen?

Ich fordere eine berlinweite Task-Force „Clankriminalität“, die das koordiniert. Mit den Staatsanwälten vor Ort haben wir in Neukölln ein weiteres sinnvolles Projekt. Die Anwälte sind so viel besser mit Schulen, Polizei und Jugendämtern im Bezirk vernetzt. Es kann nicht sein, dass so etwas immer nur bei uns im Bezirk getestet wird. Wir brauchen auch das für ganz Berlin. Das könnte ein weiterer Teil eines berlinweiten Konzeptes gegen die kriminellen Clans sein.

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