Obdachlosigkeit

Immer mehr Familien mit Kleinkindern sitzen auf der Straße

Der Verein Strassenfeger e.V. schlägt Alarm: Er muss immer wieder Familien abweisen. Das Berliner Hilfesystem ist überlastet.

Eine obdachlose Frau sitzt mit ihrem Schlafsack in einer Tagesstätte (Symbolbild)

Eine obdachlose Frau sitzt mit ihrem Schlafsack in einer Tagesstätte (Symbolbild)

Foto: dpa

Die Wohnungsnot in Berlin hat immer dramatischere Folgen. Weil Familien selbst mit Säuglingen ihre Wohnung verlieren, schlägt nun der Verein Strassenfeger e. V. Alarm.

31 Plätze hat die Notübernachtung des Vereins in der Storkower Straße. Ein Zimmer halten sie extra für Familien mit Kindern frei, doch das reicht kaum noch. „Wir müssen immer häufiger Familien wegschicken“, sagt Tanja Schmidt, stellvertretende Leiterin der Unterkunft. Bei einem Termin mit Staatssekretär Stefan Zierke (SPD) aus dem Bundesfamilienministerium schildert sie, wie das Berliner Hilfesystem zunehmend an seine Grenzen stößt und damit auch der Verein.

Selbst Mütter, die arbeiten, leben auf der Straße

„Die obdachlosen Familien kommen mittlerweile aus allen Schichten“, sagt Schmidt. Selbst Mütter, die arbeiten, leben heute so prekär, dass sie teilweise mit Säuglingen aus ihren Wohnungen geworfen werden. Jede Woche müsse sie vier, fünf Familien wegschicken, erklärt die energische Frau. „Solche Ausmaße gab es früher nicht in Berlin und dieses Jahr hat sich die Wohnsituation anscheinend noch mal verschlimmert“, sagt sie dem Staatssekretär, der ihr aufmerksam zuhört. Etwa 30.000 Wohnungslose gäbe es derzeit in Berlin – 22 Prozent davon seien Familien.

Die Arbeiterwohlfahrt schätzt, dass etwa 7000 Kinder in Berlin wohnungslos sind. „Dazu kommen noch viele Sinti und Roma, die in keinem Hilfesystem auftauchen“ ergänzt Schmidt. Verzweifelte Jugendamtsmitarbeiterinnen würden sie anrufen, ob sie irgendwie Familien unterbringen können. „Dabei soll es eigentlich andersherum laufen: Wir sind die Erstaufnahme und vermitteln dann in das Regelsystem.“

Strassenfeger e.V. will mehr Plätze schaffen

Mara Fischer, Vorstandsvorsitzende von Strassenfeger e. V. ergänzt: „Uns fehlt es an Personal.“ Sie müsse mit nur viereinhalb Vollzeitkräften und Ehrenamtlichen auskommen. Dabei arbeiten allein jede Nacht zwei Mitarbeiter in der Notübernachtung – „aus Sicherheitsgründen darf niemand allein arbeiten“, erklärt sie.

Um sich noch stärker auf die Arbeit in der Notübernachtung konzentrieren zu können, hatte der Verein im Juni sogar die traditionsreiche Obdachlosenzeitung „Strassenfeger“ eingestellt. Nun sind Kapazitäten frei, um das Schlafangebot auszubauen: „Wir wollen 35 zusätzliche Plätze für Familien schaffen“, sagt Fischer. „Die braucht Berlin dringend.“ Hundert Plätze für Familien hat der Senat im Koalitionsvertrag festgeschrieben. Bislang existieren nur 30. „Wir würden die Zahl also verdoppeln.“ Bewilligt ist das aber noch nicht, erst im September wird entschieden.

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