Ermittlungsverfahren

Billigte die Polizei den Rockermord? LKA in Erklärungsnot

Die Gefährdung des Mordopfers Tahir Ö. wurde von der Polizei vor den tödlichen Schüssen herabgestuft. Warum das geschah, ist ungeklärt.

Polizeibeamte untersuchen den Tatort, ein Wettbüro in Reinickendorf, nach dem Mord an Tahir Ö. (Archivbild)

Polizeibeamte untersuchen den Tatort, ein Wettbüro in Reinickendorf, nach dem Mord an Tahir Ö. (Archivbild)

Foto: Maurizio Gambarini / dpa

Berlin. Eine simple Skala von 1 bis 8 hat womöglich das Schicksal von Tahir Ö., dem Opfer im Rockermordprozess besiegelt. Mit einer solchen Skala wird im Berliner Landeskriminalamt (LKA) das Ausmaß der Bedrohung für tatsächlich oder vermeintlich gefährdete Personen festgelegt. Wochenlang wurde Ö. mit Stufe 2 (Gefährdung sehr wahrscheinlich) bewertet, kurz vor dem Mord erfolgte dann seine Herabstufung auf Stufe 5 (Gefährdung eher unwahrscheinlich).

Wer wann und warum diese Herabstufung veranlasste, auch diese Frage muss in dem Ermittlungsverfahren geklärt werden, das die Staatsanwaltschaft voraussichtlich in den nächsten Tagen einleitet. Die Einschätzung des Vorsitzenden Richters in dem Prozess, wonach LKA-Beamte womöglich den Mord an dem 26-Jährigen bewusst in Kauf nahmen, lässt im Grunde keine andere Möglichkeit zu.

Und es ist bei Weitem nicht die einzige offene Frage. Es geht auch um widersprüchliche Aussagen von Beamten, womöglich lückenhaft geführte Akten, auf die Ermittler wartet in dem Verfahren zweifelsohne viel Arbeit. Im Fokus stehen bislang vor allem Beamte eines Fachkommissariats in der Abteilung Organisierte Kriminalität. Offen ist allerdings, wie weit vorgesetzte Dezernats- und Abteilungsleiter bis hinauf zu LKA-Chef Christian Steiof in der Verantwortung standen.

Steiof selbst etwa hatte sich bei einer Pressekonferenz kurz nach dem spektakulären Mord in dem Reinickendorfer Wettbüro zu der Frage geäußert, ob das LKA die Möglichkeit gehabt hätte, das Opfer vor einem Mordanschlag zu warnen. Seine Antwort: Nein, Ö. sei für die OK-Ermittler nicht greifbar gewesen, er soll sich im Ausland aufgehalten haben. Später dann stellte sich heraus, dass der 26-Jährige sich wieder in Berlin aufhielt und das LKA davon wusste.

Berlins Generalstaatsanwältin Margarete Koppers, bis Anfang des Jahres Vizepräsidentin der Berliner Polizei, fordert eine „rückhaltlose Aufklärung“ der Vorwürfe, wie der Tagesspiegel berichtet. Dafür sei ein Sonderermittler eingesetzt worden. Gegen drei Beamte werde ermittelt, so Koppers. In dem Fall sei „sehr viel schief gelaufen", zitiert sie die Zeitung.

Hat das Mordopfer mehrfach Warnungen ignoriert?

Die Information über den Aufenthaltsort erhielt die zuständige OK-Fachdienststelle von einem V-Mann und durch abgehörte Telefonate der Rocker. Auch über die gab es zeitweilig widersprüchliche Aussagen. Mal hieß es, die Abhörprotokolle lägen vor, seien aber noch nicht übersetzt worden, dann wieder, die Übersetzung habe zum Zeitpunkt des Mordes bereits vorgelegen. Zehn der elf Angeklagten im Rockermordprozess gehören den „Hells Angels“ an, die meisten sind türkischer oder arabischer Herkunft.

Auch der Vorwurf, das spätere Opfer sei bewusst nicht vor der ihm drohenden Gefahr gewarnt worden, um gegen die „Hells Angels“, allen voran Rockerboss Kadir P. wegen eines Schwerverbrechens vorgehen zu könne, ist noch keinesfalls belegt. Nach Informationen der Berliner Morgenpost soll Tahir Ö. von den Beamten zumindest einmal angesprochen worden sein, allerdings eher in allgemeiner Art.

Diese Information deckt sich zumindest mit den Angaben eines mit OK-Ermittlungen vertrauten Staatsanwalts, wonach Ö. Warnungen von verschiedenen Seiten regelmäßig ignoriert haben soll. „Ich habe keine Angst vor denen, die sollen ruhig kommen, ich mach’ die alle platt“, soll eine typische Reaktion des 26-Jährigen gewesen sein. Bis dann tatsächlich ein Dutzend Rocker in das Wettbüro marschierte und der Erste in der Reihe mehrere Schüsse auf Ö. abgab.

Genaue Auskunft über die den Ermittlern vorliegenden Erkenntnisse zu einem geplanten Mord und die entsprechende Reaktion der Beamten hätte sicherlich eine Beamtin geben können, die für die Auswertung der Abhörprotokolle zuständig war. Doch die 44-Jährige machte als Zeugin im Prozess von ihrem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch, da sie sich ansonsten womöglich selbst belasten könnte. LKA-Chef Steiof hatte bei seiner Zeugenbefragung erklärt, er sei „lückenhaft informiert“ worden. Manche Vorgänge seien in den Akten „nicht feststellbar dokumentiert“ und eine kontinuierliche Bewertung der Gefährdungslage für Ö. habe es auch nicht gegeben.

BDK Berlin warnt vor Vorverurteilungen

Nicht nur Politiker fordern eine lückenlose Aufklärung, sondern auch Daniel Kretzschmar, Landesvorsitzender im Bund Deutscher Kriminalbeamter (BDK). Die sei schon deshalb nötig, um Vorverurteilungen und pauschalen Angriffen gegen die Polizei insgesamt entgegenzuwirken, sagte Kretzschmar am Sonntag. Dass Kripo-Beamte um des Ermittlungserfolges willen bewusst den Tod eines Menschen in Kauf nähmen, läge derzeit noch außerhalb seines Vorstellungsvermögens.

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