Wettbüro-Mord

Rocker-Mord hingenommen: Vorwürfe gegen Polizei schon 2014

Unklar ist bis heute, wie es um den Schutz des späteren Mordopfers Tahir Ö. stand. Fahnder der Dienststelle schweigen vor Gericht.

Polizeibeamte untersuchen den Tatort, ein Wettbüro in Reinickendorf, nach dem Mord an Tahir Ö. (Archivbild 2014)

Polizeibeamte untersuchen den Tatort, ein Wettbüro in Reinickendorf, nach dem Mord an Tahir Ö. (Archivbild 2014)

Foto: Maurizio Gambarini / dpa

Schadensbegrenzung ist bei der Berliner Polizei oberstes Gebot, seit ein Richter am Freitag den Verdacht äußerte, Beamte hätten bewusst den Tod eines Menschen in Kauf genommen, um dann gegen den oder die Täter vorgehen zu können. Die Ermittlungen in der Sache würden von der Polizei einschließlich der Behördenleitung und der Leitung des Landeskriminalamts „selbstverständlich vollumfänglich unterstützt“, versicherte Polizeisprecher Thomas Neuendorf.

Das wäre in der Sache immerhin schon ein Fortschritt. Denn der mit dem Rockermord beschäftigten Schwurgerichtskammer ist das bislang noch nicht so ganz gelungen. Ende vergangenen Jahres mussten etliche an dem Fall beteiligte Beamte als Zeugen aussagen. Doch die meisten machten von ihrem Recht Gebrauch, die Aussage zu verweigern, um sich nicht selbst zu belasten. Gegen die Beamten hatte es zuvor bereits ein Disziplinarverfahren gegeben, das allerdings ergebnislos endete.

Konsequenzen seien dennoch gezogen worden, sagte Neuendorf am Sonnabend. So wurden bereits 2014 mehrere beteiligte Beamte von der Dienststelle für organisierte Kriminalität (OK) in andere Bereiche der Behörde versetzt. Außerdem, so Neuendorf, seien als Konsequenz aus den schon damals geäußerten Verdachtsmomenten gegen die Beamten Strukturen und Arbeits­abläufe im LKA verbessert worden, um den Schutz gefährdeter Personen weiter zu erhöhen.

Politiker fordern schnelle und umfassende Aufklärung

Unklar ist bis heute, wie es um den Schutz des späteren Mordopfers Tahir Ö. stand. Der Berliner „Hells Angels“-Boss Kadir P. soll nach Ansicht der Staatsanwaltschaft telefonisch den Mordauftrag gegeben haben, als Racheakt für eine Messerattacke auf zwei „Hells Angels“-Mitglieder, an der auch Ö. beteiligt gewesen sein soll. Die Telefone der führenden „Höllenengel“ wurden damals von den OK-Ermittlern abgehört. Unterschiedliche Angaben gibt es darüber, ob es tatsächlich einen Mordauftrag gab oder nur die Aufforderung, Tahir Ö. einen „Denkzettel zu verpassen“.

Widersprüchliche Erkenntnisse liegen auch in der Frage vor, ob das Opfer auf eine mögliche Bedrohung hingewiesen wurde oder nicht. Und ob diese Hinweise nach damaliger Überzeugung der Beamten ausreichten. Die abschließende Bewertung dieser Fragen durch die Staatsanwaltschaft wird in dem wohl unumgänglichen Ermittlungsverfahren gegen die Beamten eine entscheidende Rolle spielen.

Fassungslosigkeit über die Vorwürfe herrschte nicht nur bei der Polizei, sondern auch bei Politikern. Die Vorwürfe wirkten schwer, eine schnelle und umfassende Aufklärung sei zwingend erforderlich, sagte Tom Schreiber, Innen­experte der SPD, der Berliner Morgenpost. Schreiber fordert zudem „knallharte personelle Konsequenzen“, ausdrücklich auch für die Verantwortlichen in Leitungspositionen. „Die Justiz muss jetzt ihren Job machen und zwar ohne jegliche politische Beeinflussung“, sagte CDU-Fraktionschef Burkhard Dregger. Zugleich verwies er auf die Unschuldsvermutung, die bis zum Beweis des Gegenteils auch für Polizeibeamte gelte: „Das verdienen die vielen Beamten, die korrekt und engagiert gegen das organisierte Verbrechen kämpfen.“

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