Positiver Ausnahmezustand

Ein Berliner Sommer wie ein endloser heißer Tag

Seit vier Monaten befindet sich Berlin im positiven Ausnahmezustand – Zeit, sich einfach mal über den Super-Sommer zu freuen.

Sonnenuntergang über der Spree mit „Molecular Men“

Sonnenuntergang über der Spree mit „Molecular Men“

Foto: FABRIZIO BENSCH / REUTERS

Berlin. Wenn alles gut geht, wird man sich an diesen Sommer erinnern als einen einzigen, endlosen heißen Tag. Einen Tag, der im April anfing und im August noch nicht endete. An dem Kindheitserinnerungen, schöne Urlaubsmomente und Sommertag-Träume zusammenflossen und Wirklichkeit wurden – in Berlin.

Erinnern Sie sich? Noch am 1. April fiel in Berlin Schnee. Der Winter war so lang kalt und grau, dass man die Sonne fast vergessen hatte. Nur wenige Tage später saßen die ersten Berliner bei plus elf Grad in Straßencafés. Als die Temperaturen schon am 4. April bei über 20 Grad lagen, hielten das viele noch für einen verspäteten Aprilscherz der Natur. Vielleicht um potenzielle Wettergötter nicht auf die Idee zu bringen, redete aber niemand, wie sonst bei derlei Wetterkapriolen, von einer der Klimakatastrophe. Sondern man genoss die geschenkte Wärme einfach. Der gefühlte Sommer begann dann am 10. April, als es fast 25 Grad warm wurde. Das ist inzwischen fast vier Monate her. Und die Sonne scheint immer noch.

Ja, vielleicht gibt es Regen – aber keine Katastrophe

Vier Monate Sommer! Hätte uns das im März jemand versprochen, wir hätten ihn für verrückt erklärt. Aber kann man diesen Sommer tatsächlich schon loben? Ja – denn die Wärme ist es nicht allein, die diesen Sommer besonders macht. Ja, es ist heiß. Ja, die Bäume und viele Wildtiere sind durstig. Für kranke und schwache Menschen kann die Hitze eine Belastung sein. Die Trockenheit ist schlimm für die Bauern. Und der große Waldbrand dieser Tage im Süden Berlins hat vorgeführt, wie schnell aus kiefernduftendem Sommerglück eine Katastrophe werden kann. Für Berlin hat die Senatsumweltverwaltung das Rauchen und Grillen in den Berliner Wäldern untersagt und dieses Verbot jetzt auch für Badestellen in Waldnähe ausgeweitet. Eine tragische Folge des schönen Wetters ist auch, dass in Berlin dieses Jahr bereits sieben Menschen ertranken, vier mehr als im Vorjahreszeitraum, wie die DLRG meldet. Der frühe Sommer habe deutschlandweit zu einem Anstieg tödlicher Badeunfälle geführt.

Und dennoch: Dieser Sommer ist etwas Besonderes, denn all diese Nachrichten lösen nicht die Aufregung aus wie sonst oft. Ist Sonne gefährlich? Wird die Hitze Berlin lahmlegen? Und, wenn, wie am heutigen Sonnabend, Gewitter angekündigt sind: Wird es „Starkregen“ geben, und wenn ja: Ist er eine Naturkatastrophe oder menschengemacht? Bisher blieben all diese Diskussionen aus. Nicht mal Problemtiere gab es bisher, die wie Problembär Bruno 2006 oder Problemkuh Yvonne 2011 das Sommerloch füllen. Die aktuelle Lesart des Berliner Wetters geht so: 50 Prozent Regenwahrscheinlichkeit bedeuten, dass es zu 50 Prozent nicht regnet. Außerdem täte Regen der Natur gut. Und auf Regen folgt Sonnenschein. Denn auch das sagt der Wetterbericht für die nächsten Tage voraus. Es bleibt warm.

Nein, liebe verreiste Berliner, wir sind nicht neidisch auf Eure Bilder von türkisgrünen Buchten und Sonnenuntergängen, die Ihr in den sozialen Netzwerken postet. Sondern wir posten einfach zurück. Blutroter Sonnenuntergang über der Spree? Träge Sommertage im Schatten am See? Glückliche Kinder im Brunnen im Lustgarten? Bitte sehr!

Wenn es noch Postkarten gäbe, würden wir Euch aus der Heimat in die Ferne dieses berichten: Bei uns in Berlin gibt es jetzt freie Plätze am See und in Biergärten. Selbst das Auto kann man momentan ganz legal in der Innenstadt parken. Bei 33 Grad am Abend trifft man sich nicht zum Jammern, sondern neuerdings an Straßenrändern und in Hinterhöfen zum gemeinsamen Bäumegießen. Und ja, zwar dauert es in Bussen und U-Bahnen, an Kassen und in Restaurants manchmal länger, weil Touristen Fragen auf Dänisch, Italienisch oder Englisch haben. Dafür mischt sich in den Schweißgeruch der dagebliebenen Sommerarbeiter der Duft von Sonnencreme. Und die Menschen tragen unter den Shorts die Badesachen gleich drunter. Genau wie bei Euch am Meer.

Wenn man dieser Tage aus einem klimagekühlten Geschäft oder Büro auf den heißen Berliner Asphalt tritt, wenn man doch mal eine Brise spürt, ertappt man sich bei dem Gedanken, dass es gar nicht schlimm ist, in den Sommerferien in Berlin geblieben zu sein. Es ist etwas Besonderes. Weil man Teil von etwas Großem ist – einem Sommer, der nicht auf Rekordhitze und Katastrophen aus ist, sondern uns gewissermaßen im Wortsinn auf Körpertemperatur hält. Ganz gelassen. Das einzige, was schwer fällt, ist die Vorstellung, dass dieser Sommer doch irgendwann enden wird.

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