Auftritt beim Berliner CSD

Morddrohungen und Polizeischutz wegen "Allah is gay"-Shirt

Der Ex-Muslim Amed Sherwan wird beim Berliner CSD mit dem T-Shirt laufen, wird deshalb bedroht. Im Gespräch zeigt er sich erschüttert.

Bereits am Dienstag hat der Aktivist dieses Foto auf Facebook gepostet - und erhielt Morddrohungen

Bereits am Dienstag hat der Aktivist dieses Foto auf Facebook gepostet - und erhielt Morddrohungen

Foto: Amed Sherwan

Berlin. Morgen werden Tausende Menschen in Berlin für sexuelle Vielfalt und Toleranz demonstrieren. Zum 40. Mal findet der Christopher Street Day (CSD) in Berlin statt. Auch der Iraker Amed Sherwan, Aktivist und ehemaliger Muslim, wird mitfeiern. Er will ein T-Shirt tragen, das eine provokante Botschaft trägt: „Allah is gay“.

Bereits am Dienstag postete der 19-Jährige ein Foto von sich und dem Shirt bei Facebook und erhält seitdem Morddrohungen - vor allem von muslimischen Nutzern. Einer schrieb ihm wörtlich: "Ich schwöre dir du wirst das nicht überleben du Sohn einer hure". Ein anderer schreibt: " Ich habe kein Problem, wenn du den Islam verlässt, aber du wirst es bereuen, ihn zu beleidigen, gute Nacht." Deshalb bekommt er nun sogar Polizeischutz.

Mit Julius Betschka hat der Aktivist über die Idee hinter der Aktion gesprochen und seine Erschütterung über die extremen Reaktionen. Extremisten will er das Feld auch in Zukunft nicht überlassen.

Berliner Morgenpost: Sie haben anscheinend viele Menschen so provoziert, dass sie Ihnen sogar mit dem Tode drohen - wegen eines simplen Fotos auf Facebook. Wie kamen Sie auf die Aktion?

Amed Sherwan: Ich habe kürzlich Fotos von einer Aktion von Ex-Muslimen auf dem CSD letztes Jahr in London gesehen und gedacht, dass das doch auch hier Deutschland möglich sein muss. Ich kenne viele Schwule – auch aus dem muslimischen Kulturkreis - und ich dachte mir, ich solidarisiere mich einfach mit ihnen. Ich habe ein T-Shirt mit dem Aufdruck “Allah is gay” gemacht und passende Schilder. Das habe ich dann auf Facebook gepostet als Statement für Oriental Diversity. Mir geht es um Offenheit und Toleranz. Ich gehe auf den CSD, um für Offenheit und Toleranz in der muslimischen Community zu werben und mich als Ex-Muslim mit muslimischen und ex-muslimischen LSBTTIQ* zu solidarisieren. Aber auch um der Öffentlichkeit zu zeigen, dass es auch im muslimischen Kulturkreis Vielfalt gibt und nicht nur traditionelle Menschen und religiöse Fanatiker.

Haben Sie mit solchen extremen Reaktionen gerechnet?

Ich habe gewusst, dass der Spruch provoziert, aber dass es so krass wird, habe ich nicht gedacht. Es erschüttert mich irgendwie immer wieder, dass es auch hier in Europa nicht möglich ist, den Islam genau so zu behandeln wie jede andere Religion, ohne sofort Morddrohungen am Hals zu haben. Dabei habe ich den Islam ja gar nicht angegriffen. Im Gegenteil. Gay ist ja kein Schimpfwort. Ich will Muslime damit nicht angreifen, sondern zum Denken anregen. Denn wer an Allah glaubt, muss ja die Logik darin erkennen, dass er die Menschen offensichtlich vielfältig geschaffen hat und deswegen selber auch alles sein kann. Mir geht es ausdrücklich nicht darum, Hass gegen Muslime zu schüren, ich will die Leute aus meinem eigenen Kulturkreis erreichen. Und da muss man manchmal auch Grenzen überschreiten. Das Schlimmste sind nicht die Morddrohungen, sondern dass meine Familie sogar im Irak den Wirbel mitgekriegt hat. Meine Mutter weint am Telefon und erzählt mir, dass ich die ganze Familie in Gefahr bringe.

Haben Sie Angst, morgen auf den CSD zu gehen?

Ich habe schon ein mulmiges Gefühl. Aber ich merke auch, dass Meinungsfreit und persönliche Sicherheit hier in Deutschland ein hohes Gut ist und ich wirklich sehr viel Unterstützung erfahre. Ich hoffe, dass es mir hilft. Und ich hoffe natürlich auch, dass ich damit niemanden in Gefahr bringe.

Warum sind Sie mit 14 Jahren „vom Glauben abgefallen“, wie Sie schreiben?

Ich bin damals auf Facebook über einen islamkritischen Artikel gestolpert. Eine Freundin hatte ihn gepostet mit der Aufforderung, dass man ihn bei Facebook melden soll, weil er gotteslästerlich ist. Ich war damals sehr religiös und habe das ernst genommen, wollte es mir aber auch mal genauer angucken. Und dann konnte ich gar nicht mehr aufhören zu lesen. Es ergab so viel mehr Sinn als das, was ich zu Hause und in der Moschee gelernt hatte. Ich habe mich erst im Geheimen damit beschäftigt und meinen Vater dann damit konfrontiert, dass ich nicht mehr glaube. Er hat mich kurz danach auf Druck der Nachbarn angezeigt. Er dachte wohl, die Polizei könne mich umerziehen. Ich bin inhaftiert und gefoltert worden. Weil ich so jung war, hat das sehr viel Aufsehen erregt und ich war nachher so bekannt als Ex-Muslim, dass ich flüchten musste. Ich lebe seit Ende 2014 in Deutschland und bin hier auch als Flüchtling anerkannt.

Haben Sie eine Botschaft an homosexuelle Muslime?

Das ist sehr schwer. Jede und jeder muss selber wissen, welches Risiko sie auf sich nehmen und ob sie damit leben können, dass die Familie sie vielleicht verstößt. Aber ich denke, es ist wichtig, das wir aus dem muslimischen Kulturkreis, die anders sind, gemeinsam ein Zeichen setzen und auch zeigen, dass es orientalische Vielfalt gibt und dass wir viele sind! Wir dürfen den Extremisten aller Art nicht das Feld überlassen und müssen gemeinsam für Menschenrechte, Freiheit und Toleranz kämpfen!

Vielen Dank für das Gespräch.

© Berliner Morgenpost 2019 – Alle Rechte vorbehalten.