Charité und Vivantes

Berliner Therapeuten kämpfen gegen Outsourcing

Charité und Vivantes lagern die Berufsgruppe aus – zu schlechteren Konditionen. Doch das verschärft den Mangel.

Mark Große und Rebekka Böttger (v.l.) bei einer Protestaktion am Universitätsklinikum Benjamin Franklin

Mark Große und Rebekka Böttger (v.l.) bei einer Protestaktion am Universitätsklinikum Benjamin Franklin

Foto: Daniel Schaler

Berlin. Wenn Ergotherapeutin Rebekka Böttger sich bemüht, die Muskeln eines Schlaganfallpatienten zu aktivieren, arbeiten manchmal andere Therapeuten ebenfalls mit ihm. „Ko-Therapie“ nennen sie solche Teamarbeit auf der neurologischen Früh-Reha im Universitätsklinikum Benjamin Franklin (UKBF) der Charité in Steglitz. Es kann aber sein, dass die Kollegen erheblich mehr verdienen als Rebekka Böttger. Denn sie ist angestellt bei der Charité-Tochtergesellschaft CPPZ. Dort arbeitet sie länger und erhält weniger Geld als diejenigen, die direkt aus der Charité kommen, aber den gleichen Job machen.

„Das ist einfach extrem ungerecht“, sagt die Ergotherapeutin. Deshalb ist sie mit ihren Kollegen seit Wochen im Arbeitskampf, macht in „aktiven Mittagspausen“ ihr Anliegen bekannt, besucht Podiumsdiskussionen und zeigt Protestbanner vor Parteiveranstaltungen. Dabei sind auch die Kollegen des zweiten kommunalen Krankenhauskonzerns Vivantes. Auch dort sind die Therapeuten in eine Tochterfirma mit schlechteren Konditionen ausgelagert, obwohl sie voll in den Klinikalltag eingebunden sind und meist auf Weisungen der Ärzte handeln.

Dass landeseigene Unternehmen bestimmte Berufe in Billigtöchter auslagern, ist speziell unter einer rot-rot-grünen Koalition längst ein Politikum. Die Charité wird auf Druck der Politik ihre ausgelagerten Servicemitarbeiter wieder zurückholen. Bei Vivantes haben die Servicekräfte nach wochenlangem Streik gerade einen Tarifvertrag abgeschlossen, der ihre Bedingungen verbessert, ohne sie wirklich gleichzustellen mit denen nach dem Tarif des öffentlichen Dienstes bezahlten Beschäftigten des Mutterhauses. Nur für die Therapeuten ist eine Lösung nicht in Sicht, obwohl sich Abgeordnete der Koalition längst für ihre Rückführung in die Stammhäuser aussprechen.

Marko Große ist Physiotherapeut im UKBF. Auch er arbeitet mit Schwerstkranken wie Krebs- oder Polytraumapatienten zusammen mit Kollegen. Nur, sie genießen anders als er 30 Tage Jahresurlaub, haben nur 39 statt 40 Stunden pro Woche Dienst. „Ich arbeite etwa zehn Tage mehr im Jahr“, hat der Vater von drei Kindern ausgerechnet. Zudem bekommen die Stammkräfte mit den Altverträgen, die aus der Charité in die Therapeutentochter gewechselt sind, 800 Euro brutto mehr als er, der mit 1650 Euro netto nach Hause geht.

Jeder muss seinen Vertrag selber aushandeln

Das Prinzip „gleicher Lohn für gleiche Arbeit“ gilt nicht in einem der sensibelsten Sektoren des öffentlichen Dienstes in Berlin. In der Charité-Tochter arbeiten 130 der rund 200 Mitarbeiter zu schlechteren Konditionen, so die Gewerkschaft Verdi. Bei Vivantes betrifft das die Hälfte der rund 400 Mitarbeiter. Bei der Charité gibt es bisher noch nicht einmal feste Regeln für die Bezahlung. Jeder muss seinen Vertrag selber aushandeln. Viele Therapeuten sind nicht gerade gut darin, sich selbst zu vermarkten. Erst jetzt wird über einen Tarifvertrag verhandelt. Das erste Angebot der Charité schreibe die Bedingungen nur fest, verbessere sie aber kaum, sagt Verdi-Sekretär Kalle Kunkel.

Rebekka Böttger macht sich mit Mitte 30 Sorgen um die Zukunft. Sie arbeitet 40 Stunden, dennoch wird sie später auf kaum mehr als 1000 Euro Rente kommen. „Das ist bedrückend“, sagt die Ergotherapeutin, „Ich setze meine volle Kraft ein und bekomme wenig heraus am Ende.“

Natürlich könnten Böttger, Große und ihre Kollegen auch anderswo arbeiten. Therapeuten sind gesucht, fast so wie Pflegekräfte, für die die Bundesregierung nun eine große Offensive plant. Aber die Arbeit auf den Stationen macht den Therapeuten großen Spaß, entschädigt auch für die Wochenendschichten, die in Physiotherapiepraxen nicht anfallen.

„Ich mag die Action“, sagt Physiotherapeut Stephan Straßer, der bei der Charité in Mitte auf einer Intensivstation unter anderem hilft, Patienten von der Beatmungsmaschine zu entwöhnen. „In einer Praxis wäre mir langweilig.“ Auch Marcena Manske mag die Herausforderung. Die Polin ist Kinderphysiotherapeutin „mit Leib und Seele“ und für 16 Stationen zuständig. „Jeder Tag ist anders“, sagt die frühere Sportlehrerin. Nach einer Gehaltserhöhung auf 2575 Euro brutto verdient sie nach 14 Jahren an der Charité nun genauso viel wie andere mit zwei Jahren Berufserfahrung. Sie ärgert sich besonders, dass die Universitätsklinik ihr die benötigten und gewünschten Fortbildungen nicht bezahlt. Solche Kurse können gerade im pädiatrischen Bereich gut 5000 Euro kosten. Das Geld habe sie nicht. Die aus der Charité kommenden Kollegen bekämen die Fortbildung hingegen bezahlt. Sie war jahrelang eine prekär Beschäftigte mit nur befristetem Arbeitsvertrag, sagt sie. Erst seit ihrer Festanstellung trauten sie und andere sich, den Mund aufzumachen.

Eindringliche Warnung vor Outsourcing

Die Fachkräfte von der Basis warnen eindringlich vor der Strategie des Outsourcings und haben dabei nicht nur das eigene Interesse im Blick. Die Entwertung des Therapeutenberufs führe zu Nachwuchsmangel, mahnen sie. Die Fluktuation liege auf manchen Stationen bei einem Drittel pro Jahr, jeder dritte Kollege geht also binnen zwölf Monaten woanders hin oder steigt aus dem Beruf aus. Schon heute blieben freie Stellen in den Krankenhäusern über Monate und Jahre unbesetzt. „Für die Gehälter steigen die Menschen nicht ein“, sagt Böttger. Zumal viele noch ihre Ausbildung selber bezahlen müssten, was zusätzlich abschrecke. „Wir steuern bei den Therapeuten auf die gleichen Probleme zu wie in der Pflege.“

Bei Vivantes, so berichtet eine Kollegin von dort, werden die Auswirkungen auf die Kranken bereits spürbar. Ärzte hätten angewiesen, sich den einzelnen Patienten kürzer zu widmen, als es medizinisch geboten wäre, damit alle behandelt werden könnten. Denn der Einsatz von Therapeuten ist zwingend, wenn die Kliniken bestimmte Leistungen bei den Krankenkassen abrechnen wollen. „Ohne uns würden bestimmte Stationen kein Geld bekommen“, sagen die Therapeuten und sehen das als weiteres Argument, warum sie fest zum Team zählen sollten. Aber weder in der Charité noch bei Vivantes wird darüber nachgedacht, die Therapeuten wieder in die Stammbelegschaft zurückzuführen.

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