Audiobuch-Streaming

Audible baut eigenes Hörspiel-Studio in Berlin

Die Berliner Firma schafft rund 1000 Produktionen im Jahr. Eigenkreationen sollen neue Konkurrenten auf Abstand halten.

Foto: David Heerde

Berlin.  In der fünften Etage der Berliner Hörbuch-Plattform Audible ist die Vergangenheit des Unternehmens kaum zu übersehen. Auf Regalbrettern, die fast bis unter die Zimmerdecke reichen, stehen Hörbücher, die von vielen Verlagen noch bis vor einigen Jahren ausschließlich auf CD verschickt wurden. Audible war dann vor allem damit beschäftigt, die eingesprochene Literatur zu digitalisieren und auf der eigenen Plattform verfügbar zu machen.

Die Gegenwart der Amazon-Tochter hängt im sechsten Stock der Europazentrale, unweit des Berliner Charité-Geländes, an der Wand. Das Plakat der Audible-Eigenproduktion „Die Meisterin“ zeigt zwei Gesichter, die dem deutschen Publikum vor allem aus dem Fernsehen bekannt sind: Die Schauspieler Bettina Zimmermann und Stephan Luca haben das Hörspiel vertont. Autor Markus Heitz hatte es exklusiv für Audible verfasst. „Original“ nennt Audible-Chef Nils Rauterberg ein solches Werk.

Mittlerweile entwickelt das Unternehmen zusammen mit Autoren und Regisseuren jedes Jahr bis zu vier Geschichten ausschließlich für Hörbuch-Eigenproduktionen. Hinzu kommen zahlreiche weitere Aufnahmen, etwa von Literatur, für die Audible die Hörbuch-Lizenzen gekauft hat. Bekannte Produktionen sind zum Beispiel die Harry-Potter-Bücher, die Rufus Beck für Audible eingesprochen hat. Insgesamt kommt die Berliner Internetplattform auf rund 1000 deutschsprachige Produktionen im Jahr. In Deutschland, Österreich und der Schweiz hat sie damit auch die Verlage abgelöst, die früher nahezu ausschließlich für die literarischen Hörangebote verantwortlich waren.

140 Millionen Hörstunden wurden 2017 heruntergeladen

Deutschlandweit vertonen mittlerweile rund 300 Schauspieler und Sprecher regelmäßig für Audible Literatur. Mit neun Tonstudios, drei davon in Berlin, arbeitet das Unternehmen zusammen. Im Erdgeschoss der Zentrale investiert Audible nun nach Informationen der Berliner Morgenpost rund eine Million Euro für eigene Technik. In vier Studios soll künftig ein Teil der Produktionen in Eigenverantwortung über die Bühne gehen.

Für Geschäftsführer Rauterberg ist das auch ein Signal, das zeigt, welchen Stellenwert vor allem die eigenen Hörspiel-Kreationen künftig haben sollen. Mit den Inhalten, die speziell für die Hörbuch-Plattform konzipiert worden sind, will Audible ganz neue Kundenschichten ansprechen. Berühmte Schauspieler wie Zimmermann oder Luca, die den Charakteren ihre Stimmen leihen, sollen Nutzer anlocken, die bislang noch keinen Zugang zu der Audio-Literatur gefunden haben. „Eigene Inhalte zu entwickeln, wird für uns immer wichtiger“, sagt Rauterberg. Dazu zählt der Audible-Chef auch die Podcasts, die seit Kurzem auf der Plattform verfügbar sind, ebenso zahlreiche Kurse und Lebensratgeber, die Audible seinen Kunden über das Internet anbietet.

Streaming-Anbieter Spotify setzt auch auf Podcasts

Die Produktionsoffensive lässt sich das Unternehmen jedes Jahr einen zweistelligen Millionenbetrag kosten. Bislang scheinen sich die Investitionen auszuzahlen: Im vergangenen Jahr wurden rund 140 Millionen Hörstunden heruntergeladen – etwa doppelt so viele wie noch vor drei Jahren. Marktforscher haben berechnet, dass etwa 16 Millionen Deutsche regelmäßig Hörbücher oder Podcasts nutzen – Tendenz steigend. „Wir gehen davon aus, dass das Wachstum noch lange nicht vorbei ist“, sagt Rauterberg. Dieser Vision haben sich auch andere Anbieter angeschlossen: Der Musik-Streaming-Anbieter Spotify bietet bereits seit einiger Zeit verstärkt Hörbücher über seine Plattform an.

Auch Podcasts lässt das schwedische Start-up mittlerweile produzieren, kaufte dafür für den deutschen Markt etwa den Satiriker Jan Böhmermann und den Musiker Olli Schulz ein. Zu den neuen Audible-Konkurrenten gehört auch Google. Die Amerikaner bieten über ihre Plattform „Play“ seit Anfang des Jahres auch im deutschsprachigen Raum Audio-Literatur an.

Auch für Spanien sollen jetzt Hörbücher produziert werden

Der zunehmende Wettbewerb zeige vor allem, dass der Markt sehr interessant sei, sagt Rauterberg. In Deutschland wurde die Hörbuch-Plattform 2004 als Gemeinschaftsprojekt der amerikanischen Audible und der Verlage Holtzbrinck sowie Random House gegründet. Später beteiligte sich auch noch Bastei Lübbe an dem deutschen Anbieter. Weil sich die Verlage nie so ganz mit dem Hörbuch-Geschäft anfreunden konnten, verkauften sie die Anteile an dem deutschen Audible-Ableger 2009 komplett an Amazon.

Die Infrastruktur des weltumspannenden Logistikers hilft der Hörbuch-Plattform heute. Vor allem in Sachen Reichweite ist Audible der Konkurrenz enteilt: Jedes Mal wenn Kunden auf der Amazon-Homepage nach Büchern suchen, weist der Algorithmus gleichzeitig auf verfügbare Audio-Varianten hin. Der Mutterkonzern lasse Audible aber weitestgehend freie Hand, so der Geschäftsführer. „Wir befinden uns in der erfreulichen Lage, unsere Strategie weitestgehend selbst definieren zu können“, erklärt Nils Rauterberg.

Der deutsche Ableger ist neben dem Geschäft in Deutschland, Österreich und der Schweiz für den Ausbau der Audible-Kundschaft in den Ländern Frankreich und Italien zuständig. Mittlerweile produzieren die Berliner auch für diese Länder eigene Hörspiel-Kreationen. Demnächst will Rauterberg aus seiner Berliner Zentrale einen weiteren Markt in den Blick nehmen: Derzeit sucht Audible nach Mitarbeitern, die den Spaniern den Hörbuch-Genuss näherbringen sollen. Vielleicht kann das neue Tonstudio im Erdgeschoss schon bald dabei helfen. Geht alles gut, könnten dort bereits Anfang des kommenden Jahres erste Hörbücher produziert werden.

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