Kultursenator

Wie Klaus Lederer zu Berlins beliebtestem Politiker wurde

Der Kultursenator von der Linken ist der beliebteste Politiker der Stadt. Warum ist das eigentlich so? Ein Porträt.

Klaus Lederer, Berliner Kultursenator der Partei Die Linke

Klaus Lederer, Berliner Kultursenator der Partei Die Linke

Foto: Reto Klar

Vor der Grundschule in Prenzlauer Berg muss der Kultursenator eine Rauchpause einlegen. „Man hat ja kaum noch Zeit dazu“, sagt Klaus Lederer und zieht an seiner Selbstgedrehten. Seine Tage sind eng getaktet, nicht nur bei dieser sommerlichen Bezirkstour. Das schwarze Jackett über dem schwarzen T-Shirt mit V-Ausschnitt hat der Linke-Politiker längst abgelegt, als er mit einer Laptop-Tasche über der Schulter den Innenhof an der Senefelderstraße betritt. Vorher hat er die Kippe im Mülleimer entsorgt.

Wie ein Spitzenpolitiker sieht der jungenhaft wirkende 44-Jährige mit dem kurzen Haar nicht aus. Dennoch halten viele Klaus Lederer für einen ernsthaften Kandidaten, der nächste Regierende Bürgermeister Berlins zu werden. Umfragen weisen ihn als beliebtesten Politiker der Stadt aus. Seine Linkspartei ist derzeit stärkste Kraft in Berlin. Im Spitzenzirkel der Linken ist Lederer unangefochten der Frontmann.

Klaus Lederer kommt an bei den meisten Kulturschaffenden und einer bestimmten Szene der Stadt: „Sie sind kein Politiker, sie sind ein Star“, schmeichelt der Kabarettist Florian Schroeder bei der Satire-Show von Radio Eins im voll besetzten Tipi am Kanzleramt seinem Gast. So etwas hat seit Klaus Wowereit kein Berliner Landespolitiker mehr zu hören bekommen.

Seine Punkte sammelt er auch bei Terminen wie an jenem Sommernachmittag in Prenzlauer Berg, als er die Leiterinnen der Grundschule und der benachbarten Musikschule trifft. „Ich kenne die Entwicklung hier“, sagt Lederer. Schließlich saß er lange in der Bezirksverordnetenversammlung. Er wolle lieber mit den Menschen reden, als eine große Besichtigungstour zu machen. Das Projekt ist beispielhaft. Schule und Musikschule arbeiten eng zusammen, führen Kinder an die Musik heran. Für den Kultursenator ein Modell. „Wir bauen zig Schulen in der Stadt“, sagt er. „Es wäre sinnvoll, dabei Sport, Musikschulen und andere Angebote mitzudenken.“

Bei manchen Themen zieht er es vor zu schweigen

So geht das oft bei Klaus Lederer. Aus dem Einzelfall entwickelt der promovierte Jurist gern eine politische Strategie. Seine von vielen verwundert aufgenommene Entscheidung, im rot-rot-grünen Senat als Spitzenmann des zweitgrößten Koalitionspartners das machtlose Kultur- und Europaressort zu übernehmen, ergibt für den kommunikationsfreudigen Politiker durchaus Sinn. Mühelos wechselt der bekennende Homosexuelle mit den beiden goldenen Ringen im linken Ohr von der Clubszene zum Unternehmerstammtisch, von der Geschichtsdebatte zur Off-Kultur, von den Philharmonikern zur Musikschule, er redet druckreif oder berlinert, je nach Situation.

Dieser Graswurzel-Einsatz zahlt sich für Lederer offenbar aus. „Hier war noch nie ein Kultursenator“, berichtet nach dem Besuch die Frau von der Musikschule. Sie habe den Eindruck, er wolle wirklich etwas wissen und setze sich ein.

Ob seine Karriere zukünftig neue Höhen erklimmen wird, darüber denkt Lederer nicht nach, jedenfalls nicht öffentlich. Es mache ihm Spaß, die Bedingungen für Künstler zu verbessern, versichert er. Über den Amtsinhaber, Senatschef Michael Müller von der SPD, müssten dessen Partei und 2021 die Wähler entscheiden, wehrt Lederer Fragen nach Putschgelüsten ab. Er jedenfalls verspürt wenig Lust auf parteipolitischen Streit, er wolle ja „nicht an Magengeschwüren leiden“. Auch deshalb blieb der frühere Landesvorsitzende der Linken stumm, als Müller kürzlich seinem Koalitionspartner vorwarf, sich um „Micky-Maus-Themen“ zu kümmern, anstatt die wahren Probleme der Stadt anzufassen. Lederer belässt es bei einer knappen Aussage über die Arbeit seines Vorgängers, der wie vor ihm Klaus Wowereit parallel auch Regierender Bürgermeister war. „Müller hat sich nie für kulturpolitische Strategien interessiert“, urteilt Lederer. Er selbst hat viel Strategie. Ob er konkret liefern kann, ist noch unklar.

Im Großen zeigte sich das an dem Flop mit dem von Müller engagierten Ausstellungsmacher Chris Dercon als Intendant der Volksbühne. Lederer entließ Dercon, als er sah, dass dessen Konzept weder künstlerisch noch finanziell aufging, und bestimmte so die Debatte der bundesweiten Feuilletons. Er beendete eine Besetzung des Theaters, holte einen Interimsintendanten und lud kürzlich zu einem großen Volksbühnen-Kongress ein. Wie die Zukunft aussehen soll, weiß er zwar noch nicht. Aber er will deutlich machen, dass er einen solchen Kursschwenk eben nicht ohne Diskussion vollzieht, wie es beim Wechsel von Frank Castorf zu Dercon hätte passieren sollen.

Er stritt mit Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU), einer möglichen Konkurrentin im Kampf ums Rote Rathaus, öffentlichkeitswirksam über das Kreuz auf dem wieder erbauten Stadtschloss. Er mischt sich in die Debatte über das Freiheits- und Einheitsdenkmal ein. Dem Senator bietet sich immer wieder die Chance, bundesweit Gehör zu finden. Auch das zahlt sich aus für den Linke-Politiker.

Pragmatisch orientierter Führungszirkel

Im Kleinen zeigt sich Lederers Methode im Bezirksmuseum an einer früheren Schule an der Prenzlauer Allee. Der Leiter beklagt, dass die Bezirksmuseen keine gemeinsame Strategie und kein Geld hätten, ihre Bestände in digitale Kataloge einzutragen und diese mit dem Stadtmuseum zu verknüpfen. Der Senator verspricht zu helfen, wenn sich die Bezirke einig würden, welches System sie wollten. Man habe aber einen beschlossenen Haushalt, da müsse er sehen, „was geht“.

Zwar hat der gebürtige Schweriner, der mit 14 mit seinen Eltern nach Hohenschönhausen zog, Karl Marx gelesen, streut gern Zitate ein und sieht den Kapitalismus an sich überaus kritisch. Gleichwohl gehört er zum pragmatisch orientierten Führungszirkel der Berliner Linken, seit er 2003 unter Rot-Rot für den in den Senat aufgestiegenen Harald Wolf ins Abgeordnetenhaus nachrückte. „Es gibt bei den Linken eine größere Gelassenheit“, sagt er mit Blick auf die harten Positionskämpfe in anderen Berliner Parteien. Innerhalb dieser Gruppe ist es möglich, den Landesvorsitz ohne Streit weiterzureichen, wie das Lederer 2016 an Katina Schubert getan hat. An seine eigene Bundespartei mit ihren harten Kämpfen will er aber lieber nicht denken.

Dass diese „IT-Geschichte“ für die Museen ihn wirklich beschäftigt, macht ein anderer Sommerabend deutlich. Der altehrwürdige Verein für die Geschichte Berlins, aktiv seit 1865, hat ins Nicolaihaus in Mitte geladen. Zur Debatte steht, wie „Kulturerbe“ heutzutage definiert und gemacht wird. Der Saal ist voll. Lederer schmeichelt dem Publikum, als er hört, dass die Schriftenreihe des Vereins seit 114 Jahren erscheint. „Da sind die ja selber schon Kulturerbe“, sagt er und sammelt Punkte unter den Besuchern.

Dann wird es extrem politisch. Kein Kanon sei in Stein gemeißelt, stellt der Linke klar. Was in Museen gezeigt, was gesammelt und herausgestellt werde, sei immer einem Wandel unterworfen. „In einer demokratischen Gesellschaft gibt es ein herrschendes Narrativ“, sagt Lederer und bewegt sich selbstverständlich in der Sprach- und Gedankenwelt der Kultur-Intellektuellen. Die Mehrheitsgesellschaft müsse Minderheiten und Zuwanderer „einladen zu erzählen. Das werden spannende Geschichten“, so der Senator.

Diese Grundhaltung zeigt sehr konkrete Folgen, wenn der an diesem Abend mit auf dem Podium sitzende Stadtmuseum-Chef Paul Spies im Märkischen Museum eine Foto-Ausstellung über türkische Berliner zur Wendezeit zeigt oder wenn später mal im Humboldt Forum Minderheiten eingeladen werden, einen offenen Raum temporär in eigener Verantwortung zu bespielen.

Kultur beeinflusst das Selbstbild einer Gesellschaft – und gerade darum wird heutzutage hart gerungen. „Wir haben mehr davon, Berlin nicht nur als deutsche Hauptstadt, sondern als europäische oder sogar als Weltstadt zu begreifen“, wirbt Lederer. Später wird er bei einer Apfelschorle auf dem Weinbergsweg in der Nähe seines Amtssitzes der Linken insgesamt vorwerfen, zu wenig Interesse an Kulturpolitik zu haben. Die Rechten hingegen hätten deren Bedeutung verstanden. Der AfD gehe es um „Volkskunst“ und der Rechtsregierung in Polen um eine nationale Kultur. Zwar möchte er Kunst nicht politisch vereinnahmen, beteuert er, um es dann doch zu tun. Das System Kultur an sich entziehe sich dem Kapitalismus und seiner Verwertungslogik. Sie eröffne „Möglichkeitsräume und sei zentral für „positive Felder“ der Gesellschaft wie Solidarität und Mitmenschlichkeit.

In Berlin spielt sich der Kampf ganz konkret um Räume ab. Die will der Senator sichern für Künstler, Musiker, Theater, Galeristen – und baut dafür neue immobilienwirtschaftliche Kompetenzen in seiner Verwaltung auf. „Wenn wir nicht aufpassen, wandert das zusätzliche Geld für die Kultur über steigende Mieten eins zu eins in die Taschen der Immobilienleute“, sagt Lederer. Er kann sogar das zögerliche Agieren beim Neubau von Wohnungen, das seiner Linkspartei von der SPD und dem Regierenden Bürgermeister vorgehalten wird, kulturpolitisch begründen. Es gehe auch darum, das historische Erbe und historische Orte zu bewahren, sagt er den geschichtsinteressierten Menschen im Nicolaihaus. Deshalb dürfe man „nicht alles zubauen“, sagt der Linke und bekommt dafür Applaus aus dem eher konservativen Publikum, das zum Großteil aus dem Westen der Stadt angereist ist.

Promotion über Privatisierung der Wasserbetriebe

Der Jurist, der über die Privatisierung der Wasserbetriebe promovierte, stellt Kultur stets in einen politischen Zusammenhang und verfolgt seine eigenen Ziele. An Leuchtturmprojekten wie einem House of Jazz des Trompeters Till Brönner in der Alten Münze hat er wenig Interesse, ebenso wie an dem Freiheits- und Einheitsdenkmal. Gleichzeitig hat sich der Senator mit Teilen der Freien Szene angelegt, die ein einfacheres Fördersystem forderte. Nicht jeder in Berlin ist glücklich über den Kultursenator, und von besonderem Engagement für Europa ist wenig zu spüren.

Der politischen Konkurrenz fällt es dennoch schwer, den Schnell-Redner und Schnell-Denker zu stellen. Kultur eignet sich kaum für kleinlichen Parteien-Streit, und Lederer achtet darauf, in den Akten auf seinem Schreibtisch mögliche „Zeitbomben“ wie finanzielle Defizite einzelner Einrichtungen rechtzeitig zu entschärfen.

Leder kifft nach eigener Aussage „immer noch“ - bei klassischer Musik

Die AfD versuchte es neulich im Abgeordnetenhaus. Lederer hatte bei der Satire-Show im Tipi eingeräumt, „immer noch“ zu kiffen, „in den Abendstunden, gechillt, klassische Musik an, Tüte an“. Wie der Senat die Aussage bewerte, Lederer würde „täglich kiffen“, fragte ein AfD-Mann. Lederer blieb ganz entspannt. Er weiß, dass ihm als Befürworter der Cannabis-Legalisierung ein solches Outing politisch nicht schadet. Von „täglich“ sei nicht die Rede gewesen, deshalb könne der Senat diese Aussage auch nicht bewerten. Der Genuss von Cannabis sei keine strafbare Handlung. Im Übrigen hoffe er, dass auch alle anderen Abgeordneten beim Konsum von Wein, Bier oder anderem so wie er auf geistige und körperliche Fitness achteten.

Ein anderes Mal attackierte ihn die CDU und kritisierte, dass das Kudamm-Karree mit den Boulevard-Bühnen mutmaßlich an einen russischen Geschäftsmann verkauft worden sei, der unter die Sanktionen der EU falle. Lederer konterte: Er habe mit seiner Vereinbarung mit dem Eigentümer die Bühnen überhaupt erst gerettet. Informationen über den Investor stünden seiner Verwaltung nicht zur Verfügung. Und dass der internationale Finanzkapitalismus derart unkontrolliert agiere und es erlaubt sei, Eigentumsverhältnisse derartig zu verschleiern, sei ja wohl eher der CDU als seiner Partei anzulasten.

Mit Worten ist dem Spitzen-Linken kaum beizukommen, was keine schlechte Voraussetzung ist für eine Polit-Karriere. Klaus Lederer beteuert, sich wenig Gedanken über seine Zukunft zu machen. „Wenn Schluss ist, ist halt Schluss. Dann mache ich was anderes“, sagt er beim Gespräch am Weinbergsweg, draußen auf dem Bürgersteig, damit er rauchen kann. Dann muss er los. Das nächste Treffen mit Kulturschaffenden steht an.

Zur Person

Der Ostdeutsche Schwerin, Frankfurt (Oder), Hohenschönhausen – das sind die Stationen des jungen Klaus Lederer. 1974 in Mecklenburg geboren, wuchs er an der Oder auf und zog 1988 mit den Eltern nach Ost-Berlin. Abitur in Friedrichshain, Jurastudium an der Humboldt-Universität.

Der Linke Lederer trat 1992 der PDS bei, machte über ein Jahrzehnt Bezirkspolitik in Mitte und Pankow, dann war er Abgeordneter im Berliner Landesparlament. Seit 2005 ist er Landesvorsitzender – erst der Linkspartei.PDS, dann der Linken. Nach der Wahl 2016 wurde er Senator für Kultur und Europa.

Der Quereinsteiger Mit Kultur hatte er zuvor kaum zu tun. Promoviert hat er zur Privatisierung der Wasserwirtschaft, Rechtspolitik war sein Metier. Aber Lederer singt: A-cappella bei den „Rostkehlchen“ oder als Tenor auf einer CD mit DDR-Punksongs im Stile der 20er

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