Berlin

Studenten werden zu Lebensmittelrettern

Vier Berliner Studenten machen aus Obst, das eigentlich in der Mülltonne landen würde, Marmelade. Diese verkaufen sie dann im Internet.

Waste no Taste Bildmitte Andreas Beck von Fruitful Office vl. Alina Schmitz, Melanie Schmidt

Waste no Taste Bildmitte Andreas Beck von Fruitful Office vl. Alina Schmitz, Melanie Schmidt

Foto: Sergej Glanze / Glanze/Berliner Morgenpost

„Schau mal hier: Ist das einfach noch ein bisschen Rest vom Fruchtkern oder ist das Schimmel?“ Levent Vorpahl hat gerade eine Aprikose aufgeschnitten. Er hält sie ganz nah an die Augen, bevor er sie Alina Schmitz hinhält. Es entsteht eine kurze Diskussion, auch Melanie Schmidt und Tobias Hoffmann inspizieren die Frucht noch mal zur Sicherheit. Dann ein kurzer Vergleich mit den anderen Aprikosen, und die vier sind sich einig: Fruchtkern. „Bei so was sind wir natürlich ganz vorsichtig. Wir wollen ja schließlich niemanden vergiften“, sagt Alina und lacht.

Die vier Berliner Studenten, alle zwischen 18 und 28 Jahren alt, kochen aus den Aprikosen Marmelade. Aber nicht, um sie sich selbst aufs Brot zu schmieren oder um sie im Freundeskreis zu verschenken. Seit zwei Monaten sind sie Junggründer und verkaufen ihre Fruchtaufstriche über das Internet. Im Rahmen des „Funpreneur-Wettbewerbes“ der Freien Universität Berlin haben die vier ihr Unternehmen „Waste no Taste“ gegründet, „Verschwende keinen Geschmack“ also.

Nichts verschwenden – das ist das Credo der vier. Denn eigentlich hätten die Früchte gar nicht als Marmelade im Glas, sondern als Abfall in der Mülltonne landen sollen. Nicht weil sie etwa schlecht wären. Sonder einfach weil sie nicht mehr ganz perfekt aussehen. Kleine Druckstellen haben, zum Beispiel. Zu schlecht, um sie im Handel zu verkaufen – schließlich isst das Auge ja bekanntlich mit. Aber geschmacklich noch immer einwandfrei – und ohne Bedenken essbar. Levent sagt: „Wir vier haben alle ein echtes Bewusstsein für Nachhaltigkeit. Sonst würden wir das hier auch nicht machen.“ Vier Lebensmittelretter sozusagen.

Lebensmittel vor der Tonne retten: eine Notwendigkeit, wenn man bedenkt, wie viele Nahrungsmittel jedes Jahr im Müll landen. Auf unglaubliche 18 Millionen Tonnen beziffert die Umweltorganisation WWF in einer aktuellen Studie das Ausmaß der Lebensmittelverschwendung in Deutschland jedes Jahr. Weltweit werden laut der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) jährlich sogar etwa 1,3 Milliarden Tonnen Nahrung weggeworfen. Gleichzeitig leiden nach FAO-Schätzungen rund 925 Millionen Menschen an Hunger und Unterernährung.

Ihre Früchte haben die Studenten am Morgen bei Fruitful Office in Spandau abgeholt. Eigentlich liefert Filialleiter Andreas Bock von hier aus Körbe voll mit frischem Obst in Berliner Büros. „Aber wenn Äpfel so braune Stellen haben wie der hier“, sagt er und deutet auf einen in einer großen Kiste, „dann können wir den nicht mehr an unsere Kunden verkaufen.“ Trotzdem will er das eigentlich noch gute Obst nicht einfach wegschmeißen. Auch wenn es billiger wäre. Denn die Früchte, die er den Gründern gibt, deklariert er als Spende – was ihn 19 Prozent Mehrwertsteuer kostet. Wegwerfen ist hingegen umsonst.

Keine Rezepte, aber viele Ideen

Damit nicht verkaufte Lebensmittel aus Supermärkten oder Bäckereien nicht weggeworfen werden müssen, gibt es die Berliner Tafel. Die Tafeln sind gemeinnützige Vereine, die Lebensmittelspenden entgegennehmen und an Bedürftige verteilen.

In Spandau haben die vier Studenten bei Fruitful Office heute jedenfalls richtig viel abgestaubt: drei Kisten voll mit Äpfeln, weitere drei mit Nektarinen und eine mit Birnen. In der Konditorinnung in Wilmersdorf packen die vier ihre Beute aus. In einer der Küchen dürfen sie ihr Obst schnippeln und ihre Marmeladen kochen – Tobias’ Mutter arbeitet hier. „Rezepte haben wir eigentlich keine. Wir kochen eben mit dem, was wir an Lebensmitteln bekommen“, erklärt die 18 Jahre alte Alina, die die Chefin in der Küche ist und außerdem auch die Idee zu „Waste no Taste“ hatte. Sie will das Unternehmen dann auch nach Beendigung des Uni-Wettbewerbes neu gründen und gemeinsam mit Melanie weiterbetreiben.

Nun hoffen sie aber erst mal darauf, den Wettbewerb zu gewinnen. Das entscheidet sich am morgigen Freitag. Bei der Abschlussveranstaltung in den Räumen der Industrie- und Handelskammer an der Fasanenstraße in Wilmersdorf (ab 15.30 Uhr) bauen die Junggründer einen Stand auf, an dem man ihre Kreationen verkosten kann.

Die Marmeladen gibt es online zu kaufen unter: www.wastenotaste.de

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