70 Jahre Luftbrücke

Berliner Luftbrücke: „Es war alles wie ein großes Abenteuer“

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Über die Luft-Brücke wurde West-Berlin mit Lebensmitteln versorgt (Archiv)

Über die Luft-Brücke wurde West-Berlin mit Lebensmitteln versorgt (Archiv)

Foto: Henry Ries / bpk / Henry Ries

Im Kalten Krieg wurde Berlin zum Spielball der Weltmächte. Berliner erinnern sich lebhaft an die Blockade und die Berliner Luftbrücke.

Wer die Berliner Blockade von 1948/49 miterlebte, der wurde von diesen rund elf Monaten geprägt. Von der Not und der Angst, aber auch vom Glück mitzuerleben, wie ein isolierter Teil der Stadt zusammenrückt und durchhält. Weil man lieber die Freiheit wollte als frische Kartoffeln. Für das Lebensgefühl West-Berlins war dieses Ereignis viele Jahre prägend. Wir haben unsere Leser um ihre Erinnerungen gebeten. Und viele Zuschriften erhalten, die wir nun in Auszügen dokumentieren möchten:

Im Osten registrierten sich nur wenige

Meine Eltern und ich wohnten in Reinickendorf, direkt unter der Einflugschneise des während der Blockade gebauten Flughafen Tegels. Im Minutenabstand überflogen die Maschinen in sehr geringer Höhe unser Haus und wir waren – ohne Schallschutzfenster – lediglich beunruhigt, wenn mal eine Flugpause eintrat. Wir lebten im Dunkeln (Strom gab es nur für Stunden), in der Kälte und von genau ausgerechneten Kalorien in Form von Trockenmilch, Trockenei, Trockenkartoffeln. Nur wenige West-Berliner machten von dem Angebot der Ostseite Gebrauch, sich dort zum Bezug der Lebensmittelkarten registrieren zu lassen. Während der Blockade träumte ich, ich würde mir eines Tages eine große Schüssel mit Trockenmilch, Zucker und eventuell Kakao anrühren.

Dieter Meier, damals 14 Jahre alt

Flugboote flogen die Havel entlang

Erinnerungen an die Luftbrücke habe ich trotz meines Alters damals von gut drei Jahren. Ich bin am 24. April 1945 geboren. Ich erinnere mich an die großen Flugboote, die entlang der Havel in Richtung Grunewaldturm sehr niedrig über Spandau flogen, um in der Unterhavel Kohle zu entladen. Auch kann ich mich erinnern, wie meine Mutter in Gatow Kartoffeln stoppelte und sich dann wieder mit dem Handwagen von Gatow zur Wilhelmstadt zurückquälte. Denn ich konnte ja nicht mitziehen, ich saß zusätzlich obendrauf.

Heiko Walther, damals drei Jahre alt

Ausgeflogen in die fränkische Schweiz

Eines der ersten Kinder, die im September 1948 ausgeflogen wurden, war ich. Ich hatte eine Tante in der Fränkischen Schweiz in Bayern. Wir Kinder wurden von Gatow aus nach Lübeck geflogen. Ich kann mich noch an die für uns Kinder schlimme Situation erinnern, denn viele von uns hatten Krieg und Flucht noch nicht vergessen und viele von uns kannten ihre Verwandten, bei denen sie leben sollten, gar nicht.

Also gut ging es mir auch nicht, zumal wir wegen Nebel nicht starten konnten und alle warten mussten, Kind an Kind. Die Maschine, die uns dann nach Lübeck brachte, war nicht für Passagiere gedacht, denn sie brachte Lebensmittel und Kohlen nach Berlin und war für unsere Sicherheit nur notdürftig ausgestattet. Wir saßen auf dem Boden, waren aber mit Gurten gesichert. Was ich nicht vergessen werde, waren die britischen Soldaten, sie waren hilfsbereit und sehr nett zu uns, auch zu mir.

Jutta Schauer-Oldenburg, damals zehn Jahre alt

Rosinenbomber stürzte in Mietshaus

Von unserem Garten aus, in der Nähe des Insulaners, konnten meine zwei Jahre ältere Schwester und ich die anfliegenden Flugzeuge beobachten. Wir hatten immer Sorge, dass die tief anfliegenden Maschinen den Flughafen Tempelhof nicht mehr erreichen könnten. In unserer Nähe stürzte ein Rosinenbomber in ein Friedenauer Mietshaus. Es hätte auch uns treffen können.

Margarete Przewieslik, damals 18 Jahre alt

Unaufhörbares Brummen in der Luft

Ich kann heute nicht mehr sagen, wie viele Flugzeuge ständig im Einsatz waren, aber es war ein unaufhörbares Brummen in der Luft. Es kam Herbst und mit ihm der Nebel. Ein Fliegen war unmöglich. Die Stadt war gespenstisch still. Alle drückten die Daumen, dass Petrus dem möglichst schnell ein Ende setzt. Unser aller Leben hing ja von den Flugzeugen mit ihren Piloten ab.

Ingrid Alf, damals 12 Jahre alt

Heimweg durch die dunkle Stadt

Im Blockade-Winter besuchten wir – einige Mechaniker-Lehrlinge aus der Treptower Apparatefabrik – das Neuköllner „Passage-Kino“. Ein alt-feudaler Ballsaal mit Kinobetrieb, es gab den amerikanischen Film „White Christmas“. Als wir anschließend auf die Straße traten, lag Neukölln in völligem Dunkel ... Stromsperre! (nur das Kino hatte ein eigenes Kabel) Nun mussten wir den Weg zum S-Bahnhof Neukölln in der Dunkelheit finden, über uns donnerten die Rosinenbomber quer über die Dächer im Anflug auf Tempelhof. Das grellweiße Licht der Landescheinwerfer zeigte wenigstens für Sekunden, wo man sich befand.

Manfred Löblein, damals Lehrling

Spektakuläre Wasserlandungen

Als Schülerin von damals kann ich mich noch an die spektakulären Landungen von Wasserflugzeugen auf der Havel gut erinnern. Es war ein Ereignis für uns Kinder, nach der Schule ans Ufer zu laufen und die eigentlich viel zu kurze Landestrecke zu bewundern, die die Piloten meistern mussten.

Doris Grieck de Juul, damals 11 Jahre alt

Selbst Wäscheklammern mussten als Brennmaterial dienen

Als der Winter kam, gab es sogar Kohlen für Zivilhaushalte. Fein abgezählt, meisten im Küchenherd verwendet zum Kochen. Alternativ musste alles Hölzerne aus der Wohnung herhalten, sogar die Bausteine meines kleinen Bruders, zuletzt die Wäscheklammern. Es war wie ein großes Abenteuer.

Charlotte Trippner, damals 14 Jahre alt

Schularbeit mit Petroleumlampe

Aus einem Schulaufsatz vom 29.10.1948: „Am Abend ist die Mutter beim Abendbrotmachen, und ich mache noch Schularbeiten. Auf einmal geht das Licht aus, und wir sitzen im Dunkeln. Die Mutter wurde nervös über die Dunkelheit und schimpfte. Ich suchte die Streichhölzer und Petroleumlampe.“

Jürgen Sahrada, damals 10 Jahre alt

"Hunger hatte ich immer"

Als die Blockade begann, war ich 16 Jahre alt. Ich hatte eine tänzerische Ausbildung und fand eine Anstellung in einem Gastspielunternehmen. Wir tingelten um Berlin herum und wenn ich Glück hatte, konnte ich bei einem Bauern übernachten. Da konnte ich mich dann satt essen. Hunger hatte ich immer! Es gab ja nur Trockenkartoffeln, Trockengemüse, Milchpulver und wenig Brot.

Ingeborg Pakornowski, damals 16 Jahre alt

Geschenke von den Amis

Wir Kinder gingen von der Nansenstraße fast täglich nach der Schule zum Flughafen Tempelhof. Wir hatten dort am Zaun eine bestimmte Stelle, wo wir oft was geschenkt bekamen, wenn die Säcke beim Ausladen platzten oder die Amis hatten irgendwas für uns. Man kannte sich schon, denn es waren ja meist dieselben Kinder, die hier herumstanden und bettelten. Oft klauten wir auch etwas, was nahe am Zaun lag. Einer oder zwei kletterten dann über den Zaun und schmissen es rüber.

Regina Schwenke, damals zehn Jahre alt

Kekse an kleinen Fallschirmen

Wir waren oft am Zaun des Flughafens und winkten den Piloten zu. Einige schaukelten dann noch mit den „Flügeln“, um sich zu bedanken. Manchmal warfen sie an kleinen Fallschirmen Schokolade oder Kekse ab. Es gab dann Keilereien, wer als „Erster“ die Beute einsammeln konnte.

Lothar Friedemann, damals neun Jahre alt

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