Obdachlosenmagazin

Das Ringen um den "Strassenfeger"

Die Zeitung soll nach 24 Jahren eingestellt werden. Der Sozial-Verein "Karuna" will einspringen - doch die Strassenfeger-Macher zögern

Die Existenz des Obdachlosenmagazins "Strassenfeger" steht auf der Kippe (Archiv)

Die Existenz des Obdachlosenmagazins "Strassenfeger" steht auf der Kippe (Archiv)

Foto: dpa Picture-Alliance / Wolfram Steinberg / picture alliance / Wolfram Stein

Berlin. Am Dienstag schien es, als gingen die Lichter endgültig aus beim „Strassenfeger“. Nun gibt es wohl doch eine Überlebenschance. Doch der Trägerverein der Obdachlosenzeitung zögert.

Noch am Dienstagabend hatte der gemeinnützige Verein „Karuna“ für Kinder und Jugendliche in Not sich bereiterklärt, die Zeitung zu übernehmen. Man wolle möglichst schnell Klarheit schaffen und das Erscheinen der nächsten regulären Ausgabe sichern, sagte Jörg Richert am Mittwoch. "Der Strassenfeger hat eine hohe Identifikation für die Obdachlosen - ohne ihn wissen viele nicht mehr, warum sie morgens aufstehen sollen", so der Karuna-Geschäftsführer gegenüber der Berliner Morgenpost.

„Der Strassenfeger“ passe sehr gut zu den Aktivitäten von Karuna. Der in Berlin und Brandenburg tätige Verein kümmert sich nach eigenen Angaben seit 1990 mit über 230 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern unter anderem um Kinder und Jugendliche, die auf der Straße leben.„Wir müssen sehr schnell sein“, sagte Geschäftsführer Richert. Voraussetzung sei, dass der bisherige Trägerverein der Zeitung dafür grünes Licht gibt. Ziel sei, die Arbeit der bis zu 300 Zeitungsverkäufer zu sichern. Die Berliner Sozialverwaltung habe sich eingeschaltet und wolle als Vermittlerin bei einem Neustart helfen. Eine Sprecherin der Sozialverwaltung bestätigte, dass Gespräche stattfinden würden.

Unverständnis, dass die Zeitung eingestellt wird

Allerdings zögern die Macher des "Strassenfeger", das Angebot anzunehmen, sagte Richert dieser Zeitung. "Ich weiß nicht genau, was dahinter steckt", ergänzte er. Es könne jedenfalls keine Lösung sein, dass traditionsreiche Straßenmagazin einfach einzustellen und das "Kaffee Bankrott" zu schließen. "Es gibt genügend Organsationen, die solche Projekte unterstützen würden", sagte Richert. Man brauche angesichts der steigenden Obdachlosenzahlen mehr und nicht weniger Hilfsangebote in Berlin.

Deshalb erklärte er, dass man übergangsweise schon ab kommender Woche eine Ersatz-Zeitung für die Obdachlosen drucken könnte. "Damit der Übergang für die Menschen leichter wird bis eine Lösung gefunden ist", sagte Richert. Das Projekt mit dem Titel "Spar Dir Dein Mitleid" sei bereits durchfinanziert. Man könne es den Verkäufern kostenlos zur Verfügung stellen.

Der Vereinsvorstand von Strassenfeger e. V. war am Mittwoch nicht für eine Stellungnahme zu erreichen.

Strassenfeger-Aus sorgt für heftige Kritik

Nach mehr als 20 Jahren hatte der Trägerverein Strassenfeger e.V. am Montag beschlossen, den Zeitungsbetrieb einzustellen. Auch das „Kaffee Bankrott“, eine Anlaufstelle für Obdachlose, soll schließen. Als Gründe nannte der Vorstand des Trägervereins Probleme im Vertrieb, sinkende Verkaufszahlen, Finanzierungsengpässe, aber auch fehlendes Personal. An der Entscheidung, die Zeitung einzustellen gibt es vielfache Kritik ehemaliger Mitarbeiter. "Die Zeitung wurde heruntergewirtschaftet", sagte eine ehemalige Mitarbeiterin, die anonym bleiben will.

Das Aus des "Strassenfeger" würde eine lange Geschichte beschließen: Seit 24 Jahren erschien das Blatt. Alle drei Wochen gab es eine neue Ausgabe. Das jüngste Heft noch in einer Auflage von knapp 12.000. Eine Exemplar kostete 1,50 Euro – 90 Cent gingen an den Verkäufer. Bis zu 300 Menschen lebten in Berlin vom Verkauf der Zeitung.

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