Terroranschlag

Angehörige vom Breitscheidplatz verärgert über Opferrenten

Angehörige des Anschlags vom Breitscheidplatz erhalten geringe Entschädigungen. Das Prozedere ist aufwändig.

Ein Meer von Blumen und Kerzen für die Opfer des Anschlags am Breitscheidplatz (Archivbild)

Ein Meer von Blumen und Kerzen für die Opfer des Anschlags am Breitscheidplatz (Archivbild)

Foto: Reto Klar

Berlin. Manchmal wacht sie immer noch mitten in der Nacht auf. Dann sind sie wieder da, die Erinnerungen an jenen 19. Dezember 2016, den Tag, an dem ihr Vater neben elf weiteren Menschen der Todesfahrt des Attentäters vom Berliner Breitscheidplatz zum Opfer fiel. Astrid Passin schafft es mittlerweile, über ihre Gefühle zu sprechen, ohne unter der Last der Trauer zusammenzubrechen. Was sie mehr und mehr deprimiert, ist das Gefühl, als Hinterbliebene nicht die Anerkennung zu erfahren, die sie für gerechtfertigt hält.

Nun hat Astrid Passin den Bescheid über ihren Antrag zur Zahlung einer Rente nach dem Opferentschädigungsgesetz erhalten. Bei der Prüfung wurde ihr eine psychoreaktive Störung als Folge des traumatischen Verlustes ihres Vaters bescheinigt. Wie drückt man das Leid und die körperlichen und seelischen Folgen in Euro und Cent aus? Im Falle Astrid Passins entschied das Amt auf 141 Euro pro Monat. Astrid Passin findet, das sei zu wenig. „Die Auskunft über die Höhe der Zahlung hat mich sehr deprimiert“, sagt sie.

Astrid Passin müht sich, nicht nur ihre eigenen Interessen zu vertreten, sondern auch die der verletzten Opfer und der Angehörigen der Toten des Anschlags. Oft wird sie als „Sprecherin der Hinterbliebenen“ bezeichnet. Als solche sagt sie, dass viele Hinterbliebene die bisherigen Zahlungen als „unangemessen und lächerlich“ empfänden. Dann berichtet Astrid Passin von ihrer Boutique in Adlershof. Vor allem im ersten halben Jahr nach dem Anschlag habe sie dort kaum arbeiten können. Behördengänge, Gespräche mit Politikern und Behördenbeauftragten – und immer wieder Termine bei Ärzten und Therapeuten. Hinzu kam anfangs die Angst vor dem Kontakt mit Kunden. All das habe ihr die Arbeit in ihrem Laden zeitweilig praktisch unmöglich gemacht. Die Folge: Sie habe eine Aushilfe einstellen müssen und deutliche Verluste gemacht. Für andere Hinterbliebene sei die Lage noch schwieriger. Einige könnten seit dem Anschlag nicht mehr arbeiten.

Besonders schlimm traf es auch Petr Cizmar. Bei dem Anschlag verlor der Familienvater seine Ehefrau – die Mutter des gemeinsamen Sohnes. Drei Stunden lang, so berichtete Petr Cizmar dem Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB), habe er sich – teilweise in Unterhose – untersuchen lassen müssen. Erst dann sei auch ihm eine kleine Rente bewilligt worden.

Beim Lageso gingen 189 Anträge ein

Rechtsgrundlage für die Auszahlung von Opfer-Renten ist das Opferentschädigungsgesetz. Zuständig ist in Berlin das Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso). Nach Angaben einer Sprecherin sind dort nach dem Anschlag 189 Anträge eingegangen. Die ersten seien bereits wenige Monate nach dem Anschlag bewilligt worden. In 40 Fällen seien Renten ausgezahlt worden, etwa für Witwer und Waisen. Unmittelbar Geschädigte erhielten bis zu 760 Euro monatlich. Achtmal seien die Kosten für Bestattungen erstattet, in 44 Fällen der Anspruch für eine Heil- oder Krankenbehandlung anerkannt worden. Keine Gesundheitsstörungen erkannte das Lageso in sieben Fällen. Man setze alles daran, Leistungen so schnell wie möglich auszuzahlen. „Einen Antragstau gibt es nicht“, sagte Lageso-Sprecherin Silvia Kostner.

Weitere Zahlungen erhielten Hinterbliebene von den Verkehrsunfallversicherungen. Hinzu kam ein pauschales Schmerzensgeld. Im Fall von Astrid Passin waren es 10.000 Euro. Der Betrag soll durch eine Gesetzesänderung rückwirkend auf 30.000 Euro angehoben werden. Hinterbliebene Partner erhalten dann 25.000 Euro, hinterbliebene Kinder 45.000 Euro. Der Bundestag will die Gesetzesänderung in zwei Wochen beschließen. Schnelle finanzielle Hilfe in Höhe von insgesamt 256.000 Euro erhielten die Opfer und Hinterbliebenen des Breitscheidplatz-Anschlags von der privaten Spenden-Initative der AG City, des DRK und des Schaustellerverbandes, an der sich auch Berliner helfen, der Verein der Berliner Morgenpost, mit 50.000 Euro beiteiligt hat.

Schmerzensgelder, Opferrenten, Erstattungen für Beerdigungen und Spenden: Astrid Passin und die anderen Hinterbliebenen des Anschlags wissen, dass sich der Verlust geliebter Menschen nicht durch Geld ausgleichen lässt. Vom Staat, dessen Sicherheitsbehörden im Fall des Attentäters Anis Amri durch viele Versäumnisse auffielen, erwarten sie sich trotzdem mehr Anerkennung und Solidarität – in der Hoffnung, damit ein kleines bisschen mehr Frieden zu finden.

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