Berlin

Bürgermeister stoppt Schulrundgang

Die Carlo-Schmid-Oberschule in Spandau ist ein Dauersanierungsfall – doch niemand soll es sehen

Der Berliner Vorsitzende der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW), Tom Erdmann, lädt zusammen mit der Schulleitung der Carlo-Schmid-Oberschule zu einem Presserundgang durch die in die Jahre gekommene Schule ein. Aus den späten 70er-Jahren stammend hat die Sekundarschule eine lange Liste von Baumängeln: Dach undicht, Fenster schließen nicht, Beton hat Risse, Rohre in schlechtem Zustand, Heizung, Lüftung – die Aufzählung ließe sich fortsetzen. Wie teuer die Sanierung wird, keiner weiß es genau. Zuletzt hatte wohl das Spandauer Bauamt einen Bauscan des Schulbaus veranlasst, die Sanierungskosten, so wurde es der Schulleitung mitgeteilt, werden nun auf 30 bis 35 Millionen Euro geschätzt. Doch so genau festlegen will sich noch keiner. Alle wissen aber: Es wird teuer. Und es drängt. Wie sehr, erfuhr die Öffentlichkeit spätestens im Herbst 2017: Da krachte nämlich nach einem Wasserschaden die komplette neue Zwischendecke im Eingangsfoyer herunter. Zum Glück waren Schüler und Lehrer im Urlaub.

Das alles sollte nun also der Öffentlichkeit nochmals vor Augen geführt werden, dafür hatte man die Presse eingeladen. Doch um 8.55 Uhr erhielt das Sekretariat ein amtliches Fax: Der Presserundgang sei vom Spandauer Schulamt untersagt, Fotos dürften innen auf keinen Fall geschossen werden. Die Podiumsveranstaltung, für die auch die GEW-Bundesvorsitzende Marlis Tepe und der Spandauer Bürgermeister und Schulstadtrat Helmut Kleebank (SPD) zugesagt hatten, werde aber stattfinden. Später wird Kleebank argumentieren, er habe den Rundgang verhindert, weil so „falsche Bilder entstehen“. Ja, räumt er ein, in der Schule mit 1004 Kindern und Jugendlichen werde zwar seit Jahren während des laufenden Schulbetriebs umgebaut, das aber habe „nicht mit dem Sanierungsstau zu tun“, sondern sei nur eine Baumaßnahme wegen des Brandschutzes.

Nun gehen Journalisten ja nicht mit verbundenen Augen in den Raum im ersten Stock, wo die Podiumsdiskussion stattfinden soll. Sie sehen also allerlei auf dem Wege nach oben. Nicht an eine Schule erinnern die breiten Flure im ersten Stock, sondern eher an eine Hochgarage: nackter Beton, darüber silberne breite Lüftungsstränge. Kabel hängen als Enden von der Decke, sie sind zusammengeknotet, damit sie nicht auf den Boden fallen – halt Baustelle.

Im Winter tropische 35 Grad in den oberen Räumen

Schulleitung und Schüler erzählen danach aus dem Alltag. Seit fünf Jahren laufen die „Brandschutzmaßnahmen“ nun schon, die Schule gleicht einer Dauerbaustelle. Als sie eine Matheklausur schrieben, erzählt die Schülerin Annika aus der elften Klasse, wurden sie vom Englischunterricht nebenan gestört, „sehr lebendige Siebtklässler“, weil zwischen den Klassen Teile der Zwischendecke fehlen und man alles voneinander hört.

Im Winter funktioniert die Heizung nicht richtig, in den unteren Etagen sind es höchstens 15 Grad, dafür oben tropische 35 Grad. Fenster lassen sich entweder gar nicht öffnen oder man hat sie nach dem Öffnen in der Hand. „Wenn es kräftig regnet“, berichtet Schulleiterin Bärbel Pobloth, „regnet es überall rein.“ Nicht nur durch das Dach, das nun saniert wird, sondern auch durch die maroden Betonaußenwände, die mit den Jahren Risse gebildet haben. Vergangene Woche fiel an einem Tag die Schule aus, weil aus der Lüftung komische Gerüche kamen. Vermutlich verbranntes Öl der Lüftungs-Keilriemen.

Es wird offenbar konfus vor sich hersaniert, eine Bauleitung gab es zwischenzeitlich nicht, die Schulleitung nimmt nun selbst oft die Räume ab. Vor Kurzem, erzählt die stellvertretende Schulleiterin, sei sie in einen Raum gekommen, in dem aus der Wand die Kabel heraushingen – statt Steckdosen. Auf keinen Fall werde sie Schüler in so einen gefährlichen Raum lassen, teilte sie mit. Die Bauarbeiter versprachen Besserung. Zwei Tage später wurde ihr der Raum wieder übergeben: In den Löchern befanden sich immer noch keine Steckdosen, dafür waren sie mit schwarzem Isolierband überklebt worden, sodass die lebensgefährlichen Stromkabel für Schüler nicht mehr direkt zugänglich waren. „Fertig“, hieß es.

Rund 40 Millionen Euro, so glauben Schulleitung und Elternvertreter, würde ein Neubau kosten. Auch die BVV Spandau hat sich nun dafür ausgesprochen. Und selbst Bezirksbürgermeister Kleebank scheint nicht dagegen. „Sanierung im laufenden Betrieb verlangt allen viel ab“, so der Bezirkspolitiker plötzlich nachdenklich.