Luftverschmutzung

Tempo 30 hat die Luft bislang nicht verbessert

Forscher der TU maßen den Stickstoffdioxid-Gehalt in der Luft. Die Maßnahme auf der Leipziger Straße zeigt noch keine Erfolge.

Auf der Leipziger Straße gilt Tempo 30 auf einem knapp 1200 Meter langen Abschnitt zwischen Markgrafenstraße und Potsdamer Platz

Auf der Leipziger Straße gilt Tempo 30 auf einem knapp 1200 Meter langen Abschnitt zwischen Markgrafenstraße und Potsdamer Platz

Foto: Jörg Carstensen / dpa

Berlin. Seit Berlin mit Tempo 30 auf Hauptstraßen experimentiert, wird darüber gestritten, wie sinnvoll das ist. Eine Untersuchung der Technischen Universität Berlin (TU) in Zusammenarbeit mit dem Rundfunk Berlin Brandenburg (RBB) kommt nun zu dem Schluss: Bislang hat es kaum etwas gebracht. Entlang des 1,2 Kilometer langen Versuchsabschnitts auf der Leipziger Straße, der Anfang April eingerichtet wurde, hatten die Forscher acht sogenannte Passivsammler zur Messung des Stickstoffdioxid-Gehalts (NO2) installiert. Seit der Einführung von Tempo 30 sank die durchschnittliche NO2-Belastung von 67,34 auf 63,71 Mikogramm pro Kubikmeter Luft. Erlaubt sind 40 Mikrogramm.

In dem Bericht wird eingeräumt, dass die Messungen nur eine Momentaufnahme seien, da der Messzeitraum recht kurz sei und die Ergebnisse deshalb durch Staus oder Wettereinflüsse stärker beeinflusst werden könnten. Zudem würde Tempo 30 erfahrungsgemäß erst nach einigen Monaten wirklich eingehalten. Dennoch seien die Werte aussagekräftig, sagte TU-Experte Wolfgang Frenzel gegenüber dem RBB. „Wir messen mit mehreren Sammlern an einer Messstelle und haben ein relativ dichtes Messstellenetz, sodass wir nicht einen einzelnen Wert herauspicken.“

Tatsächlich zeichnen die Messwerte der Senatsverkehrsverwaltung ein ähnliches Bild. Messungen an zwei verschiedenen Stellen ergaben in einem Fall einen leichten Rückgang, im anderen sogar einen Anstieg der NO2-Werte. Die Messungen von TU und RBB hält die Verwaltung „aus methodischen und messtechnischen Gründen nicht geeignet“. Sie will den Versuch erst nach einem Jahr auswerten, erwartet wird ein NO2-Rückgang von sechs Mikrogramm, wobei 23 nötig wären, um den Grenzwert einzuhalten.

Weitere Straßenabschnitte werden folgen

Der Misserfolg wird eingeplant. Bereits zu Beginn der Einführung von Tempo 30 auf der Leipziger Straße hatte Regine Günther (parteilos, für Grüne) gesagt, dass man bereits prüfe, auf welchen Straßen es Diesel-Fahrverbote geben könne. Im Februar hatte das Bundesverwaltungsgericht entschieden, dass diese grundsätzlich zulässig sind. Am 11. Oktober soll zudem die Klage der Deutschen Umwelthilfe vor dem Berliner Verwaltungsgericht verhandelt werden. Die Organisation hat das Land wegen der permanenten Überschreitung der Grenzwerte verklagt. Sollte sie Recht bekommen, müsste Berlin Fahrverbote in seinen Luftreinhalteplan aufnehmen.

Kritiker werfen Senatorin Günther schon lange eine „Anti-Auto-Politik“ vor und unterstellen ihr, mit einem (zum Scheitern verurteilten) Tempo-30-Versuch Fahrverbote zu provozieren. „Spätestens jetzt sollte jeder einsehen, dass die Tempo-30-Anordnung nur eine Luftnummer war, um später tatsächlich Fahrverbote verhängen zu können“, sagte der Spandauer Bundestagsabgeordnete Kai Wegner (CDU) am Dienstag. Doch das Fahrrad werde nicht der Verkehrsträger für eine Vier-Millionen-Stadt werden, so sehr sich Rot-Rot-Grün das auch wünsche. Der Verkehrsexperte Matthias Klingner vom Fraunhofer-Institut hatte im Morgenpost-Interview Tempo 30 kritisiert, weil es zu höherem Kraftstoffverbrauch und mehr Abgasen führe. Doch der Versuch wird fortgeführt, neben der Leipziger Straße gilt Tempo 30 inzwischen auch auf einem Abschnitt der Potsdamer Straße, die Schöneberger Hauptstraße, die Kantstraße und der Tempelhofer Damm werden folgen.

Mehr zum Thema:

Wissenschaftler hält nichts von Tempo 30 auf Berlins Straßen

Erster Tag mit Tempo 30 auf der Potsdamer Straße

Tempo 30 auf Berliner Straßen wird ab Montag ausgeweitet

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.