„Aktionismus“

Wissenschaftler hält nichts von Tempo 30 auf Berlins Straßen

Matthias Klingner vom Fraunhofer-Institut hält nichts von Tempo 30 auf Berlins Straßen. Besser sei es, Lkw zu verbannen.

Auf der Leipziger Straße gilt seit kurzem Tempo 30

Auf der Leipziger Straße gilt seit kurzem Tempo 30

Foto: Jörg Carstensen / dpa

Neben der Leipziger Straße gilt nun auch auf der Potsdamer Straße Tempo 30. Weitere Straßen sollen folgen. Matthias Klingner vom Fraunhofer-Institut für Verkehrs- und Infrastruktursysteme Dresden, ist nicht überzeugt.

Herr Klingner, die Berliner Regierung setzt auf Tempo 30. Das soll die Stickoxid-Emissionen senken. Halten Sie die Maßnahme für sinnvoll?

Matthias Klingner: Keineswegs. Tempo 30 macht auf Hauptstraßen gar keinen Sinn. Im Gegenteil, die Maßnahme erzeugt höhere Kraftstoffverbräuche, da ein niedrigerer Gang gewählt werden muss.

Die Idee ist ja, durch eine grüne Welle den Verkehr flüssiger zu machen. Bringt das nichts?

Es ist richtig, dass wiederholtes Anfahren und Abbremsen den Schadstoffausstoß steigen lässt. Im Kontext zu Tempo 50 begrüßen wir eine Verstetigung des Verkehrs sehr. Aber die Einsparung durch die Verkehrsverflüssigung und die Zunahme der Emissionen bei Tempo 30 heben sich gegeneinander auf.

Die Senatsverkehrsverwaltung argumentiert, dass Tempo-30-Versuche auf anderen Straßen in der Vergangenheit den NOx-Ausstoß senken konnten. Können Sie den jetzigen Versuch gar nicht nachvollziehen?

Entweder hat sich kaum einer an das Tempolimit gehalten oder die Vergleichsmessungen lassen noch keine objektive Auswertung zu. Auch die Stick­oxid-Immissionen unterliegen meteorologischen Einflüssen. Erst wenn man über mehrere Jahre Daten auswerten kann, sind mögliche Tendenzen nach oben oder unten nachweisbar.

Gibt es allgemeingültige Belege, dass Tempo 30 den Schadstoffausstoß senkt?

Die jetzigen Motoren sind für 50 und 120 Kilometer pro Stunde optimiert. Jeder Autofahrer weiß, dass er in diesen Bereichen bezüglich Kraftstoff am sparsamsten fährt, also im vierten beziehungsweise fünften oder sechsten Gang. Bei höherem Verbrauch wird mehr Diesel verbrannt, die NOx-Emissionen steigen. Die häufig gehörte Behauptung, mittlere Drehzahlen seien optimal, ist nicht generell zutreffend. Es kommt auch auf die gewünschte Motorleistung an.

Verkehrssenatorin Regine Günther wird wegen der Maßnahme scharf kritisiert. Ihre Kritiker sagen, ihr Vorgehen sei ideologisch.

Es ist anzunehmen, dass mehr der grüne Gedanke ihre Entscheidung beeinflusst hat als die komplexen technischen Zusammenhänge.

Kann Tempo 30 Fahrverbote verhindern?

Das ist nur Aktionismus. Nichts wird sich ändern, auch mit Fahrverboten wird es noch Überschreitungen an den Messstationen geben, weil man diese in Deutschland so platziert hat, dass die Abgase direkt – und nicht wie vorgeschrieben vermischt mit Umgebungsluft – eingeleitet werden. Auch hinsichtlich der Abstände von Fahrbahnrand und Kreuzung hätte man laut Richtlinie weit mehr Spielraum. Durch das Aufstellen direkt neben der Straße, oft noch kombiniert mit einer Steigung oder Parkbuchten, wollte man wahrscheinlich den Druck erhöhen, den Verkehr auszusperren. Doch gerade die Stickoxidkonzentration nimmt nur wenige Meter von einer viel befahrenen Straße entfernt deutlich ab.

Aber glauben Sie, dass Fahrverbote in Berlin kommen werden?

Warten wir ab, ob die Vernunft sich doch noch durchsetzen kann. Es geht doch nicht wirklich um saubere Luft. Die Luft ist in Deutschland so sauber wie noch nie. Es geht um eine Reduzierung des Verkehrs in den Städten. Dafür könnte man entsprechende Anreize schaffen, statt Ängste zu schüren und Fahrzeugbesitzer zu enteignen. Mit den Fahrverboten wird Volksvermögen vernichtet.

Wie schlimm steht es um die Berliner Luft aus Ihrer Sicht tatsächlich?

Die Arbeitsstättenverordnung gestattet 20-mal höhere Stickoxid-Immissionen. Wir müssten also die Bürofenster schließen, um die Luft auf der Straße nicht zu verunreinigen.

Also sind die EU-Grenzwerte nicht angemessen?

Sie stehen in keinem Verhältnis zu dem, was laut Arbeitsstättenverordnung zulässig ist. Insofern fragt man sich, an welchem Schreibtisch man sich diese ausgedacht hat. Noch gravierender sieht das bei den Feinstaubgrenzwerten aus. Allein die Meteorologie bedingt, wie häufig im Jahr es zu Überschreitungen der Tagesgrenzwerte kommt. Dennoch wurde der Partikelfilter eingeführt. Und was hat er uns gebracht? Höhere Stickoxid-Emissionen, denn auch die Partikel müssen verbrannt werden.

Mit welchen Maßnahmen, wenn nicht mit Tempo 30, könnte Berlin sonst die Luftqualität steigern?

Indem man die Standorte der Messstationen überdenkt. Dann wüsste die Bevölkerung, dass sie keinen beängstigten Werten ausgesetzt ist. Will man flächendeckend etwas für noch bessere Luft tun, muss der Verkehr insgesamt verflüssigt werden. Große Emittenten wie Busse und Anlieferfahrzeuge sind auf Elektroantrieb umzurüsten. Und: Der Lkw-Durchgangsverkehr hat in einer Stadt nichts zu suchen, auch nicht bei Stau oder Sperrungen auf Autobahnen.

Wie gut oder schlecht nimmt sich Berlin, verglichen mit anderen Metropolen, des Themas an?

Vorreiter in diesen Dingen ist und bleibt Baden-Württemberg. Aber auch Berlin verfügt schon seit zehn Jahren über eine Umweltzone.

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