Fahrscheine

Der tägliche Kampf mit dem Ticket-Automaten

Die Morgenpost-Redakteure erzählen von alltäglichen Situationen beim Ticketkauf im Berliner Nahverkehr.

BVG Fahrkartenautomat am U-Bahnhof Kurfürstendamm

BVG Fahrkartenautomat am U-Bahnhof Kurfürstendamm

Foto: Jörg Krauthöfer

Berlin. Wer mit Bus oder Bahn in der Stadt oder im Umland unterwegs ist, muss sich vor dem Start einen Fahrschein kaufen. Das kann selbst für Stammkunden durchaus eine Herausforderung sein. Morgenpost-Redakteure haben einige ihrer Alltagserlebnisse am Automaten aufgeschrieben.

„Automat außer Betrieb“

Der S-Bahnhof Schönhauser Allee im Berufsverkehr: Wie immer, wenn ich nicht mit Fahrrad unterwegs bin, hetze ich auf den Bahnsteig, stets mit dem unguten Gefühl, dass nach der nächsten S-Bahn womöglich keine mehr fährt. Fix also das Touristenpaar vor dem Ticket-Automaten überholen. Die Münzen griffbereit, die Hand am Einwurfschlitz. Aber nein – es wäre ja auch zu einfach gewesen: „Automat außer Betrieb“ steht auf dem Bildschirm. Na, toll. Mein Sohn würde jetzt sagen: „Kann ich ja nix dafür.“ Recht hat er, denke ich, und springe in die S-Bahn – ohne Fahrschein! Toll, ist gar nicht so voll. Blöd, denn dann haben auch die Kontrolleure Platz, um durch den Wagen zu laufen. So kommt’s. „Ich wollte ja“, sage ich und „Blöder Automat“. Nutzt aber nichts. Zahlungsaufforderung für 60 Euro!

Ich könne mich ja schriftlich beschweren, sagen die Herren noch. Mache ich auch. „Automat war kaputt“, schreibe ich. Lasse in dem Brief noch das Wort „Service“ fallen – und staune über die Antwort. Wir haben das überprüft, heißt es. Der Automat sei tatsächlich kaputt gewesen. Besser als ich dachte, der Laden! Aber von wegen. Denn im zweiten Absatz steht, dass es am anderen Ende des Bahnsteigs einen weiteren Automaten gebe. Der sei in Ordnung gewesen. Die S-Bahn hat natürlich Recht. Aber das nächste Mal, wenn mal wieder keine S-Bahn fährt, nehme ich ein Taxi, schicke die Rechnung an die S-Bahn und schreibe, dass ich es zumutbar fände, wenn die meine Kosten übernehmen. Mal sehen, was sie antworten. Ulrich Kraetzer

Auch das E-Ticket hat seine Tücken

Als Stammkunde von BVG und S-Bahn bin ich eigentlich fein raus: Denn im Alltag muss der Abonnent keine Einzeltickets kaufen. Anfangs bekam ich Wertabschnitte, die monatlich zu wechseln waren. Wer dies vergaß, dem drohte nach einem Tag Kulanz das erhöhte Beförderungsgeld von 60 Euro. Mit der VBB-Fahrcard, dem vom Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg herausgegebenen Ticket im Scheckkartenformat (inzwischen 450.000 Nutzer), fiel diese Sorge weg. Aber: auch das E-Ticket hat so seine Tücken.

Es fängt damit an, dass die Lesegeräte speziell in BVG-Bussen, mit denen die Gültigkeit des Tickets geprüft wird, häufig gelb statt grün leuchten. Was heißt: Die Karte ist so oft ans Lesegerät zu halten, bis es endlich grün aufblinkt. Können Sie ja mal in einem M29 im Berufsverkehr ausprobieren. Sie werden viele Freunde dabei gewinnen. Nur gut, dass es die meisten Busfahrer nicht die Bohne interessiert, ob ein einsteigender Fahrgast ein Ticket dabei hat oder nicht. Zweite Herausforderung: Die Fahrcard gilt zwar als digitales Ticket, ist aber eigentlich nur ein Fahrschein aus Plastik. Eine Übertragung aufs Handy wie bei der Bahncard, der Rabattkarte der Deutschen Bahn, seit Langem möglich, ist nicht vorgesehen. Was bedeutet: Der Jahreskarten-Inhaber muss seine Fahrcard stets dabei haben, wenn er nicht als Schwarzfahrer dastehen will. Da ich die Karte griffbereit in der Hosentasche bei mir habe, heißt es aufgepasst beim Wechsel. Der VBB-Sprecher gab mir den Tipp, die Fahrcard doch in die Handyhülle zu stecken. Irgendwie ja auch eine Form der Digitalisierung. Thomas Fülling

Hilfe mit dem Handy

Notorischen Zuspätkommern und U-Bahn-Hinterherhechlern wie mir fehlt für Ticketautomaten die Zeit. Der Klassiker: ein leichter, stetig anschwellender Wind im U-Bahnhof kündigt die U8 an. Jene, die ich nicht verpassen darf, weil ich sonst die S-Bahn verpasse, ohne die ich meinen ICE am Südkreuz verpasse. 70 Euro für den Fahrschein in den Süden und Muttis Geburtstagsparty hängen an dieser U-Bahnfahrt. Und dann das: am Ticketautomaten (nimmt keine Scheine) stehen fünf amerikanische Touristen, wedeln mit einem 50-Euro-Schein und scheitern schon bei dem Versuch, das Wort Kleingruppentageskarte zu entziffern. Der zweite Automat wird frei, die Bahn fährt ein, der Automat druckt noch,. Zurückbleiben bitte. Mist.

Dann hielt das 21. Jahrhundert Einzug in mein Leben. Ich habe die Funktion „Tickets“ in der BVG-App entdeckt. Einmal registriert und Kreditkarte hinterlegt. Jetzt dauert der Ticketkauf exakt drei Klicks und eine Passworteingabe. Lässt sich auch im Sprint erledigen. Der Fahrschein landet sofort auf dem Smartphonedisplay. Muttis Geburtstag ist gerettet. Handytickets lassen sich auch per VBB-App kaufen. Seit Neuestem dort nicht nur Einzeltickets, sondern auch Monats- und 7-Tage-Karten. Einziger Haken: die BVG erhält automatisch die Standortdaten von meinem Handy – wie lange sie meine Fahrt verfolgt, ist unklar. Wer das nicht möchte, kann seinen Startbahnhof auch manuell eingeben. Oder sich weiter mit musealen Nadeldruckern in Ticketautomaten herumärgern. Martin Nejezchleba

Ohne Münzen in der Straßenbahn

Für normalerweise mit dem Rad fahrende Gelegenheitsnutzer der BVG bedeutet der Ticketkauf vor allem in der Straßenbahn echten Stress. Was man braucht, sind Münzen, Münzen und nochmals Münzen. Denn in den Tramwagen lassen sich die Fahrkarten anders als in der U-Bahn zwar an Bord erwerben. Aber die Automaten schlucken nur Hartgeld. Scheine? Fehlanzeige. Von Kartenzahlung ganz zu schweigen. Ich werde nie begreifen, warum das alles in Metropolen wie Bremen problemlos möglich ist.

Wenn die Kleinfamilie mit einer Tochterfreundin unterwegs ist und auf die Idee kommt, zum Beispiel die M10 zu benutzen, hat man drei Möglichkeiten: Das Sparschwein des Kindes gibt die ausreichende Menge an Hartgeld her, das sich die Eltern ausleihen können. Da redet man schon mal von zehn Euro oder mehr in Silber und Kupfer. Oder es finden sich noch ein paar erworbene Vier-Fahrten-Karten im Geldbeutel, um alle Mitreisenden auszustatten.

Man ahnt, dass die Fälle nicht immer eintreten. Dann greift Variante drei. Tram besteigen. So langsam wie möglich Richtung Fahrkartenautomat durchgehen. Sich umschauen. Im Portemonnaie wühlen. Umständlich am besten. Nochmal gucken. In der Nähe des Automaten stehen bleiben. Nach Münzen wühlen. Die Bahn weiterfahren lassen. Schließlich an der Zielstation aussteigen, ohne bezahlt zu haben. Das machen viele Fahrgäste so. Sie freuen sich dann, dass sie zwar ein bisschen geschwitzt, aber auch Geld gespart haben. Joachim Fahrun

Kinderfahrscheine für alle

Erst den Fahrschein besorgen, dann einsteigen – wer aus Berlin kommt, hat diese Regel verinnerlicht. Wenn man vom Land in die Stadt will, kann das ganz anders sein. Seit die Staus in Berlin immer länger und der Parkraum knapper werden, wird Park-and-Ride auch außerhalb des ABC-Bereichs beliebter. Vorausgesetzt, man weiß, woher man den Fahrschein bekommt. Am Automaten? Eher nicht. Selbst wenn man das Glück hat, an einem Bahnhof zu starten, wo es überhaupt einen gibt, kann man fast sicher sein: Er ist kaputt, kann nicht wechseln oder nimmt keine Karten.

Was hilft da? Na klar, die App. Wer ein Handy hat, kann sich das Ticket bequem zu Hause kaufen. Was man auf jeden Fall tun sollte, denn Bahnhöfe haben nur in Berlin Wlan, auf dem Land dagegen manchmal nicht mal Handyempfang. Hat man die App (DB Navigator) einmal
heruntergeladen und sich angemeldet, geht der Fahrkartenkauf einfach. Jedenfalls fast. Eine kleine Erschwernis für Regionalreisende hat der VBB dennoch eingebaut: Wer mit Bahncard 50 zum Beispiel von Templin nach Berlin fährt, muss einen Kinderfahrschein kaufen. Andere Möglichkeiten der Ermäßigung hat die App nicht. Bei der Kontrolle einen Kinderfahrschein vorzuzeigen – das fühlt sich noch schlimmer an als gleich schwarzzufahren, oder? Doch der Schaffner der Niederbarnimer Eisenbahn verzieht keine Miene. Er kennt das Problem. Uta Keseling

Wenn die EC-Karte im Schlitz bleibt

Eigentlich ist es praktisch, am BVG-Automaten mit der EC-Karte zahlen zu können. Wer hat schon 81 Euro für eine monatliche AB-Umweltkarte in der Tasche? Und dazu noch die Nerven, den zähen Kampf mit dem Automaten auszutragen: Schein rein, kommt wieder zurück, umdrehen und erneut rein, kommt wieder zurück. Besser EC-Karte in den Schlitz, Geheimzahl eingeben, gut ist. Außer, man vergisst danach die EC-Karte wieder aus dem Schlitz zu holen. Dann ist nämlich gar nichts gut.

So passiert Anfang dieser Woche. Das Problem ist nämlich, dass die EC-Karte eine Weile mechanisch vom Automaten festgehalten wird. Man kann sie also nicht gleich wieder rausziehen, obwohl die Geheimzahl längst akzeptiert und der Kaufvorgang abgeschlossen ist. Es gibt da diese sonderbare Karenzzeit, während der gehört die Karte auf einmal der BVG – und nicht dem Eigentümer. Willkürliche Sekunden danach läuft sie ab, dann erklingt ein sehr leises Piepen, um Deppen wie mich darauf aufmerksam zu machen, dass eine herrenlose Karte auf sie wartet. „Bitte, bitte, bitte hol mich hier raus“, scheint das Piepen zu wispern. Zart und leise wie Feengesang.

Ich auf jeden Fall habe den Signalton bei all dem Lärm auf dem U-Bahnhof überhört. Zum Glück merkte ich es bald, dass ich die Karte vergessen hatte, und ließ sie sofort sperren. Dann nochmal zurück zum Automaten. Der Schlitz war leer und die Karte weg. War ja klar. Susanne Leinemann

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