Wittenau

Wie Dalldorf einen Bahnhof bekam

Historische Woche: Kiezhistoriker Lars Molzberger verrät den Besuchern die Geheimnisse der Kremmener Bahn

Wittenau.  Von Zügen im Fünfminutentakt können Fahrgäste der S25 nur träumen. Wer in Heiligensee, Tegel oder Wittenau eine Abfahrt verpasst, muss 20 Minuten warten. Ein Ausbau der eingleisigen Abschnitte auf zwei Schienenpaare ist ein Projekt für das nächste Jahrzehnt. Lars Molzberger weiß, dass es in der Geschichte der sogenannten Kremmener Bahn auch goldene Zeiten gab. Dass die Leistungsfähigkeit der Verbindung so hoch war, dass die Bahn Taktgeber war für die Entwicklung Reinickendorfs – besonders für Dalldorf, das heutige Wittenau.

Molzberger, ein Eisenbahnbegeisterter und Kiezhistoriker aus Frohnau, hat die Entstehung der Trasse, die Bauprojekte am Streckenrand ab 1905 und den Niedergang nach dem Zweiten Weltkrieg gründlich dokumentiert. Im Rahmen der vierten Historischen Woche der CDU Wittenau will er sein Wissen bei einem Vortrag am Mittwoch, dem 6. Juni, mit anderen teilen.

Die Kremmener Bahn, meint Molzberger, ist seit jeher keine Bahn wie jede andere. „Es war vor allem eine Strecke der Sparsamkeit und Effizienz.“ Als einzige Schienentrasse im Berlin der Kaiserzeit war die Kremmener Bahn für Regionalbahnen, Fernzüge und Güterwagen vorgesehen, die alle auf den gleichen Gleisen verkehrten.

Ab 1930 habe es etwa 180 Fahrten am Tag gegeben. Gesteuert wurden die Weichen damals noch per Hand – „trotzdem gab es bis zum Zweiten Weltkrieg einen Fünfminutentakt“, sagt der Fachmann. Wie anspruchsvoll diese Aufgabe gewesen sein muss, weiß Molzberger aus eigener Anschauung. Er arbeitet als Fahrdienstleiter für die S-Bahn Berlin. „Ich spiele gerne Detektiv“, erklärt der 47-Jährige seine Leidenschaft für kaum erforschte Details der Bezirksgeschichte. Alte Aufnahmen, Bauskizzen und Erzählungen von Zeitzeugen zur Kremmener Bahn hat Molzberger auf seiner Internetseite www.kremmener-bahn.net verarbeitet. Der CDU-Bezirksverordnete Björn Wohlert überzeugte ihn nun, im Rahmen der Historischen Wochen zum ersten Mal als Redner aufzutreten.

Mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges verloren der Bahnhof und die Kremmener Bahn schlagartig an Bedeutung. Die französischen Truppen ließen das zweite Gleis 1947 demontieren und setzten die Schienen für ihre eigenen Eisenbahnprojekte ein. Fortan galt die Strecke als „leistungsgemindert“. Ob die Deutsche Bahn die Zweigleisigkeit in naher Zukunft wiederherstellt? Molzberger und Björn Wohlert werden es kritisch verfolgen.

Seine eigene Neugier brachte Wohlert vor vier Jahren auf den Gedanken, die Historische Woche ins Leben zu rufen. „Eines Tages wollte ich herausfinden, was es eigentlich mit dem Luftschutzbunker an der Wittenauer Straße auf sich hat“, sagt er. Auch Bezüge zur Gegenwart sind bei der Historischen Woche in diesem Jahr wichtig. Angesichts von antisemitischen Vorfällen, die sich zuletzt in Berlin ereignet haben, wird das Thema diesmal einen Schwerpunkt bilden.

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