Neue Zahlen

Das sind Berlins gefährlichste U-Bahnhöfe

Gewaltfälle in Berlins U-Bahnhöfen nehmen zu. Auch in Trams und Bussen steigen die Zahlen. An diesen Orten ist es besonders schlimm.

Das sind die Berliner S-/U-Bahn-Typen

Breitbeinige Berliner, verwunderte Touristen und neugierige Handyspione: Die typischen Nahverkehrsnutzer gibt es in zahlreichen Facetten.

Das sind die Berliner S-/U-Bahn-Typen

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Berlin.  In Berlins Bussen und Bahnen wird es gefährlicher. In den U-Bahnen der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) hat sich die Zahl der Körperverletzungen in den letzten fünf Jahren um 17 Prozent auf 1863 Fälle gesteigert, im selben Verhältnis nahmen Delikte wie Nötigung und Bedrohung zu.

Die Zahl der Sexualdelikte in den U-Bahnen stieg sogar nahezu um das Vierfache, 125 Fälle wurden vergangenes Jahr erfasst. In den Straßenbahnen nahmen all diese Delikte ebenfalls zu, Gleiches gilt für die Busse, wo 2017 etwa Körperverletzungen um 13 Prozent und Sexualdelikte im Vergleich zum Vorjahr um mehr als das Doppelte zunahmen.

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1863 Körperverletzungen im Jahr

Die Zahlen hatte der SPD-Abgeordnete Sven Kohlmeier bei der Senatsinnenverwaltung erfragt. Delikte mit Gewaltcharakter lägen deutlich unter einem Tausendstel der jährlichen Fahrgastzahlen, heißt es in der Antwort von Staatssekretärin Sabine Smentek (SPD). Tatsächlich verzeichnet die BVG in der wachsenden Stadt Jahr für Jahr Fahrgastrekorde, 2017 etwa einen Zuwachs von 1,8 Prozent.

Die Zahl der Straftaten ist dabei aber überproportional hoch. „Man darf die Zahlen nicht schönreden, sondern muss sich der Realität stellen“, sagte Kohlmeier der Berliner Morgenpost. Allein die 1863 registrierten Körperverletzungen in der U-Bahn seien fünf pro Tag. „Berlin wächst und die BVG transportiert mehr Fahrgäste, das ist richtig. Aber selbst wenn die Straftaten in Relation zu den Fahrgastzahlen vielleicht nicht gestiegen sein mögen, hilft das den Betroffenen nicht.“

Taschendiebstähle haben stark abgenommen

Die BVG relativiert. So seien vor allem deshalb mehr Sexualdelikte registriert worden, da die Polizei inzwischen auch verbale Belästigungen als solche zähle. Auch seien die Fahrgäste inzwischen sensibilisierter und würden Delikte öfter melden. Und: „Man müsste mehr als 880 Jahre lang täglich fahren, um statistisch gesehen Opfer einer physischen Straftat zu werden“, sagte BVG-Sprecherin Petra Reetz.

Auf der anderen Seite gibt es auch Positives aus den Fahrzeugen der BVG zu vermelden, zumindest bei der U-Bahn. So hat Taschendiebstahl in den U-Bahnen massiv abgenommen. Waren die Delikte zuletzt auf mehr als 10.000 in 2016 angestiegen, waren es vergangenes Jahr weniger als 5000 (für Tram und Bus liegen keine Daten vor). Die sonstigen Diebstähle in der U-Bahn gingen um zwölf Prozent auf 1861 Fälle zurück.

SPD-Politiker Kohlmeier will mehr Sicherheitspersonal auf Bahnhöfen

Die Innenverwaltung führt das auch auf das 2011 beschlossene Maßnahmenpaket für mehr Sicherheit im öffentlichen Personennahverkehr zurück. Die darin festgelegten Doppelstreifen aus uniformierten Polizisten und Mitarbeitern der BVG sind allerdings erst seit Februar letzten Jahres wieder unterwegs. SPD-Mann Kohlmeier forderte, auf den S- und U-Bahnhöfen wieder festes Personal einzusetzen. „Es schreckt Straftäter ab, wenn auf dem Bahnhof jemand ist, der sofort eingreifen kann. Das stärkt auch das subjektive Sicherheitsgefühl der Fahrgäste“, sagte der SPD-Politiker.

Ob es bei der Berliner S-Bahn eine ähnliche Entwicklung gibt wie bei der BVG, ist unklar. Zwar hatte Kohlmeier auch nach Delikten bei der S-Bahn gefragt, laut Innenverwaltung lieferte die für diesen Bereich zuständige Bundespolizei aber keine Daten.

In U-Bahnen fühlen sich Berliner am unsichersten

Seit 2012 befragen die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) ihre Kunden regelmäßig zu ihrem Sicherheitsgefühl. Am schlechtesten schneidet dabei die „persönliche Sicherheit nachts an Haltestellen“ ab – und im Vergleich zwischen den BVG-Verkehrsmitteln liegt wiederum die U-Bahn im negativen Sinn ganz vorn. Die Fahrgäste bewerteten die Sicherheit dort relativ konstant mit einer Note um die 3,3 – bei einer Bewertungsskala von 1 (sehr gut) bis 5 (ungenügend).

Das ungute Gefühl, das viele Fahrgäste gerade in U-Bahnhöfen beschleicht, scheint einen durchaus realen Hintergrund zu haben. Wie eine Antwort der Senatsinnenverwaltung auf eine Anfrage der SPD-Fraktion belegt, werden in den U-Bahn-Stationen jedes Jahr Hunderte Straftaten registriert. Ganz oben stehen dabei Körperverletzungen.

Das sind Berlins gefährlichste U-Bahnhöfe

Die Statistik macht aber auch deutlich: Die Vorfälle konzentrieren sich auf einige wenige U-Bahnhöfe in der Stadt. Wenig überraschend ganz vorn: Der U-Bahnhof Alexanderplatz in Mitte. 2017 wurden dort 182 Körperverletzungen angezeigt – ein absoluter Spitzenwert in der Stadt. Das bedeutet zudem ein Anstieg um mehr als 50 Prozent gegenüber 2016, als 121 derartige Straftaten angezeigt wurden. Doch auch bei Raub (acht Anzeigen) und Sexualdelikten (sieben) verzeichnete die Polizei einen Anstieg.

Den Platz zwei im BVG-Ranking belegt 2017 der U-Bahnhof Kottbusser Tor (119 Körperverletzung, 25 Raubstraftaten) in Kreuzberg. Die Station ist gleichfalls schon seit Jahren als Kriminalitätsschwerpunkt bekannt. Obwohl die Station im Rahmen eines Vorzeigeprojekts besonders scharf videoüberwacht wird, stieg dort die Zahl der angezeigten Körperverletzungen nochmals geringfügig an, dafür sank die Zahl der Raubüberfälle.

Risiko, Opfer von Gewalt zu werden, steigt

Auch die weiteren Positionen in der Kriminalitätsübersicht dürften die allermeisten U-Bahn-Stammnutzer kaum überraschen: die U-Bahnhöfe Hermannplatz (76 Körperverletzungen), Osloer Straße (67), Zoologischer Garten (48), Görlitzer Bahnhof (47), Warschauer Straße (38), Leopoldplatz (37), Schönleinstraße und Gesundbrunnen (je 34) liegen – wenngleich mit deutlichem Abstand zu den beiden Spitzenreitern – in den Top Ten.

Die hohe und zudem stark gestiegene Zahl von Gewaltdelikten auf manchen U-Bahnhöfen, insbesondere an den Brennpunkten, nannte der SPD-Abgeordnete Sven Kohlmeier „erschreckend“. Er sei vor allem über die Entwicklung am Alexanderplatz überrascht, sagte Kohlmeier. Dort seien die Kontrollen verstärkt worden, dennoch sei das Risiko gestiegen, Opfer einer Straftat zu werden.

Angesichts solcher Zahlen sei es schwierig, Menschen aus Außenbezirken dazu zu bewegen, abends mit öffentlichen Verkehrsmitteln in die Innenstadt zu fahren, etwa um ins Theater oder ins Kino zu gehen. „Mir erzählen immer wieder Bürger aus meinem Wahlkreis, sie fahren abends nur mit dem Auto in die City, weil sie in der U-Bahn oder S-Bahn Angst haben“, so der aus Marzahn-Hellersdorf stammende Abgeordnete.

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