Online-Vernetzung im Kiez

Berlin entdeckt die Nachbarschaft neu

Internetplattformen, auf denen sich die Bewohner vernetzen, boomen. Gruppen erzählen, wie das Internet sie mit dem Kiez verband.

Nachbarschaftshilfe Anwohner organisieren Gartenpflege

Nachbarschaftshilfe Anwohner organisieren Gartenpflege

Foto: Sergej Glanze / Glanze/Berliner Morgenpost

Berlin. Es klingelt an der Tür. „Darf ich mir mal ihre Bohrmaschine ausborgen?“ Die Antwort: „Wer zur Hölle sind Sie denn?“ Noch vor nicht allzu langer Zeit war das der alltägliche Umgang in Berliner Wohnhäusern. Misstrauen herrschte untereinander. Auch weil kaum einer den anderen kannte. Doch das scheint sich zu ändern. Was Nachbarschaft für jeden bedeutet, wer warum dazugehört, entscheidet jeder selbst, sagen Experten. Aber: Die Berliner haben wieder Lust auf ihre Nachbarn und sie vernetzten sich mit ihnen.

Das belegt auch eine Studie des Bundesverbandes für Wohnen und Stadtentwicklung (VHW) zum Thema „Nachbarschaftsvernetzung“. Dabei wurden acht überregionale und 13 lokale Nachbarschaftsplattformen identifiziert. Markt.de oder Nachbarschaft.net mit Kleinanzeigen für den Austausch von Möbeln oder Werkzeug florieren. Hinzu kommen Gruppen über Facebook, WhatsApp und Apps wie „Quartiersnetz“ oder „Tante Inge“.

Eine der größten Plattformen ist Nebenan.de. Über 800.000 aktive Nutzer verzeichnen sie deutschlandweit, 110.000 allein in Berlin. Mehr als 6500 Nachbarschaften organisieren sich dort, in Berlin sind es über 400. Die aktivsten Viertel sind Prenzlauer Berg, Kreuzberg, Friedrichshain, Schöneberg und Charlottenburg. Das Ziel: Gruppen und Interessengemeinschaften in der Nachbarschaft finden und sich kennenlernen.

„Wir kommunizieren über Facebook mit Freunden aus aller Welt, kennen aber kaum unsere Nachbarn“, sagt Nebenan.de-Gründer Christian Vollmann. „Deshalb die Internetplattform, die dazu führen soll, dass wir uns wieder mehr im wahren Leben begegnen.“ In der Berliner Morgenpost erzählen vier Berliner, wie sie via Internet und Nachbarschaftsforen mit ihrem Kiez und den Bewohnern in Kontakt kamen.

Matthias Holzmann gründete den „Zolagarten“

Es war ein Ort für Dealer und Kleinkriminelle. Spritzen lagen im Sand des Spielplatzes, überall Müll auf den Grünanlagen. Eltern hatten Angst, ihre Kinder hier spielen zu lassen. Das waren die Zustände auf dem brachliegenden Grundstück Zolastraße/Ecke Linienstraße in Mitte. Eine Situation, die Matthias Holzmann (44) und seine Nachbarn zum Handeln zwang. Sie gründeten die Gartengruppe „Zolagarten“, um der Verwahrlosung ein Ende zu setzen.

Mehr als zwei Jahre ist das jetzt her. Heute ist hier alles picobello. Der Spielplatz ist gereinigt, Grünanlagen gesäubert, Hochbeete angelegt. Alles durch nachbarschaftliche Zusammenarbeit. Es wachsen Kräuter wie Fenchel, Anis, Gemüse wie Tomaten und Zucchini. „Jeder, der hier lebt, darf sich davon etwas mitnehmen. Es ist jetzt ein Gemeinschaftsgarten, der allen gehört“, sagt Holzmann. Hunderte Stunden Arbeit und Tausende Euro, welche die Gruppe selber investierte, stecken in dem Projekt. Jeder gibt, was er kann: Arbeitskraft, Töpfe zum Pflanzen oder Säcke mit Blumenerde. Wieder andere besorgen Holz für die Hochbeete.

Die Grünflächenverordnung der Stadt verbot dem Bezirk, das Grundstück zu verkaufen. Holzmann nahm Kontakt zum Amt auf und erzählte von dem Projekt. Deswegen kann hier jeden Sonnabend gepflegt, gejätet, gesät werden. Bislang sind über 70 Personen aus dem Kiez in der Gärtnergruppe und packen mit an. So wie Alama Evert (57). Sie kommt aus Charlottenburg. Solch ein Engagement hat sie in ihrer Nachbarschaft vermisst. „Wo ich lebte, fühlte ich nur Vereinsamung und soziale Kälte.“ Über eine Anzeige ist sie auf das Gemeinschaftsprojekt aufmerksam geworden. Heute wohnt sie in der Zehdenicker Straße, gleich um die Ecke und will in ihre neue Nachbarschaft investieren.

Matthias Holzmanns Interesse für seine Nachbarn begann viel früher. Er kam vor Jahren nach Berlin und war nur mit Arbeit beschäftigt. Stress, Hektik und die Kollegen als soziales Umfeld. Irgendwann: Burn-out. Seine Therapeutin sagte ihm dann, es fehle ihm an sozialem Leben und Zwischenmenschlichkeit. Mittlerweile ist er in vielen Nachbarschaftsgruppen aktiv und mit vielen persönlich befreundet. „Das Gute ist“, sagt er, „es geht hierbei wirklich um den Kontakt mit unserem engsten nachbarschaftlichen Kreis.“

Neue große Projekte sind im „Zola­garten“ geplant. Bald werden Kanister geliefert, die mehrere Tonnen Wasser fassen. Es sei anstrengend geworden, jedes Mal Wasser zum Gießen aus den umliegenden Häusern zu holen, erklärt der Hobbygärtner.

5000 Euro haben die Tanks gekostet. Finanziert aus Spenden. Jetzt wolle man die Freiwillige Feuerwehr einbinden, damit diese einmal im Jahr die Kanister mit Wasser füllt. Auch das Bezirksamt ist von den „Früchten“ der Nachbargemeinschaft angetan. Der Investitionsplan für 2023 sieht vor, den Spielplatz weiter auszubauen. Außerdem soll der Garten mit Graffiti verschönert werden – ein ausdrücklicher Wunsch des Bezirksamtes.

Dana und die Lebensmittel für bedürftige Nachbarn

Es klingelt an der Tür. „Komm hoch, wir haben heute wieder viel“, sagt Dana (35) in die Sprechanlage. Auf ihrem Wohnzimmertisch hat sie Lebensmittel ausgebreitet. Salat, Milch, Obst, Brot, Aufschnitt und Fleisch. Die junge Frau hat nicht etwa ihren Kühlschrank geplündert. „Das wäre heute beim Bio-Supermarkt alles in die Tonne gelandet“, sagt sie. Die Biochemikerin ist Lebensmittelretterin. In ihren Kiez verteilt sie genießbare Lebensmittel, die wegen ihres Haltbarkeitsdatums, eingedrückter Stellen oder Aussehens bei Supermarktketten, Hotels, Caterern oder Bio-Lebensmittelläden im Müll gelandet wären. Auch um bedürftige Nachbarn damit zu unterstützen. Ihre Ausbeute heute hat sie aus einem einzigen Geschäft bekommen. „Da mag man sich gar nicht zusammenrechnen, wie viel anderswo weggeworden wird“, sagt sie.

Seit Januar ist sie jetzt dabei. Oftmals sammelt sie so viel, dass sie es nicht mit dem Fahrrad transportieren kann. Dann nimmt sie ein Taxi. Auf eigene Kosten. Zu Hause angekommen postet sie die Nachricht für alle Nachbarn im Internet. Jeder kann vorbeikommen und sich etwas abholen. Ihr Credo: Lebensmittel zu retten und diese zu verteilen. „Foodsharing“ nennt sich der Trend. Hier passiert das ausschließlich für die engere Nachbarschaft.

Auch Sibille (62) kommt, von Beruf IT-Projektmanagerin. „Dieser maßlose Wohlstand ist irgendwie pervers“, sagt sie. „Es wäre für mich kein Problem, diese Lebensmittel im Supermarkt zu kaufen. Aber ich finde es schlimm, wie viel gutes Essen weggeworfen wird. Wir müssen uns wieder mehr bewusst werden, was Hungern bedeutet.“ Seit drei Monaten nimmt sie am Projekt teil. In einem Jahr will sie in Rente gehen und sich noch stärker beim Verteilen der Lebensmittel unter ihren Nachbarn engagieren.

„Die Nachfrage ist groß“, sagt Dana. Manchmal wird sie die Sachen gleich bei sich im Haus los. Ein anderes Mal gibt sie das Essen ihrem Vater mit, der sie an Bedürftige in seiner Umgebung verteilt. Und wenn etwas übrig bleibt, das nicht abgeholt wird, stellt sie es in die Kühlschränke, die an zen­tralen Orten für „Foodsharing“ stehen.

Es dauert gar nicht lange, da klingelt die Nächste an der Tür. Auch Manja (41) hat ihr Verbraucherverhalten stärker überdacht, seit sie an der Aktion teilnimmt. Sie verteilt selber, heute möchte sie aber etwas mitnehmen. „Das verändert dich. Außerdem kommst du mit Leuten in deiner Umgebung in Kontakt und wirst mit ihnen vertrauter“, sagt sie. Das Gemeinschaftsprojekt mache uns nachdenklich über unser Konsumentenverhalten, findet Sibille. „Deswegen sollen alle Nachbarn etwas davon haben, egal ob sie bedürftig oder weniger bedürftig sind. Viel wichtiger ist es, dass wir das Essen vor dem Müll gerettet haben.“

Renate aus Moabit wurde zur „Leihoma“

Renate L. (66) hat keine Enkelkinder. Dabei war das immer einer ihrer größten Wünsche. Als sie nach 48 Berufsjahren in den Ruhestand ging, wurde es leer in ihrem Leben. Irgendetwas fehlte. Heute erzählt sie: „Ich bin damals in ein tiefes Loch gefallen.“ Also kam das Gute mit dem Nützlichen zusammen. Ihre Idee: Sie entschloss, sich als Leihoma für Kinder in ihrer Nachbarschaft anzubieten und so die Familien zu unterstützen.

Die beiden eigenen Kinder von Renate sind zwar erwachsen, aber deren Familienplanung ist noch Zukunftsmusik. 2009 zog sie von Hamburg nach Berlin. Wegen der Liebe und um ihren Lebensabend hier zu verbringen. Doch dann im Ruhestand: der tiefe Fall. Zu viel Zeit, zu wenig Gesellschaft. „Durch die Arbeit wurde man wenigstens gebraucht, man hatte täglich seine Erfolgserlebnisse.“ Zu Anfang sollten kleinere Bürojobs das ausgleichen, an was sich Renate über Jahre gewöhnt hatte: Stress im Job. Das war jedoch keine Dauerlösung. „Ich brauchte Menschen um mich rum. Mein Mann hatte dafür weniger Interesse und in meinem Alter sind Freunde auch nicht mehr so vorhanden. Erst bin ich zum Nachbarschaftsstammtisch. Das hat mir aber nicht so zugesagt. Also dachte ich, wäre doch ne gute Idee, etwas mit Kindern zu machen.“

Über Nachbarschaftsplattform nebenan.de schrieb sie einen Beitrag und bot sich als Leihoma an. „Ich habe natürlich hineingeschrieben, dass ich zwar keine Enkel habe, aber eigene Kinder“, sagt sie.

Und es dauerte nicht lange, da meldete sich prompt die erste Familie. Erst wurden Kontakte ausgetauscht, ein erstes Kennenlernen vereinbart. „Mein erstes Pflegekind war zu Anfang noch sehr klein – ein Jahr alt. Ich hätte die Betreuung auch nicht bei jedem zugesagt, dazu gehört viel Vertrauen. Von beiden Seiten.“

Doch die Chemie mit den Kleinen stimmte auf Anhieb. „Er ist total schüchtern, aber absolut goldig. Ich habe ihn sofort in mein Herz geschlossen.“ Einige Wochen später meldet sich eine weitere Familie mit zwei Jungen. Einmal in der Woche ist sie seit Anfang März auch für diese Kinder da.

Nun haben über deren Eltern auch andere Familien am Betreuungsangebot von Renate Interesse bekundet. Aber zu viel will sie sich nicht zumuten. Wichtig ist für sie, dass in den Familien Augenmerk auf Erziehung und Werte gelegt werden.

Die Hilfe, die Renate ihren Nachbarn damit gibt, soll aber keineswegs die Kita ersetzen. „Es geht um die private Betreuung und darum, die Kinder auch mal weggeben zu können. Die Eltern sollen etwas Zeit für sich haben, einen Abend ausgehen können.“

Für Renate ist der Umgang mit den Kindern nun zum Hobby geworden und sie ist für die Eltern Segen und neuer Teil der Familie. „Ich könnte das nie mit alten Menschen. Ich brauche die Jugend“, sagt sie. Auch ihre Tochter und Sohn finden es super, was die Mama so macht. Mittlerweile scherzen sie: Es werde nun Zeit für ein eigenes Enkelkind. Renate macht sich da keinen Druck. „Ich mache die Arbeit ja, weil ich mich jung fühle und gebraucht werde. Und ich sehnte mich nach Anschluss an eine Familie.“

Claudia Wendland aus Rudow organisiert Hof-Flohmärkte

„Ich habe wildfremde Menschen in meiner Nachbarschaft kennengelernt. Heute fahre ich auf meinem Rad durch die Straße, kenne meine Mitmenschen und kann sie zuzuordnen“, sagt Claudia Wendland über ihr nachbarschaftliches Engagement in ihrem Bezirk, dem Blumenviertel in Rudow. Erst kürzlich haben sie dort gemeinsam über 100 Hof-Flohmärkte aus dem Boden gestampft. Am Ende wurde aus der Ansammlung ein Straßenfest für alle Nachbarn. Von Kindern mit Fahrrad bis zu Rentnern mit Rollator.

Einfach Leute auf der Straße ansprechen, fiel Claudia Wendland früher schwer. „Ich war immer die Stille, die lieber zugehört hat“, sagt sie. Wendland wohnt mit ihrer Familie im Glockenblumenweg. Ein beschauliches, ruhiges Viertel mit vielen Einfamilienhäusern und großen Grundstücken. Als im vergangenen Herbst ein Flyer für Hof-Flohmärkte in den Briefkasten flatterte, taute Wendland auf. „Den Krempel verramschen, ohne Standmiete zu zahlen? Eine Superidee! Das wollte ich auch.“

Doch für eine Anmeldung zum eigenen Stand war es leider schon zu spät. Eine Nachbarfreundin bot ihr an, sich bei ihnen einzuklinken. Für die junge Mutter war klar: Den nächsten Markt organisiert sie selbst. „Wir haben das dann übers Internet angemeldet, damit alle wissen, wo es Verkaufsstände gibt, da manche Grundstücke weit auseinanderliegen.“ Auch ein Termin im April wurde gefunden und alle Nachbarn konnten sich anmelden. Mit der Zeit gab es immer mehr Interessenten.

Durch die Vernetzung entstanden mehr und mehr Kontakte. Wieder andere kannten Firmen, die auf eigene Kosten Plakate und 4000 Zettel druckten, um für den Flohmarkt ordentlich die Werbetrommel zu rühren. Dann hieß es: Austeilen. „Das war für mich eine riesige Überwindung, auf fremde Leute zuzugehen. Ich bin in der Nachbarschaft herumgegangen, habe an Häusern geklingelt und gesagt, ich suche Leute, die mit mir die Werbung austeilen.“ Zu Wendlands Überraschung: Fast alle haben zugesagt, mitzuhelfen. „Ich dachte, wow! Ich kann Leute zusammenbringen. Und habe es geschafft, eine ganze Nachbarschaft zu mobilisieren.“

Hunderte kamen im April und besuchten die Stände. Nicht nur, um Trödel zu finden. Die Neugier für­einander war größer als gedacht. So fand eine regelrechte Grundstücks- und Gartenbeschau untereinander statt. „Die Leute waren neugierig, wie ihre Nachbarn so wohnen“, sagt Claudia Wendland.

Jedes Treffen, jede Zusammenarbeit verbindet mehr. Es entstehen lockere Freundschaften, Geburtstage werden gemeinsam gefeiert. „Ein Nachbar von uns ist Musiker und hat mir angeboten, ein Lied für meinen Vater zum Geburtstag zu schreiben“, sagt Wendland begeistert.

Die nächsten Märkte sind im September geplant. Dann sollen auch kleine Speisen angeboten werden. Die Idee zum Kulturaustausch hatte ein türkisches Nachbarpaar. Claudia Wendlands Mut hat also angesteckt. Viele Nachbarn sagen jetzt, so etwas machen wir auch.

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